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Essays·Lexikon·Autoren·Traditionen·Methode

Lexikon

Die Wörter jeder Tradition, in ihrer Ursprungssprache belegt. Um hinter den modernen Übersetzungen die präzise Operation wiederzufinden, die der Begriff bezeichnet.

ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ

A

  • Acédie · ἀκηδία (akèdia) — Christliche Mystik · French Mittägliche Trägheit und geistige Abscheu, die den Mönch zur Tagesmitte befällt und die die monastische Tradition nach Psalm 90/91 als „Mittagsdämon“ bezeichnet. *Evagrius Ponticus* zählt sie zu den acht bösen Gedanken und beschreibt sie als die schwerste: weder Sinnlichkeit noch eitler Ruhm, sondern ein Ekel vor der gegenwärtigen Stunde und dem Ort, an dem man sich befindet. Das griechische Wort *akèdia* bedeutet wörtlich „Sorglosigkeit“, die Unfähigkeit, sich um das zu kümmern, was eigentlich von Bedeutung sein sollte. Ihr sicherstes Zeichen ist nicht die Ruhe, sondern die Unrast: Der Widerwille gegen die Zelle treibt dazu, sie zu verlassen.
  • Active Hope — Abendländische Philosophie · English Bei Joanna Macy und Chris Johnstone hört Hoffnung auf, eine Prognose zu sein – *„es wird sich schon irgendwie fügen“* – und wird zur Praxis. Man *hat* sie nicht, man *übt* sie, wie man gärtnert oder Tai-Chi trainiert. Drei Bewegungen machen sie aus: der Realität ins Auge sehen, die Richtung benennen, die man entstehen lassen will, einen Schritt auf sie zugehen. Sie verlangt keinen Optimismus: Man kann sie auch dort praktizieren, wo man sich hoffnungslos fühlt, denn was sie leitet, ist nicht die Einschätzung der Chancen, sondern die Absicht. Hoffen wird zum Verb.
  • adiar o fim do mundo · différer la fin du monde — Krenak · Portuguese Ausdruck des Denkers Ailton Krenak (*A vida não é útil*, 2020; Titel seines Buches *Ideias para adiar o fim do mundo*, 2019): nicht durch Technik eine kommende Katastrophe hinauszögern, sondern die Möglichkeit offenhalten, sich eine andere Welt vorzustellen. Krenak dreht es gleich um: Das Ende liegt nicht vor uns – es hat bereits stattgefunden. Für die Völker Amerikas ist die Welt schon einmal untergegangen, mit der Eroberung. *„Den Weltuntergang aufschieben“* bedeutet also nicht, die gegenwärtige Ordnung zu verlängern, die er ablehnt, sondern zu verhindern, dass die Fähigkeit erlischt, von einer anderen Welt zu träumen. Was bei den Krenak an deren Stelle tritt, ist der Traum, praktiziert als Institution.
  • Advaita · अद्वैत (advaita) — Vedanta · Sanskrit Die Nicht-Zweiheit: wörtlich *„nicht zwei“*. Am Ende der Suche sind das individuelle Selbst (*ātman*) und das Absolute (*brahman*) keine zwei getrennten Wirklichkeiten, sondern eine einzige – hinter der scheinbaren Vielfalt. Das Wort geht durch Verneinung vor: Es sagt nicht *„eins“*, es verweigert das *„zwei“*. Die Vielfalt der Welt ist wirklich als Erscheinung, nicht als Schranke zwischen getrennten Substanzen.
  • Aeternitas · aeternitas — Abendländische Philosophie · Latin Die klassische Definition der Ewigkeit, geprägt von Boethius im fünften Buch: der vollständige und gleichzeitige Besitz eines Lebens ohne Abfolge, ohne Anfang, Mitte oder Ende. Sie steht im Gegensatz zur zeitlichen Dauer, die niemals ganz besessen wird – das Morgen fehlt noch, wenn das Gestern schon verloren ist. Die Ewigkeit ist kein sehr langer Zeitraum: Es ist eine Seinsweise, in der alles auf einen Schlag umfasst wird. Zu unterscheiden von der [*distentio animi*](/lexique/distentio-animi) Augustins, der erlebten Zeit als Dehnung und Zerstreuung der Seele; und von einer bloßen unendlichen Dauer, denn eine endlose Abfolge bleibt eine Abfolge, kein gleichzeitiger Besitz.
  • Afrotopia — Abendländische Philosophie · French Bei Felwine Sarr ist *Afrotopia* kein Ort, sondern eine aktive Utopie: nicht das Träumen von einem künftigen afrikanischen Paradies, sondern die Arbeit, im gegenwärtigen Realen des Kontinents die Keime einer möglichen Zukunft zu erkennen und sie zu befruchten. Sie lehnt die Erzählung vom „Aufholen“ ab – die Vorstellung, Afrika müsse dem wirtschaftlichen und sozialen Modell des Westens hinterherlaufen, um einen Rückstand aufzuholen. Sarr setzt dem eine Afrika entgegen, das aus seinen eigenen mythologischen, kulturellen und spirituellen Ressourcen schöpft, um seinen Weg zu erfinden. Weder Nostalgie nach einer vorkolonialen Vergangenheit noch Nachahmung von Entwicklung: ein Akt des Glaubens an Möglichkeiten, die durch Denken und Handeln Wirklichkeit werden sollen.
  • Agencement — Abendländische Philosophie · French Eine Anordnung ist ein heterogenes Gefüge, das Elemente unterschiedlicher Art – Körper, Aussagen, Affekte, Werkzeuge – zusammenwirken lässt. Sie entfaltet sich entlang zweier Achsen: einerseits Inhalt und Ausdruck, die real verschieden, aber wechselseitig voraussetzend sind; andererseits die Territorialität, die sie stabilisiert, und die Linien der Deterritorialisierung, die sie durchziehen und in etwas anderes forttragen. Was sie ausmacht, ist keine feste Struktur, sondern eine doppelte Bewegung, die stets im Gange ist.
  • Ahiṃsā · a-hiṃsā (pali identique) — Buddhismus · Sanskrit Die Nicht-Schädigung: sich enthalten, allem Lebendigen Leid zuzufügen und es zu töten. Das Wort verbindet das verneinende *a-* mit *hiṃsā*, „das Schaden zufügen“. Im *Dhammapada* entspringt diese Enthaltung nicht einem empfangenen Gesetz – sie erwächst aus der Erkenntnis, dass jedes Wesen vor Gewalt erzittert und sein Leben liebt, wie ich. Eine aktive Zurückhaltung, gegründet auf geteilte Furcht, keine bloße Passivität.
  • ahupuaʻa · prononc. « a-hou-pou-A-a » (ʻokina = coup de glotte) — Kanaka ʻŌiwi · Hawaiian Hawaiianischer Begriff (*ʻōlelo Hawaiʻi*): die große Landteilung des alten Hawaiʻi, die vom Berg bis zum Meer reicht und sich ins Meer hinein fortsetzt. George Kanahele erklärt die Etymologie: Der Name stammt von einem Steinhaufen (*ahu*), der an der Grenze aufgestellt wurde und mit dem Bild eines Schweins (*puaʻa*) gekrönt war. Das *Ahupuaʻa* ist nicht bloß eine administrative Einteilung: Es ist die Einheit, die innerhalb eines zusammenhängenden Gebiets den Zugang zu allen Ressourcen gewährleistet – denen der Höhenlagen, denen der Küste und denen des Meeres –, ohne dass die Küste jemals eine Grenze darstellte.
  • Ainu Mosir · Ainu Mosir (mosir : terre, monde, pays) — Ainu · Ainu Der Name, den die Ainu ihrem eigenen Land geben – Hokkaidō, die Kurilen, Sachalin –, bevor der japanische Staat es in „Hokkaidō“ umbenannte und zu einer zu kolonisierenden Provinz machte. Shigeru Kayano, Ältester von Nibutani und erster Ainu, der in den japanischen Reichstag gewählt wurde (1994), erläutert es selbst in seinen Erinnerungen: *Ainu Mosir* bedeutet „ein friedliches Land für die Menschen“. Das Wort *mosir* (Land, Welt, Erde) ist nicht den Menschen vorbehalten: In den göttlichen Gesängen (*yukar*) bezeichnet es auch das *kamuy mosir*, das „Land der Götter“, wo die *kamuy* wohnen. Zwei benachbarte Welten, ein einziges Wort, um beide zu benennen – sprachlicher Hinweis auf eine Kosmologie, in der die Götter nicht über den Menschen stehen, sondern neben ihnen.
  • Ajutap · awajún (tronc jívaro) ; Alto Marañón, Amazonie péruvienne — awajun · Awajun Bei den Awajún am Río Marañón ist der *<em>ajutap</em>* ein Ahnenwesen, das die Kraft zu leben verleiht. Er hat keine feste Gestalt: Er erscheint als Erdentiger (*<em>ikamñawa</em>*), Adler, Boa oder schwebender Kopf (*<em>bukea</em>*), stets in einem heftigen Wind, und spricht „wie ein Mensch“. Was er übermittelt, ist ein *<em>discurso</em>*, eine Rede, die dem Empfänger verkündet, wie sein Leben verlaufen wird. Man erhält ihn erst nach einer langen rituellen Fastenzeit – *<em>toé</em>*, Tabak und Ayahuasca, eingenommen nahe einem Wasserfall –, denn dort kommen die *<em>ajutap</em>* zum Trinken. Der *<em>ajutap</em>* ist weder ein Gott, den man anbetet, noch die Seele eines Verstorbenen: Er ist eine uralte Macht, die spricht und denjenigen lange leben lässt, der sie zu empfangen versteht.
  • Akinananti · akinananti — Shipibo-Konibo · Shipibo Das *mot shipibo-konibo*, das die Künstlerin Chonon Bensho und ihr Mann Pedro Favaron so deuten: die Arbeit, die gemeinsam, mit Liebe und Freude verrichtet wird – nicht aus egoistischen Zielen, sondern zum Wohl aller. Es ist keine Methode, um gemeinsam effizienter zu produzieren: Liebe und Freude (das Affektive) und das Gemeinwohl (das Ziel) sind der Arbeit nicht hinzugefügt, sie machen sie aus. Das Wort setzt eine Welt voraus, die aus Subjekten in Beziehung besteht – *„niemand ist in Einsamkeit“* – und nicht aus einem Vorrat an leblosen Objekten, die man entnehmen kann.
  • Akrasia · ἀκρασία (akrasia) — Abendländische Philosophie · Greek Inkontinenz, der Mangel an Selbstbeherrschung: der Zustand dessen, der das Gute kennt und dennoch das Schlechte tut, dessen Entschluss von der Leidenschaft fortgerissen wird. Der Inkontinente hat keinen festen Vorsatz, der seine Verfehlung rechtfertigt; er kämpft noch gegen sich selbst, dann gibt er nach. Aristoteles macht sie zum zentralen Problem des siebten Buches: Wie kann man gegen das handeln, von dem man weiß, dass es gut ist? Zu unterscheiden von der Zügellosigkeit (*der Zügellose*), der bewusst das Schlechte aus Überzeugung wählt und keinen inneren Kampf verspürt, und vom Laster schlechthin, das sogar das Urteilsvermögen verdirbt.
  • Aktēmosynè · ἀκτημοσύνη (aktēmosynē) — Christliche Mystik · Greek Die *Aktēmosynē* ist der freiwillige Besitzverzicht – nicht die erlittene Armut, sondern die Entbehrung, die man als Disziplin wählt. Erste der Askesen der Wüste: nichts sein Eigen nennen, damit nichts einen hält. Der Mönch nutzt sie, um das Herz zu erleichtern und es ungehindert zu Gott zu wenden.
  • aliento del Sol vivo · le souffle du Soleil vivant — Asháninka · Spanish Formulierung des asháninka-Spezialisten Eusebio Laos – auf Spanisch, der Sprache, in der er seine Kosmovision dargelegt hat, kein Wort in der asháninka-Sprache. Sie bezeichnet das Wasser nicht als Substanz oder Ressource, sondern als den *Atem* (aliento) einer lebendigen Sonne: Dieser Atem, so ließ die Sonne ihn um die Erde kreisen, damit Vögel, Tiere und Menschen leben, und die Luft ist ihr Geist („der Geist des Wassers ist die Luft“). Atmen und schwitzen – Pflanzen, Tiere, Menschen – heißt also, denselben Wasser-Atem zu teilen, den die Sonne rings um die Welt gelegt hat. Wasser ist kein Element unter anderen: Es ist der Hauch eines Gestirns, das als Person gilt, verliehen an alles, was lebt.
  • aloha ʻāina · prononc. « a-LO-ha AÏ-na » (ʻokina = coup de glotte) — Kanaka ʻŌiwi · Hawaiian Hawaiianischer Ausdruck (ʻōlelo Hawaiʻi): die Liebe zur Erde. Doch das Wort, das sie liebt, *ʻāina*, bedeutet weder „Boden“ noch „Gebiet“: Es stammt von *ʻai*, der Nahrung und dem Akt des Essens, und lässt sich, wie George Kanahele sagt, mit „das, was nährt“ übersetzen. *ʻĀina* zu lieben heißt also nicht, sich an eine Landschaft zu binden oder Besitz zu beanspruchen: Es bedeutet, an dem zu hängen, was einen ernährt – und was die Hawaiianer als lebendigen Ahnen betrachten, die Erde, geboren aus der Verbindung von *Papa* (der Erdmutter) und *Wākea* (dem Himmelsvater), von denen man abstammt. Dieser Liebe entspricht eine Pflicht zur Fürsorge, *mālama*, „mit Liebe pflegen“. *Aloha ʻāina* lässt sich als „Patriotismus“ übersetzen, bemerkt Kanahele – doch ein Patriotismus, dessen Gegenstand kein Banner ist: Es ist die nährende Erde selbst, ein Verwandter, den man nicht entweiht.
  • Aluna · aluna jaba (kággaba) — Kogi (Kággaba) · Spanish Bei den Kággaba (Kogi) der Sierra Nevada de Santa Marta bezeichnet *aluna* die spirituelle Dimension der Welt – oft als „Muttergedanke“ wiedergegeben –, in der jedes Element der Natur seinen eigenen geistigen Herrn, seinen Vater und seine Mutter besitzt und mit denen die Verbindung aufrechterhalten werden muss. Es ist kein abgetrennter Jenseitsbereich: Es ist die Kehrseite, aus der hervorgeht und sich ordnet, was erscheint. Das Wort taucht in der öffentlichen Rede der Organisation Gonawindúa Tayrona als „aluna jaba“, die Mutter in *aluna*, auf, jene, die die Geschichte jeder Sache und ihrer Verbindungen hinterlassen hat. Hier hält man sich an das, was die Kággaba selbst öffentlich gemacht haben: Das verschlossene Wissen der *mamos* wird nicht ausgegraben.
  • Amicitia · amicitia — Abendländische Philosophie · Latin Für Cicero ist die *amicitia* kein Geschäft von Gefälligkeiten, sondern die vollkommene Übereinstimmung zweier Seelen, verbunden durch gegenseitige Zuneigung, und ihr einziges Fundament ist die Tugend: ohne sie gibt es keine wahre Freundschaft. Sie entsteht nicht aus unserer Schwäche – sie füllt keine Lücke – sondern aus einer Neigung der Natur, die die Rechtschaffenheit im anderen erkennt. Daher seine Formel: Der Freund ist »ein anderes Ich«, und die wahre Freundschaft ist, weil die Natur sich nicht ändert, ewig.
  • Amor Dei intellectualis — Abendländische Philosophie · Latin Der *„intellektuelle Liebe zu Gott“* ist der Höhepunkt der *Ethik* Spinozas. Sie entsteht aus der dritten Erkenntnisart – der Intuition, die die Einzeldinge *„unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“* erfasst – als eine Freude, die von der Idee Gottes als ihrer Ursache begleitet wird. Nicht die Liebe zu einem vorgestellten, gegenwärtigen Gott, sondern diejenige, die daraus folgt, dass man begreift, dass Gott ewig ist. Selbst ewig, ist sie der Anteil, durch den der menschliche Geist an der unendlichen Liebe teilhat, mit der Gott sich selbst liebt.
  • Amor fati — Abendländische Philosophie · Latin „Liebe zum Schicksal“. Bei Nietzsche, gelesen von Deleuze, ist der *amor fati* keine Unterwerfung unter ein erlittenes Los, sondern die Bejahung des Notwendigen, wie man einen Würfelwurf bejaht: Man wirft den Zufall in einem einzigen Wurf, und man liebt die sich ergebende Kombination, weil sie notwendig ist. Der geworfene Zufall und die Notwendigkeit des Ergebnisses stehen sich nicht gegenüber – sie bilden das dionysische Paar *Zufall-Schicksal*. Das Fatale zu lieben heißt, das Wirkliche zu wollen, selbst in dem, was nicht gewählt wurde.
  • Amour de soi — Abendländische Philosophie · French Bei Rousseau ist die *Selbstliebe* ein natürliches Gefühl, das jeder Gesellschaft vorausgeht und jedes Lebewesen dazu bringt, auf seine eigene Erhaltung bedacht zu sein. Sie ist an sich weder gut noch schlecht: geleitet von der Vernunft und gemäßigt durch das Mitleid, bringt sie Menschlichkeit und Tugend hervor. Sie gehört zum Naturzustand, in dem jeder nur auf sein eigenes Wohl bedacht ist, ohne sich mit anderen zu vergleichen. Sie ist die gesunde Wurzel der Selbsterhaltung – nicht zu verwechseln mit der *Eigenliebe*, ihrer durch das gesellschaftliche Leben entarteten Zwillingsschwester.
  • Amour-propre — Abendländische Philosophie · French Bei Rousseau ist die *Eigenliebe* ein relatives, künstliches Gefühl, das in der Gesellschaft entsteht und jeden Einzelnen dazu bringt, sich selbst höher zu schätzen als jeden anderen. Sie entsteht durch den Vergleich: Sobald die Menschen zusammenleben, misst sich jeder, will beachtet, bevorzugt, geachtet werden und leitet seinen eigenen Wert aus dem Blick der anderen ab. Im Naturzustand nicht vorhanden, ist sie der Dreh- und Angelpunkt des *Discours*: Aus dieser Verschiebung von der Selbstliebe zur *Eigenliebe* erwächst die moralische Ungleichheit – samt all der Übel, die sich die Menschen gegenseitig zufügen.
  • Anachoresis · ἀναχώρησις (anachôrêsis) — Stoizismus · Greek Die *Anachorese* ist der Rückzug – doch bei Mark Aurel ein Rückzug ohne Ort: das Sich-Zurückziehen der Seele in sich selbst, wo auch immer man sich befindet. Statt Hof, Stadt oder Menge zu fliehen, zieht man sich in den inneren Bereich zurück, den niemand erreichen kann. Dieser Rückzug steht jederzeit zur Verfügung und verlangt keine Ortsveränderung.
  • Analogisme — Abendländische Philosophie · French Bei Philippe Descola ist der Analogismus eine der vier Arten, das Seiende zu bestimmen – jene, die zwischen Menschen und Nicht-Menschen *unterschiedliche Innerlichkeiten* UND *unterschiedliche Physis* annimmt. Die Welt ist hier zunächst in eine Myriade von Einzelwesen zersplittert, die durch geringe Abstände voneinander getrennt sind; diese allgemeine Zersplitterung wird sodann durch ein dichtes Netz von Entsprechungen und Analogien wieder zusammengefügt, durch die Resonanzen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Es ist die Ontologie der chinesischen Divination, der Astrologie, der Signaturenlehre: ein Universum, in dem alles mit allem widerhallt.
  • Ānanda · आनन्द (ānanda) — Vedanta · Sanskrit Im Vedānta ist *ānanda* die Seligkeit: kein Gefühl, das dem Sein widerfährt, sondern das Wesen des Seins selbst. Als dritter Begriff von *Satchidānanda* (Sein-Bewusstsein-Seligkeit) benennt es die wesentliche Wonne, die das Dasein am Dasein empfindet – wovon Lust, Schmerz und Gleichgültigkeit nur oberflächliche Übersetzungen sind. Für Sri Aurobindo ist diese Daseinsfreude unveräußerlich: vom Ego verdeckt, niemals verloren, ist sie Ursache, Triebkraft und Ziel des kosmischen Daseins.
  • Anattā · anattā (sct. anātman) — Buddhismus · Pali Das Nicht-Selbst: Nichts in den Aggregaten, die die Erfahrung ausmachen, ist ein dauerhaftes und substantielles Selbst. Dritte der drei Daseinsmerkmale und direkte Verneinung des brahmanischen *ātman*. Fernand Hû gibt es mit einer Umschreibung wieder: *„Alle Formen sind ohne substantielle Wirklichkeit.“* Verneint wird die Substanz, nicht die Erfahrung.
  • Anicca · anicca (sct. anitya) — Buddhismus · Pali Die Vergänglichkeit: Alles, was zusammengesetzt ist, entsteht, wandelt sich und zerfällt. Als erste der drei Daseinsmerkmale ist sie keine These über die Welt, sondern eine Tatsache, die es zu durchdringen gilt – wer sie *„gut durchdrungen“* hat, so der *Dhammapada*, ist vom Leiden befreit. Fernand Hû gibt sie mit einem Adjektiv wieder: Die Anhäufungen sind *„vergänglich“*.
  • Animisme — Abendländische Philosophie · French Bei Philippe Descola ist der Animismus keine archaische Glaubensvorstellung, die den Dingen eine Seele verleiht, sondern eine von vier Weisen, die Existenzweisen zu bestimmen – jene, die zwischen Menschen und Nicht-Menschen ähnliche Innerlichkeiten, aber unterschiedliche *Physicalitäten* annimmt. Ein gleicher Geist wohnt in verschiedenen Körpern: Der Bär, das Tapir, der Fluss haben eine Seele wie ich, doch ihr Körper verleiht ihnen eine andere Perspektive. Das ist die Umkehrung der modernen Naturauffassung, die uns durch die Materie verbindet und durch den Geist trennt.
  • Anthropotechnique · Anthropotechnik — Abendländische Philosophie · German Peter Sloterdijks Konzept: Die Anthropotechniken sind die – geistigen und körperlichen – Übungsmethoden, durch die der Mensch an sich selbst arbeitet und sich formt. Der Mensch erscheint darin als ein Wesen der Übung, aufgehängt an einem Imperativ, den Sloterdijk in Rilkes Apollon-Büste liest: *„Du musst dein Leben ändern.“* Religionen, Ethiken, Askesen, Sport: allesamt Praxissysteme, die unter verschiedenen Namen derselben Selbstformung durch sich selbst zugehören.
  • Apatheia · ἀπάθεια (apatheia) — Stoizismus · Greek Die stoische *Apatheia* ist nicht das Fehlen von Empfinden, sondern das Fehlen von Verwirrung: der Zustand der Seele, die nicht mehr von Leidenschaften erschüttert wird, weil sie die Urteile korrigiert hat, aus denen sie entstehen. Der Weise nimmt die Dinge noch wahr, doch kein Gegenstand entreißt ihm eine Zustimmung, die er nicht gewollt hat. Es ist keine kalte Natur, sondern ein Sieg der Vernunft über den Aufruhr.
  • Aponia · ἀπονία (aponia) — Abendländische Philosophie · Greek Die *Aponia* ist bei Epikur die Abwesenheit von körperlichem Schmerz: kein hinzugefügtes Vergnügen, sondern ein Zustand, in dem das körperliche Leiden aufgehört hat. Zusammen mit der *Ataraxia* – der Abwesenheit von Unruhe der Seele – bildet sie die beiden Seiten des höchsten Gutes. Der beruhigte Körper, der Geist ohne Unrast: die epikureische Lust verlangt nichts weiter, und alles, was vorgibt, sie zu steigern, verschiebt sie nur.
  • Appamāda · appamāda (sanskrit apramāda) — Buddhismus · Pali Wachsamkeit oder Nicht-Nachlässigkeit. Grundlegende Eigenschaft des Geistes in der Lehre des Buddha: sich nicht gehen lassen, die Aufmerksamkeit gegenwärtig halten. Der Überlieferung nach war dies das letzte Wort des Buddha vor seinem Tod.
  • Arútam · wampis (famille jívaro ; río Santiago, Amazonie péruvienne) — wampis · Wampis Bei den Wampis am Río Santiago ist der *arútam* ein mächtiger Geist – und die Kraft-Vision, die er verleiht. Diese Geister nehmen tausend Gestalten an (Faultier, Sperber, Kondor, Tiger, Blitz, Boa) und streifen überall umher, doch sie halten sich vor allem an den Stromschnellen auf. Wer „die Vision“ sucht, zieht sich dorthin in eine Hütte zurück, fastet mehrere Tage, enthält sich der Frau und nimmt Tabak, *toé* oder Ayahuasca *con bastante fe*, mit viel Glauben. Wer an die *arútam* glaubt, findet stets die Vision: Sie schenkt ihm eine bestimmte Macht – ohne Probleme zu leben, einen Feind allein durch das Wort zu beherrschen, nicht getötet zu werden. Der *arútam* ist keine Halluzination; keine Schau-Vision: Es ist eine Kraft, die man erringt und bewahrt.
  • Assentatio · assentatio — Abendländische Philosophie · Latin Schmeichelei durch Zustimmung: das Laster dessen, der stets beipflichtet, sagt, was man hören will, und nie eine gegenteilige Meinung zu der Ihren vertritt. Cicero macht sie im *Lälius* zum Hauptfeind der Freundschaft – nicht weil sie über ihren Gegenstand lügt, sondern weil sie die Wahrheit tilgt, den einzigen Boden, auf dem zwei Seelen zueinanderfinden können. Der *assentator* ist nicht in erster Linie ein Lügner: Er ist ein Mensch ohne eigenes Wesen, der sich dem Ihren *« auf das geringste Zeichen hin »* anpasst. Anders als die aufdringliche Schmeichelei (*adulatio*) ist die *assentatio* subtiler und schwerer zu entlarven, denn sie tarnt sich als aufrichtige Übereinstimmung.
  • Ataraxia · ἀταραξία (ataraxia) — Stoizismus · Greek Die Ataraxie ist keine Ruhe, die man einrichtet, sondern eine Unruhe, die man wegnimmt. Für den Stoiker wird die Seele niemals von den Dingen selbst beunruhigt – nur von den Meinungen, die sie über sie hegt. Nimm das falsche Urteil weg, und die Unruhe fällt von selbst ab: Es bleibt nichts zu besänftigen. Die Gelassenheit ist also der Grundzustand einer Vernunft, die aufgehört hat, falsch zu urteilen, nicht eine der Natur hinzugefügte Errungenschaft.
  • Ātman · आत्मन् (ātman) — Vedanta · Sanskrit Im Vedānta ist der *Ātman* das reine Selbst – nicht das psychologische Ich aus Gewohnheiten, Meinungen und Erinnerungen, sondern das absolute Subjekt, das sie beobachtet, ohne sich darin aufzulösen. Das Grundprinzip des Advaita (Nicht-Dualismus): *Ātman* = [Brahman](/lexique/brahman/). Was in jedem von uns mit der gesamten Wirklichkeit identisch ist, ist weder ein Funke noch ein Fragment – es ist dasselbe Licht, ohne Teilung.
  • Attention · προσοχή (prosochè) / sati / νῆψις (nēpsis) — Querdenken · French Bei Simone Weil ist die Aufmerksamkeit kein Akt der Konzentration, sondern ihr Gegenteil: das Aussetzen des Denkens, das sich verfügbar macht, leer, bereit, den Gegenstand zu empfangen. Man sucht nicht, man wartet; man ergreift nicht, man nimmt auf. In ihrem höchsten Grad – *„absolut unvermischt“* – wird sie zum Gebet. Doch ein und dasselbe Wort umfasst gegensätzliche Haltungen je nach Tradition: die wachsame Anspannung des Stoikers, die nackte Gegenwart des Buddhisten, die *Aufnahme* der Leere bei Weil.
  • Atterrir — Abendländische Philosophie · French Bei Bruno Latour bezeichnet *„atterrir“* einen politischen Akt: den Verzicht auf die beiden Pole, die die Moderne magnetisch anzogen – das *Globale* (der unendliche Horizont der Globalisierung) und das *Lokale* (der Boden als Zuflucht, die geschlossene Identität) –, um sich einem dritten Anziehungspunkt zuzuwenden: dem *Terrestrischen*. Das Terrestrische ist nicht „die Natur“, aus der Ferne betrachtet: Es ist die dünne Zone, in der Leben möglich ist, bevölkert von Akteuren, die auf unser Handeln reagieren. Sich in dieser Landschaft zu orientieren und herauszufinden, wo man sich niederlässt und mit wem man zusammenleben will – das bedeutet *atterrir*.
  • Autarkeia · αὐτάρκεια (autarkeia) — Abendländische Philosophie · Greek Die epikureische Autarkie ist nicht der stolze Selbstgenügsamkeit dessen, der auf andere verzichtet, sondern die Kunst, nur wenig zu brauchen – gerade genug, damit das Schicksal keinen Zugriff mehr hat. Sie erwirbt man durch die Sichtung der Begierden: Indem man die Bedürfnisse, die die Natur selbst begrenzt, von den leeren Wünschen unterscheidet, die keinen Grund haben, senkt der Weise die Schwelle des Genügenden so weit ab, dass sie stets erreichbar bleibt. Nicht ein erlittenes Entbehren, sondern eine errungene Unabhängigkeit.
  • Autopoiesis · autopoïèse (grec auto- + poièsis) — Abendländische Philosophie · English Begriff, geprägt von Humberto Maturana und Francisco Varela (*Autopoiesis*, um 1972), aus dem Griechischen *auto-* (selbst) und *poiēsis* (machen, hervorbringen): *„sich selbst machen“*. Er bezeichnet das eigentümliche Merkmal des Lebendigen – nicht eine Substanz, noch eine Liste von Bauteilen, sondern eine Organisationsweise. Ein lebendes System ist ein Netzwerk, dessen einzige Funktion darin besteht, die Komponenten zu erzeugen und zu regenerieren, die wiederum das Netzwerk hervorbringen. Es ist in seiner eigenen Organisation geschlossen: Es stellt kein äußeres Objekt her, sondern sich selbst – fortwährend. Eben diese Rückkopplung – hervorgebracht durch seine Komponenten, Erzeugerin dieser Komponenten – unterscheidet das Lebendige von jeder mechanischen Anordnung. *„Autopoiese“* ist die übliche deutsche Entsprechung.
  • Ayllu · aymara ; mot partagé avec le quechua — Aymara · Aymara Aymara-Wort aus den Andenhochländern (mit dem Quechua geteilt), das gewöhnlich mit *„Gemeinschaft“* übersetzt wird – doch der aymarische Jurist Fernando Huanacuni Mamani hält dies für zu kurz, um zu erfassen, was es trägt. Der *ayllu* ist nicht die Gesellschaft der Menschen: Es ist die *„Einheit und Struktur des Lebens“*, die erweiterte Gemeinschaft, in der Tiere, Insekten, Pflanzen, Berge, Luft, Wasser, Sonne, die Ahnen und *„sogar das, was unsichtbar bleibt“* ihren Platz haben, der Mensch darin nur ein Faden unter anderen. Die Folge ist ebenso sprachlich wie politisch: Im *ayllu*, so Huanacuni, *„gibt es keinen Raum für den Begriff ‚Ressource‘“*, denn wo alles lebt, existieren Wesen – keine Objekte.
  • Ayni · ayni (aymara et quechua) — Aymara · Aymara Andines Prinzip der Gegenseitigkeit: Was man empfängt, verlangt nach einer Gabe im Gegenzug – im selben Moment oder zu einer anderen Zeit. Fernando Huanacuni Mamani bezeichnet es als *„die Energie, die zwischen allen Existenzformen fließt“* – nicht nur ein Austausch zwischen Menschen, sondern der Strom der Hilfe, der die Gemeinschaft, die Mutter Erde und das Kosmos verbindet. Der *Ayni* ist die konkrete Grammatik des andinen *guten Lebens*: Man hortet nicht, man gibt zurück; alle wirtschaftlichen, rechtlichen oder landwirtschaftlichen Beziehungen leiten sich daraus ab. Sein Bild ist nicht die Waage des Vertrags, sondern der Kreislauf, der das Gleichgewicht des Ganzen erhält.

B

  • Bandaiyan · bandaiyan — Wandjina · Ngarinyin Wort aus der Sprache der Ngarinyin (Kimberley, Nordwest-Australien), das der Älteste David Mowaljarlai für den gesamten Kontinent verwendet, den er als einen einzigen lebendigen Körper begreift – er selbst untertitelt es mit *„Corpus Australis“*. Das Glossar seines Buches übersetzt es mit: die Landmasse, die Natur, die Menschen in Beziehung. Das Land liegt flach auf dem Rücken, seine benannten Regionen wie die Teile eines Körpers: der Kopf im Norden (*Kap York, Arnhemland, Kimberley*), der Nabel in der Mitte (*Uluru*), der Bauch im Westen (*wadi*), die Lungen unter dem *Golf von Carpentaria*. Im Inneren hält sich die Schlange *Wunggud* auf, die die Natur auf der Oberfläche ihres Körpers wachsen lässt. Die Menschen bewohnen es nicht als Eigentümer, sondern handeln *„wie ein einziger Körper“* (*a corporation*); der Körper ist *„unversehrt“*, und das Land *„wirkt für die Menschen“* – selbst dort, wo niemand lebt. ≠ Karte / Territorium (eine Fläche, die man abgrenzt und aufteilt), ≠ *„Körper“* im politischen Sinn (Staatsmetapher, nur Menschen), ≠ Umwelt (das, was uns umgibt). Wort, das auch mit den benachbarten Völkern *Worora* und *Wunambal* geteilt wird.
  • Baqāʾ · بقاء (baqâ) — Sufismus · Arabic Arabisches Wort mit der Bedeutung *„Lebensunterhalt“*, *„Beständigkeit“*. Das genaue Gegenteil des Erlöschens (*fanāʾ*): das, was in Gott bleibt, nachdem das abgetrennte Ich ausgelöscht ist. Keine Rückkehr zu sich selbst, sondern ein neues Leben, in dem der Mystiker durch Gott besteht – und nicht mehr aus sich selbst. Garcin de Tassy veranschaulicht den Gedanken mit dem Atom, das, verloren in der Sonne, *„an ihrer ewigen Dauer teilhat“*.
  • Barbaros · βάρβαρος (bárbaros) — Abendländische Philosophie · Greek Griechisches Wort, das den Fremden allein am Klang seiner Sprache bezeichnet: Für das hellenische Ohr, das nicht versteht, spricht der andere nicht – er macht »bar-bar«, ein unartikuliertes Geräusch. Der Barbar ist also nicht durch das bestimmt, was er ist, sondern durch das, was ich von ihm von meinem Ufer aus nicht erfasse. Der Begriff trägt in seinem Ursprung selbst die Provinzialität des Urteils, das er fällt: Er sagt weniger über den anderen aus als über die Grenze meines Verständnisses.
  • barzakh — Sufismus · Arabic Liminaler und intermediärer Raum, bezeichnet der *Barzakh* die Landenge, die zwei Seinszustände trennt, ohne sich mit ihnen zu vermengen. Er ist weder ganz der eine noch ganz der andere, sondern der Ort, an dem sich ihr Gegensatz in einer fruchtbaren Spannung auflöst. Im sufischen Denken verkörpert er jene Zone, in der das Bewusstsein zwischen <em>Anwesenheit</em> und <em>Abwesenheit</em>, zwischen Leben und Tod oszilliert, ohne je bei dem einen oder anderen innezuhalten.
  • Béatitude · beatitudo — Abendländische Philosophie · Latin Bei Spinoza ist die *Seligkeit* kein Lohn, der nach dem Tod versprochen wird, noch die Folge eines tugendhaften Lebens: Sie ist die Tugend selbst, gleichgesetzt mit der intellektuellen Liebe zu Gott. Es ist der Zustand der Seele, die die Dinge durch die dritte Erkenntnisart – die intuitive Erkenntnis – erkennt und die in diesem Akt vollkommen tätig, frei und mächtig ist. Die Seligkeit krönt nicht die Anstrengung; sie ist ihr *Stoff*.
  • Bhakti · भक्ति (bhakti) — Vedanta · Sanskrit Die Hingabe: die Liebe zu Gott als Weg der Befreiung, neben dem Weg der Erkenntnis und dem des Handelns. *Bhakti* ist kein Gefühl, das zur religiösen Praxis hinzutritt; es ist eine vollständige Selbsthingabe, bei der der Gläubige das Göttliche zum einzigen Gegenstand seines Denkens, seines Tuns und seiner Verehrung macht. Die *Gita* widmet ihr ein ganzes Kapitel (den „Yoga der Anbetung“) und erklärt sie zum zugänglichsten Pfad: Während die Erkenntnis des Unsichtbaren eine Anstrengung erfordert, die nur wenige durchhalten, öffnet die Liebe zu einem persönlichen Gott die Erlösung für alle – bis hin zum Geringsten.
  • biiskabiyang · le retour à soi — Anishinaabe · Nishnaabemowin Das Wort *nishnaabemowin*, geprägt von der michi saagiig nishnaabeg-Autorin Leanne Betasamosake Simpson (*As We Have Always Done*, 2017): der – individuelle wie kollektive – Prozess der Rückkehr zu sich selbst: das Wiederaneignen dessen, was man zurückgelassen hat, das Wiederauftauchen, das Sich-Entfalten von innen nach außen. Kein Rückwärtsgehen: eine Rückkehr in die Gegenwart, die sich durch Praktiken vollzieht (*die Sprache, das Fischen, der Wildreis, die Zeremonie*) und nicht durch Introspektion. Bei Simpson steht es für die von innen erlebte Dekolonisierung und Resurgenz.
  • Brahman · ब्रह्मन् (brahman) — Vedanta · Sanskrit Im Vedānta bezeichnet Brahman die allgegenwärtige, absolute und unendliche Wirklichkeit, den Grund alles Existierenden. Weder bloßer Begriff noch eine göttliche Persönlichkeit unter anderen: Es ist das Sein an sich, das Selbstbewusstsein, die Glückseligkeit (*Satchidānanda*), die das Kosmos trägt, ohne sich darin zu erschöpfen. Brahman ist zugleich das unaussprechlich Transzendente und das Immanente, das jede Form durchdringt — das Eine, von dem nichts ausgeschlossen ist.
  • Bu-zheng · 不爭 (bù zhēng) — Daoismus · Chinese Die Nicht-Auseinandersetzung: nicht kämpfen, nicht in Rivalität um einen Platz treten. Es ist weder Resignation noch Rückzug, sondern eine Art zu handeln, die Nutzen bringt, ohne sich entgegenzustellen. Im achten Kapitel des *Tao Te King* ist das Wasser ihr Sinnbild: Es tut allen Wesen Gutes und »streitet nicht«, indem es die Tiefe einnimmt, die die Menge verachtet. Weil er niemandem etwas streitig macht, zieht der Weise keinen Tadel auf sich.

C

  • Capital personnifié — Abendländische Philosophie · French Hier die Übersetzung: Mit der Formel, mit der Marx im *Kapital* den Kapitalisten nicht als eine von Gier getriebene Person fasst, sondern als „bewussten Träger“ einer unpersönlichen Bewegung: eines Werts, der sich selbst verwertet, dessen einziges Motiv die stets wachsende Aneignung abstrakten Reichtums ist. In dieser Figur wird das Mittel – das Geld, der Tauschwert – zum Subjekt, und der Mensch ist nur noch der Ort, an dem diese Bewegung sich ihrer selbst bewusst wird. Der maßlose Charakter des Erwerbs ist hier also kein Temperamentsfehler, den man zügeln könnte, sondern die Logik einer Form: Kaufen, um teurer zu verkaufen, schließt sich auf seinen eigenen Ausgangspunkt zurück und kennt kein Ende.
  • Cheng · 誠 (chéng) — Querdenken · Chinese Die konfuzianische Aufrichtigkeit, doch verstanden in einem starken Sinn, den das französische Wort abschwächt: nicht die Ehrlichkeit gegenüber anderen, sondern das vollkommene Zusammenfallen eines Wesens mit seiner eigenen Wirklichkeit. Das *Zhongyong* macht sie zum Weg des Himmels selbst; bei Zhou Dunyi und Zhu Xi ist sie die Grundlage der Tugenden und die treibende Kraft, die die Dinge zu ihrer Vollendung führt. Vollkommen *cheng* zu sein, heißt, sein Wesen zu verwirklichen – und in derselben Bewegung das aller Dinge zu vollenden. (Der Konfuzianismus hat keinen eigenen Eintrag in der Nomenklatur: dieser Begriff wird dort als übergreifend klassifiziert.)
  • Chien de paille · 芻狗 (chú gǒu) — Daoismus · Chinese Das aus Stroh geflochtene Hundebildnis, das man für ein Opfer aufrichtete: während des Rituals mit Schmuck behängt, dann weggeworfen und zertreten, sobald die Zeremonie vorbei war. Lao-Tse macht daraus das Bild der Unparteilichkeit von Himmel und Erde, die *„alle Wesen betrachten wie den Strohhund“* – ohne Zuneigung beim Kommen, ohne Verachtung beim Gehen. Nicht grausame Gleichgültigkeit, sondern die vollkommene Gleichheit eines Kosmos, der niemanden bevorzugt.
  • Christogenèse — Abendländische Philosophie · French Bei Teilhard de Chardin ist die Christogenese die christliche Fortsetzung des Aufstiegs des Kosmos: Wenn die Welt auf ein Zentrum zuläuft und dieses Zentrum Christus ist, dann ist die „Christogenese“ des heiligen Paulus und des heiligen Johannes nichts anderes als die Fortsetzung der Noogenese, die selbst den Höhepunkt der Kosmogenese darstellt. Die Entwicklung des Universums, seine Zusammenziehung zum Omega-Punkt, wird hier als eine Konvergenz in ein personales Zentrum gelesen – den kosmischen Christus –, der das gesamte Werk der Schöpfung organisch in sich aufnimmt.
  • Chthulucène — Abendländische Philosophie · French Name, den Donna Haraway für unsere Epoche vorschlägt – gegen das Anthropozän und das Kapitalozän. Gebildet aus zwei griechischen Wurzeln – *khthôn*, die Erde und ihre unterirdischen Mächte, und *kainos*, das „Jetzt“ – bezeichnet er einen Zeit-Ort, an dem Menschliches und Nicht-Menschliches untrennbar verflochten sind, an dem es darum geht, *mitzumachen* und *mit dem Trouble zu bleiben*, statt in eine reparierte Zukunft oder einen angenommenen Kollaps zu fliehen. Nichts mit Lovecrafts Cthulhu zu tun: Haraway hält am *Chthonischen* fest, an den Wesen der Erde, tentakelhaft und vielfältig.
  • clinamen — Abendländische Philosophie · Latin Minimale und unvorhersehbare Abweichung der Atome in ihrem Fall, die ein Prinzip der Freiheit innerhalb eines mechanischen Determinismus einführt. Diese winzige Bewegung, ohne bestimmbare Ursache, ermöglicht das Entstehen von Formen und Existenzen, indem sie die absolute Notwendigkeit durchbricht. Sie verkörpert den Abstand, durch den sich die Natur erneuert und der sterilen Wiederholung entgeht.
  • Clôture opérationnelle · operational closure (anglais) — Abendländische Philosophie · English Bei Varela ist das Kriterium, um ein kognitives oder lebendiges System nicht über seine Ein- und Ausgangsbeziehungen, sondern über die *Geschlossenheit* seines Funktionierens zu verstehen: Ein System mit *operationeller Geschlossenheit* ist ein Netzwerk von Prozessen, deren Ergebnisse diese Prozesse selbst sind – eine Schleife, die in nichts außerhalb ihrer selbst mündet. Es geht nicht um das Fehlen von Austausch mit der Umgebung (das System bleibt auf materieller und energetischer Ebene offen), sondern um die Autonomie seiner Organisation: Was es definiert, ist nicht das, was ein- oder ausgeht, sondern die Tatsache, dass sein Operieren sich in sich selbst schließt. Ein solches Netzwerk entzieht sich der Heteronomie – der Steuerung durch äußere Mechanismen.
  • Collapsologie · du latin collapsus, « qui est tombé en un seul bloc » — Abendländische Philosophie · French Von Pablo Servigne und Raphaël Stevens geprägter Begriff für die transdisziplinäre Erforschung des möglichen Zusammenbruchs der industriellen Zivilisation und dessen, was ihr folgen könnte. Weder Unheilsprophetie noch Rückzugsratgeber, sondern ein Versuch nüchterner Erkenntnis – zusammengesetzt aus wissenschaftlichen Daten, Vernunft und Intuition –, um dem Kommenden ins Auge zu blicken und gelassen zu erörtern, was damit anzufangen ist.
  • Como en un panal de avispas · expression du relator shawi ; « comme dans un nid de guêpes » — shawi · Spanish Um die Gestalt der Welt zu beschreiben, greifen die Shawi des peruanischen Amazonas nicht zuerst auf eine Karte oder einen Himmel zurück: Sie sagen, *el mundo es ovalado como el panal de las avispas*, die Welt sei oval wie das Wespennest. Das Bild ist nicht dekorativ. Ein Wespennest ist geschlossen, wabenartig, aus miteinander verbundenen Zellen; so ist auch die shawische Welt ein geschlossenes Volumen, überzogen von einer riesigen bläulichen Schicht aus „Erde“ der Sonne, in der jeder Raum – der des Wassers, des Untergrunds, des Regens, des Winds, des Mondes, der Sonne, der Toten – eine bewohnte Zelle ist, mit ihrer „Mutter“ (*a’shin*). Die Welt zu bewohnen bedeutet für einen Shawi, sich in einer dieser Zellen eines gemeinsamen, belebten Körpers zu wissen. Das Wespennest ist keine poetische Metapher: Es ist ein kosmologisches Modell – eine Geometrie der Welt ≠ ein schmückendes Bild.
  • Complexité — Abendländische Philosophie · French Bei Edgar Morin ist Komplexität nicht Kompliziertheit (eine große Anzahl zu zählender Teile), sondern der Charakter dessen, was *zusammengewoben* ist – das lateinische *complexus* bedeutet wörtlich *„das, was verwoben ist“*. Ein komplexes Phänomen lässt sich nicht auf seine Teile reduzieren: Das Ganze und die Teile bringen sich darin wechselseitig hervor. Komplexität zu denken heißt, das Denken abzulehnen, das zerschneidet, isoliert und vereinfacht.
  • Complexité-conscience — Abendländische Philosophie · French Das Gesetz der Komplexität-Bewusstsein ist die Achse von Teilhards ganzem Denken: Je mehr sich Materie organisiert und verkompliziert, desto mehr verinnerlicht sie sich und wird bewusst. *Komplexität* außen und *Bewusstsein* innen sind keine zwei parallelen Phänomene, sondern die beiden Seiten ein und derselben Bewegung – der Einrollung des Universums in sich selbst, vom Einfachsten zum äußerst Komplizierten, erkauft durch einen korrelativen Aufstieg der Innerlichkeit.
  • Conatus · conatus — Abendländische Philosophie · Latin Der Einsatz, durch den jedes Ding danach strebt, in seinem Sein zu verharren. Bei Spinoza ist dies kein Attribut des Dinges, sondern sein Wesen selbst in actu: ein Stein, ein Baum, ein Mensch sind nichts anderes als der Drang, durch den sie sich im Dasein erhalten. Der *Conatus* ist die Achse, um die sich die gesamte *Ethik* dreht – Begierde, Freude, Tugend lassen sich darauf zurückführen.
  • Contentement de soi (acquiescentia in se ipso) · acquiescentia in se ipso — Abendländische Philosophie · Latin Bei Spinoza ist die Selbstzufriedenheit eine Freude, die aus der Betrachtung entsteht, die der Mensch von sich selbst und seiner Handlungsmacht anstellt. Es ist kein vages Gefühl der Befriedigung: Es ist ein aktiver Affekt, allein durch die Vernunft hervorgebracht, der jedes Mal aufkommt, wenn die Seele sich angemessen erkennt – das heißt, klar sieht, was aus ihrer eigenen Macht folgt. Diese Zufriedenheit ist die größtmögliche, und sie ist beständig.
  • continuing unity · une unité continue — Dakota (Sioux) · English Ausdruck von Vine Deloria Jr. (*God Is Red*, 1973) – auf Englisch, seiner Schreibsprache, kein Wort aus einer indigenen Sprache. Es benennt die Art und Weise, wie in vielen ursprünglichen Denkweisen Amerikas Gemeinschaft und Familie ein Ganzes bilden, das der Tod nicht zerbricht: Der Verstorbene geht nicht in eine ferne Anderswelt, er bleibt auf dem Land der Seinen, und sein Körper wird wieder zu dem Staub, der nährt, was ihn einst genährt hat. Der Tod ist dann kein Bruch mehr, sondern nur *„ein Übergang von einer Erfahrungsform in eine andere“* innerhalb eines größeren Lebens, das weitergeht. Deloria stellt dies der westlichen Religion des individuellen Heils gegenüber, in der die Seele in ein Jenseits gelangt, das von jedem Boden losgelöst ist.
  • Contre-productivité — Abendländische Philosophie · French Schwelle, jenseits derer ein Werkzeug oder eine Institution das Gegenteil ihres Zwecks hervorbringt: die Schule, die verdummt, der Verkehr, der lahmlegt, die Medizin, die krank macht. In *Die Konvivialität* nennt Illich dies den *„zweiten Mutationsschwellenwert“* – den Moment, in dem ein Werkzeug ab einem bestimmten Wachstumspunkt aufhört, dem Menschen zu dienen, und ihn stattdessen manipuliert. Später wird er den Begriff der *„Gegenproduktivität“* präzisieren (insbesondere in *Die Nemesis der Medizin*), doch der Gedanke ist hier bereits vollständig ausgeführt: nicht bloß ein sinkender Ertrag, sondern eine Verkehrung des Werkzeugs gegen seinen eigenen Daseinsgrund.
  • Convivialité — Abendländische Philosophie · French Bei Ivan Illich bezeichnet *Konvivialität* eine Lebensweise, in der das Werkzeug im Dienst der in ihre Gemeinschaft eingebundenen Person steht – und nicht umgekehrt. Eine Gesellschaft ist konvivial, wenn jeder die Freiheit behält, mit beherrschbaren Instrumenten zu handeln; sie hört auf, es zu sein, sobald das Werkzeug, jenseits einer bestimmten Schwelle, den Menschen manipuliert und zum Konsumenten-Nutzer degradiert. Der Begriff meint nicht die <em>Wärme eines gemeinsamen Essens</em>, sondern eine Politik des Werkzeugs.
  • Corps sans organes — Abendländische Philosophie · French Der *Körper ohne Organe* (KoO) ist kein zerstörter Körper noch ein idealer Körper: Er ist die Immanenzebene des Begehrens, die Fläche, auf der freie Intensitäten zirkulieren, die jeder Organisation in Organe und Funktionen vorausgehen. Er steht dem Organismus entgegen – also dem, was das Leben sich als Grenze und Einschluss gibt –, nicht um ihn zu zerstören, sondern um die Organisation aufzulösen, die seine Durchgänge blockiert. Es ist eine Praxis, kein Begriff: Man erreicht ihn nicht, man gelangt unablässig zu ihm.
  • Country · « le Pays » (rendu FR, trad. A. Delmas) — Apaläsch · English Aus dem australischen Aboriginal-Englisch, großgeschrieben, für den lebendigen und relationalen Raum, der Land, Gewässer, Lebewesen, Erzählungen, Gesetz und Ahnen umfasst – und dessen verantwortliche Mitglieder, nicht Eigentümer, die Menschen sind. *Country* lässt sich weder mit „Land“ (im Sinne einer begrenzten Nation) noch mit „Gebiet“ (eine Fläche, die man besitzt) übersetzen: Es ist ein Ort, der Leben gibt und empfängt, den man besucht, zu dem man spricht, den man pflegt. Tyson Yunkaporta (Clan Apalech) begreift ihn als den eigentlichen Grund von Wissen und Gesetz: Man lernt nicht *über* das *Country*, man lernt *von* ihm.
  • Couplage structurel · structural coupling (anglais) — Abendländische Philosophie · English Bei Maturana und Varela die Art und Weise, wie ein System mit operationaler Geschlossenheit mit seiner Umgebung interagiert, ohne dass diese seine inneren Zustände vorschreibt. Die wiederkehrenden Wechselwirkungen mit der Umwelt lösen Veränderungen im System aus – sie *stören* es –, legen sie aber nicht fest: Die Umgebung schreibt nichts vor, sie ermöglicht lediglich eine Auswahl, deren Form sie nicht bestimmt. Ein strukturell gekoppeltes System unterscheidet sich darin von einer Maschine, deren Ein-/Ausgabeverhalten von außen durch einen Konstrukteur festgelegt ist: Im Verlauf seiner Kopplungsgeschichte *konstruiert* es die Welt, auf die es antwortet.
  • Cupiditas — Abendländische Philosophie · Latin Bei Spinoza ist das Begehren: kein Mangel, der zu füllen, kein Laster, das auszurotten wäre, sondern das Wesen des Menschen selbst. Es ist der Trieb – das Streben, mit dem jedes Wesen in seinem Sein beharrt – der sich seiner selbst bewusst wird. Spinoza kehrt die gängige Ordnung um: Wir begehren eine Sache nicht, weil wir sie für gut halten, sondern wir halten sie für gut, *weil* wir sie begehren. Die Knechtschaft liegt also nicht im Begehren als solchem, sondern im passiven Begehren, das aus unangemessenen Ideen entsteht; das Begehren, das aus der Vernunft entspringt, hingegen *«kann kein Übermaß haben»*.

D

  • Datong · 大同 (dàtóng) — Querdenken · Chinese Die »Große Eintracht«: das ideale Zeitalter, in dem die Welt gemeinsam gehalten wird (*tianxia wei gong* 天下為公), ohne Grenzen, ohne Klassen, ohne abgeschlossene Familien, in dem alle Alten und alle Kinder wie die eigenen behandelt werden. Zuerst skizziert im Kapitel *Liyun* des *Buchs der Riten*, wird das Motiv von Kang Youwei (1858–1927) aufgegriffen und zu einer universalistischen Utopie systematisiert: Abschaffung der Unterscheidungen zwischen Staaten, Rassen, Geschlechtern und Abstammungslinien im Namen einer grenzenlosen Menschlichkeit (*ren* 仁). (Der Konfuzianismus hat keinen eigenen Eintrag in der Nomenklatur: dieser Begriff wird dort als übergreifend klassifiziert.)
  • De · 德 (dé) — Daoismus · Chinese Das *De* ist nicht die moralische Tugend im Sinne eines Verdienstes oder einer Gesetzestreue. Es ist die eigentümliche Wirkmacht eines Wesens: was das *Tao* in ihm niederlegt und es gemäß dem wachsen lässt, was es ist. Das *Tao* erzeugt, das *De* nährt. Tugend im alten Sinne von Kraft, die befähigt – der Saft, der bewirkt, dass etwas ganz zu sich selbst kommt.
  • Décréation — Christliche Mystik · French Von Simone Weil geprägter Begriff für das Einwilligen, nicht mehr der Mittelpunkt zu sein – *„das Geschaffene ins Ungeschaffene übergehen zu lassen“*. Nicht sich selbst zu zerstören (was das Geschaffene ins Nichts überführen würde), sondern in sich das *Ich* aufzulösen, das den ganzen Raum einnimmt, um das eintreten zu lassen, was sie *Gnade* nennt.
  • Décroissance · de-growth (trad. angl.) ; à entendre comme « a-croissance », sur le modèle d'« a-théisme » — Abendländische Philosophie · French Losung von Serge Latouche geprägt, um den freiwilligen Ausstieg aus der Wachstumsgesellschaft zu benennen – den Verzicht auf den Kult des Wachstums um des Wachstums willen. Weder Rezession noch „negatives Wachstum“, sondern Bruch mit einer Vorstellung: jener, die die wirtschaftliche Expansion zum Selbstzweck und den Menschen zum bloßen Mittel macht. Latouche sieht darin eine *„A-Wachstum“*: nicht die Produktion in derselben Welt verringern, sondern die Welt ändern.
  • Deep Ecology · écologie profonde / Soi écologique (deep ecology, ecological self) — Abendländische Philosophie · English Bewegung und philosophische Haltung, die der Norweger Arne Naess 1973 benannte – im Gegensatz zu einer „oberflächlichen“ Ökologie (*shallow*). Die oberflächliche Ökologie bekämpft Verschmutzung und Ressourcenerschöpfung, aber stets im Dienst der Gesundheit und des Wohlstands der Menschen in reichen Ländern: Die Natur bleibt dabei ein zu verwaltender Bestand für unseren Komfort. Die *tiefe Ökologie* hingegen stellt das Bild vom „Menschen-in-seiner-Umwelt“ infrage und setzt stattdessen ein umfassendes Beziehungsgeflecht, in dem Organismen als Knotenpunkte gelten. Ihr innerer Antrieb ist die „Selbstverwirklichung“ (*Self-realisation*): die Erweiterung des engen Ichs, des Egos, hin zu einem *Selbst*, das sich mit einem weit größeren Lebensfeld identifiziert. *„Tiefe Ökologie“* und *„ökologisches Selbst“* sind die gängigen französischen Lehnübersetzungen.
  • désespoir métaphysique — Abendländische Philosophie · French Zustand radikalen Bruchs mit der scheinbaren Ordnung der Welt, in dem Vernunft und etablierte Werte unter dem Gewicht einer unerträglichen Wahrheit zusammenbrechen: der Abwesenheit eines letzten Grundes. Diese Verzweiflung ist nicht psychologisch, sondern ontologisch, sie enthüllt den Abgrund unter den moralischen, ästhetischen oder religiösen Gewissheiten. Sie wirkt wie eine schmerzhafte Klarheit, in der der Mensch die Willkür der Systeme erkennt, die vorgeben, dem Dasein einen Sinn zu verleihen.
  • Déterritorialisation — Abendländische Philosophie · French Die *Deterritorialisierung* ist die Bewegung, durch die eine Anordnung ihr Territorium verlässt – verlässt, was sie stabilisierte, definierte, ihr ihr „Zuhause“ gab. Diese Bewegung ist untrennbar von ihrem Korrelat: der *Reterritorialisierung*, die die Fluchtlinie auf einem neuen Boden – real oder imaginär – überlagert. Die *Deterritorialisierung* ist also kein bloßer Verlust: Sie ist der Motor der Veränderung selbst, mal blockiert und in *Reterritorialisierung* umgelenkt, mal bis ins Absolute vorangetrieben.
  • Déterritorialisation absolue — Abendländische Philosophie · French Bei Deleuze und Guattari ist die absolute Deterritorialisierung kein höherer Grad der relativen Deterritorialisierung: Es handelt sich um ein anderes Bewegungsregime. Die relative verlässt ein Territorium, um ein anderes zu gewinnen – sie bleibt in den Schichten und ihren Ausgleichen gefangen. Die absolute unterscheidet sich qualitativ, nicht quantitativ: unabhängig von jeder Geschwindigkeit verbindet sie die Fluchtlinien miteinander und zeichnet die Konsistenzebene. Sie ist sogar primär: das Relative ist nur ihre Schichtung.
  • Devenir-animal — Abendländische Philosophie · French Das *Werden-Tier* ist weder die Nachahmung eines Tieres noch die Identifikation mit ihm: Es bedeutet, in eine Nachbarschaftszone mit Partikeln, Geschwindigkeiten, Affekten einzutreten, die die des Tieres sind, ohne dass man es wirklich wird. Es ist ein molekularer Prozess, ein Bündnis eher als eine Abstammung, eine Ansteckung eher als eine Ähnlichkeit – ein Block des Werdens, in dem sich zwei Terme wechselseitig verändern, ohne dass weder der eine noch der andere bleibt, was er war.
  • Devenir-nègre du monde — Abendländische Philosophie · French Von Achille Mbembe geprägte Diagnose: Unter dem neoliberalen Kapitalismus hört der einst auf afrikanische Sklaven beschränkte Zustand auf – in ein Ding, eine Ware, einen austauschbaren Körper verwandelt zu werden, jeder Macht über die eigene Zukunft beraubt – ein Privileg einer Gruppe zu sein und dehnt sich auf die gesamte Menschheit aus. Der »Neger« wird damit zum Namen eines verallgemeinerten Zustands: des eines Menschen, der fungibel, auflösbar, nach Belieben des Kapitals ausbeutbar gemacht wird. Mbembe nennt diese Bewegung die *Vernegerung der Welt*. Es ist weder eine rassische Kategorie noch eine bloße Metapher, sondern die Analyse einer ökonomischen Logik, die eine Erfahrung universalisiert, die zunächst von Sklaven durchlebt wurde.
  • Dharma · धर्म (dharma) — Vedanta · Sanskrit Das Dharma ist die Ordnung, die die Dinge zusammenhält: das kosmische Gesetz, aber auch die Pflicht eines jeden Wesens gemäß seinem Platz und seiner Natur. Burnouf übersetzt es mit *„Gesetz“* oder *„Pflicht“*. Seine anspruchsvollste Form ist das *Svadharma*, *„das eigene Gesetz“* – die Aufgabe, die dem entspricht, was man ist, mag sie auch bescheiden sein. Besser, man erfüllt sie unvollkommen, als dass man in der eines anderen glänzt.
  • Diákrisis · διάκρισις (diakrisis) — Christliche Mystik · Greek Die *diákrisis* ist die Unterscheidung der Geister: die Fähigkeit zu urteilen, woher ein Gedanke oder ein Verlangen kommt – von Gott, von der eigenen Natur oder vom Dämon. Die Wüstenväter machen sie zur Kardinaltugend des Mönchs, zu jener, die alle anderen lenkt und vor Täuschung bewahrt. Das griechische Wort ist der gelehrte Beitrag; die lateinische und französische Tradition gibt sie mit *„discrétion“* wieder, im alten Sinne des rechten Maßes, das zu unterscheiden weiß. Sie beurteilt nicht den moralischen Wert einer Handlung, sondern die Herkunft einer inneren Regung, was sie von der philosophischen Klugheit unterscheidet.
  • Diplomatie du vivant — Abendländische Philosophie · French Bei Baptiste Morizot geht es um die Kunst, die geteilten Nutzungen eines gemeinsamen Territoriums zwischen Menschen und anderen Lebewesen auszuhandeln – ohne zu beherrschen oder sich zu unterwerfen. Der Diplomat der *Interdependenzen* vertritt keine Seite – weder den Wolf noch den Hirten –, sondern arbeitet für die Beziehung, die sie verbindet. Er erzwingt keine gerechte Lösung: Er sucht einen stets neu verhandelten *modus vivendi*, auf Augenhöhe der Lebewesen.
  • Disproportion · disproportio (latin) — Abendländische Philosophie · French Bei Pascal das Fehlen eines gemeinsamen Maßes zwischen dem Menschen und der ihn umgebenden Wirklichkeit. Zwischen zwei Abgründen gestellt – dem *unendlich Großen* und dem *unendlich Kleinen* – ist der Mensch nur »eine Mitte zwischen Nichts und Allem«: sein Verstand, geschaffen für mittlere Größen, erreicht weder die Prinzipien noch das Ende der Dinge. Die Disproportion ist also nicht die bloße Winzigkeit des Menschen im Raum, sondern das Missverhältnis zwischen seinen Fähigkeiten und dem, was sie zu umfassen vorgeben. Daher bei Pascal das Entsetzen: die Entdeckung verkleinert den Menschen nicht nur, sie entzieht ihm jeden Halt und jeden Anspruch, das Maß der Dinge zu sein.
  • Distentio animi — Christliche Mystik · Latin Die Dehnung der Seele: Bei Augustinus ist die Zeit nichts Äußerliches, sondern eine Ausspannung des Geistes, der zwischen der Erinnerung an das Nicht-mehr und der Erwartung des Noch-nicht gespannt ist. Vergangenheit und Zukunft haben nur im Geist ihr Sein – als *Gegenwart der Vergangenheit*, *Gegenwart der Gegenwart*, *Gegenwart der Zukunft*. Die Zeit zu messen heißt, diese innere Spannung zu messen; und diese hat eine Kehrseite: die Zerstreuung der Seele aus ihrem Zentrum, worauf das Sich-Versammeln im ewigen *Gegenwärtigen* antwortet.
  • Divertissement · divertere (latin) — Abendländische Philosophie · French Bei Pascal ist die *Zerstreuung*, durch die sich der Mensch dem Anblick seines eigenen Zustands entzieht. Das Wort bezeichnet nicht die bloße Muße, sondern einen präzisen Vorgang: alles, was beschäftigt und bewegt – das Spiel, die Jagd, der Krieg, das Amt, selbst die ernstesten Geschäfte –, insofern es uns woandershin lenkt und daran hindert, über uns nachzudenken. Nicht das verfolgte Ziel ist der Antrieb („man würde es nicht wollen, wenn es angeboten würde“), sondern die Unruhe, die ablenkt. Die Zerstreuung ist so ein Schleier, der über das Nichts, das Elend und den Tod gebreitet ist, die der Mensch nicht ertragen kann, ins Auge zu fassen.
  • Division fondamentale — Abendländische Philosophie · French Die Architektur, die Schopenhauers ganzes Traktat bestimmt. Die Güter des Lebens gliedern sich in drei Klassen: *was man ist* (die Persönlichkeit – Gesundheit, Kraft, Temperament, moralischer Charakter, Intelligenz), *was man hat* (Eigentum, Besitz) und *was man darstellt* (was man in der Meinung anderer ist – Ehre, Rang, Ruhm). Die These: *Was man ist*, entscheidet weit mehr über das Glück als die beiden anderen, denn diese sind Güter durch äußere Ursache, zerbrechlich und geliehen. Es handelt sich um eine Einteilung der Glücksquellen nach ihrer Abhängigkeit von außen, nicht um eine Hierarchie der Tugenden. Zu unterscheiden ist davon *was man darstellt* – das Sein in der Meinung anderer –, das stets nur ein Abglanz bleibt, während *was man ist* uns überall begleitet.
  • Doxa · δόξα (doxa) — Stoizismus · Greek Griechisches Wort, das auf einen Schlag zweierlei besagt: die *Meinung* – das, was wahr scheint – und den *Ruhm* – den Glanz, den man in der Meinung anderer hat. Das Verb, von dem es stammt, *dokeîn*, bedeutet *„scheinen, erscheinen“*. Bei den Stoikern wird die *doxa* im Sinne von Ruhm zu den äußeren Gütern gezählt, *„was nicht von uns abhängt“*: real, manchmal nützlich, aber niemals unser Werk. Die Weisheit besteht nicht darin, sie zu verachten, sondern darin, nicht in ihr seine Ruhe zu suchen.
  • Dukkha · dukkha (sct. duḥkha) — Buddhismus · Pali Der Schmerz — nicht nur das erklärte Leiden, sondern die grundlegende Unzufriedenheit alles Zusammengesetzten und Vergänglichen. Zweites der drei Daseinsmerkmale und Gegenstand der *vier edlen Wahrheiten*: *der Schmerz*, sein Ursprung, sein Aufhören, der Weg dorthin. Fernand Hû gibt ihn einheitlich mit *„die* *Schmerz“* wieder.
  • Dunwu · 頓悟 (dùnwù) — Querdenken · Chinese Das plötzliche Erwachen des Chan bei Hui-neng: Die Buddha-Natur wird nicht am Ende eines allmählichen Aufstiegs erreicht, sie erkennt sich mit einem Schlag, sobald man den eigenen Geist sieht. Nicht ein Wissen, das sich anhäuft, sondern eine augenblickliche Umkehr, in der man eine Natur entdeckt, die schon immer da war, von jeher rein.

E

  • ea · prononc. « É-a » — Kanaka ʻŌiwi · Hawaiian Hawaiisches Wort (ʻōlelo Hawaiʻi): das Leben, der Atem und in weiterer Folge die Souveränität eines Landes – das Wort, das heute im modernen Hawaiischen „Unabhängigkeit“ bedeutet. George Kanahele lässt es in dem Motto anklingen, das Kamehameha III., wie er sagt, „allen Generationen“ bei der Wiederherstellung der hawaiischen Souveränität 1843 mitgab: *Ua mau ke ea o ka ʻāina i ka pono*. Kanahele zitiert die Formel in einem Kapitel über *pono* als Grundlage guter Regierung – das Leben des Landes sei nicht durch Macht oder einen Titel gesichert, sondern durch die Rechtschaffenheit derer, die regieren. *Ea* ist also nicht das biologische Leben eines Einzelnen, sondern das politische und kollektive einer Erde – das verloren gehen kann, wenn ihre Hüter ihre Pflicht verraten.
  • Écoféminisme — Abendländische Philosophie · French Von Françoise d’Eaubonne 1974 in *Le Féminisme ou la mort* geprägt, bezeichnet der Begriff die Verbindung zweier Kämpfe, die bis dahin als getrennt galten: den der Frauen und den der Ökologie. Die These: Die Unterdrückung der Frauen und die Zerstörung der Natur sind keine zwei verschiedenen Übel, sondern die beiden logischen Seiten ein und derselben Macht – jener, die sie das *„männliche System“* nennt, das sich zugleich des Bodens (daher die Übernutzung und Erschöpfung der Ressourcen) und des weiblichen Körpers (daher die Überbevölkerung) bemächtigt hat. Der ökologischen Gefahr zu entkommen, setzt also voraus, dieses System zu überwinden, nicht das Wachstum bloß *„anzupassen“*.
  • Écologie de l'action — Abendländische Philosophie · French Edgar Morins Konzept: Eine Handlung, einmal in die Welt entlassen, hört auf, ihrem Urheber zu gehören. Sie tritt in ein Spiel von Wechselwirkungen und Rückkopplungen mit dem Umfeld ein, in dem sie sich vollzieht – was sie von ihrem Weg abbringen oder sogar gegen die ursprüngliche Absicht wenden kann. Diese Ökologie anzuerkennen heißt, einzusehen, dass man Herr des Anfangs einer Handlung ist, nie aber ihrer Folgen.
  • Écologie des savoirs · ecology of knowledges ; epistemologies of the South — Querdenken · English Bei Boaventura de Sousa Santos lehnt die *Ökologie der Wissensformen* das Monopol ab, das sich die westliche Wissenschaft auf die Wahrheit anmaßt. Sie geht davon aus, dass jede Form des Wissens auf ihre Weise unvollständig ist und dass das Bewusstsein dieser wechselseitigen Unvollständigkeit das bedingt, was er *kognitive Gerechtigkeit* nennt. Sie ist Teil der „*Epistemologien des Südens*“: einer Reihe von Untersuchungen zur Entstehung und Legitimierung von Wissen, das aus den Kämpfen gegen die Unterdrückung durch Kapitalismus, Kolonialismus und Patriarchat hervorgegangen ist. Dieses Wissen anzuerkennen bedeutet nicht, es nebeneinanderzustellen, sondern es in seiner Vielfalt in einen Dialog treten zu lassen.
  • Égards ajustés — Abendländische Philosophie · French Die ethische Haltung, die Baptiste Morizot der abgenutzten Alternative zwischen Ausbeutung und Heiligsprechung des Lebendigen entgegensetzt. Statt allen Wesen von vornherein denselben moralischen Status zuzusprechen, besteht sie darin, jedem die seiner Lebensform angemessene Achtung zu erweisen – und diese stets nach der Art und Weise zu korrigieren, wie es darauf reagiert. Das treffende Wort lautet *„angepasst“*, nicht *„gerecht“*: Es gibt kein ein für alle Mal festgelegtes richtiges Verhältnis, nur ein immer wieder neu zu vollziehendes *Zusammen-Anpassen*.
  • Emingoyak — Potawatomi · Potawatomi Das Potawatomi-Wort, mit dem Robin Wall Kimmerer die Erde bezeichnet: *„das, was uns geschenkt wurde“*. Der Name trägt das Geschenk in sich – und das Geschenk verpflichtet: Die Erde wird empfangen, nie besessen. Kimmerer stellt es ausdrücklich den Begriffen *„natürliche Ressourcen“* und *„Ökosystemdienstleistungen“* gegenüber, Formulierungen, die das Lebendige von vornherein der Sphäre des Eigentums zuordnen.
  • En nuestros sueños nos vienen a curar · c'est dans nos rêves qu'ils viennent nous soigner — kichwa · Spanish Formel des Kichwa-Spezialisten aus dem Pastaza, Agustín Butuna Cariajano – auf Spanisch, der Sprache, in der er seine Kosmovision mitteilt. Sie benennt eine Medizin ohne Vermittler: Es gibt „kaum Schamanen“, man ruft selbst die „Mütter“ der Heilpflanzen an, und im Traum kommt der Meister der Pflanze, um zu heilen. Die Heilung ist kein Akt, der am wachen Körper vollzogen wird, sondern ein Besuch, den man im Schlaf empfängt, nachdem man zur Wurzel gesprochen und sie gebeten hat, zu heilen. Heilen bedeutet hier nicht, ein Mittel einzunehmen: Es heißt, im Schlaf vom Pflanzenwesen besucht zu werden, das man angerufen hat.
  • Enaction · énaction (français) — Abendländische Philosophie · English Konzept von Varela, Thompson und Rosch (*The Embodied Mind*, 1991) – im Englischen geprägt vom Verb *to enact* (in die Tat umsetzen, hervorbringen). Es bezeichnet die Idee, dass Erkennen nicht bedeutet, eine bereits vorhandene Welt abzubilden, sondern sie erst entstehen zu lassen: Kognition ist weder die Kopie einer vorgegebenen Außenwelt noch eine Projektion des Geistes, sondern das, was aus einer langen Geschichte der Kopplung zwischen einem Wesen und seiner Umgebung durch sensomotorisches Handeln hervorgeht. Geist und Welt entstehen darin gemeinsam, einer durch den anderen. *„Énaction“* ist lediglich ein hausgemachter französischer Lehnbegriff, als solcher gekennzeichnet.
  • Energeia · ἐνέργεια (energeia) — Abendländische Philosophie · Greek Der Akt, die Tätigkeit, das *Sein im Vollzug* – im Gegensatz zur bloßen Fähigkeit oder zum Besitz, der untätig bleibt. Aristoteles lehnt es ab, das höchste Gut in einer Eigenschaft zu verorten, die man besitzt, ohne sie zu gebrauchen: Die Fähigkeit kann im schlafenden Menschen existieren, ohne etwas hervorzubringen, während der Akt notwendigerweise wirkt und gut wirkt. Das Glück ist also kein Haben, sondern ein Tun: die Tätigkeit der Seele, geleitet von der Tugend, entfaltet über ein ganzes Leben. Zu unterscheiden von der schlummernden Disposition (*hexis* ohne Ausübung) und der *eudaimonia*, die eben diese vollzogene Tätigkeit ist, kein Zustand, den man im Ruhezustand besäße.
  • Entraide — Abendländische Philosophie · French Bei Pablo Servigne und Gauthier Chapelle bezeichnet *gegenseitige Hilfe* keine Tugend, die es zu praktizieren gilt, sondern eine Tatsache des Lebendigen: die Neigung von Organismen – Bakterien, Pflanzen, Pilzen, Tieren, Menschen – sich zu verbinden und zu unterstützen, erkennbar von der Symbiose bis zur menschlichen Gegenseitigkeit. Weit davon entfernt, die sentimentale Ausnahme in einer Natur »rot von Zähnen und Klauen« zu sein, ist sie eine der beiden Kräfte, die die lebendige Welt strukturieren, eng verknüpft mit dem Wettbewerb. Die Autoren greifen Kropotkins Intuition auf und machen sie zur »<em>anderen Regel des Dschungels</em>«.
  • Eph' hēmin · ἐφ' ἡμῖν (eph' hēmin) — Stoizismus · Greek „Was von uns abhängt“: die grundlegende Teilung der Moral Epiktets. Auf der einen Seite unsere Urteile, unsere Begierden, unsere Abneigungen, unsere Impulse – Werke der *prohairesis*, frei und unantastbar; auf der anderen der Körper, die Güter, der Ruf, die Würden, Sklaven des Äußeren. Alles, was niemand verhindern oder behindern kann, fällt in den eigenen Bereich; alles Übrige ist ihm fremd. Freiheit und Glück bestehen darin, nur das zu begehren, was diesem Bereich angehört, und dem Rest Lebewohl zu sagen.
  • Erlik · Erlikbej (forme d'adresse diminutive d'Erlik) — Tuwa · Touva In Tschinag Galans Romanwerk ist Erlik der Herr des Totenreichs. Das Glossar der englischen Ausgabe erläutert, dass er nicht immer mit seinem vollen Namen angeredet wird: *„Erlikbej“* sei eine verkleinernde Anredeform, die „dem Sprechenden einen gleichrangigen Status verleiht“ – eine berechnete Vertraulichkeit statt einer Unterwerfung. Zwei Szenen des Romans zeigen dies in der Praxis: Die Toten stehen nackt vor ihm, aller Hüllen entledigt; und ein Sterbender kündigt sein Ende an, indem er sagt, dass Erliks Bote schneller sein werde als die Seinen. Der Tod ist hier kein Schweigen, sondern eine Vorladung, überbracht von einem Boten, gerichtet aus einem benachbarten Reich an den, der noch lebt.
  • Espace lisse et espace strié — Abendländische Philosophie · French Zwei Raummodelle, die Deleuze und Guattari einander gegenüberstellen und unablässig in Verbindung bringen: Der *gestreifte* Raum organisiert sich durch die Verflechtung von Konstanten und Variablen (Kette und Schuss, Länge und Breite), er ist geschlossen, vermessen, gerastert; der *glatte* Raum ist eine grundlegende Heterogenität, offen, nicht-metrisch, besetzt, ohne gezählt zu werden (Filz statt Gewebe, *nomos* statt *logos*). Tatsächlich existieren beide Räume nur vermischt, indem sie sich ständig ineinander übersetzen.
  • Espèce gardienne · custodial species (concept de T. Yunkaporta) — Apaläsch · English Konzept des Aborigine-Gelehrten Tyson Yunkaporta (Apalech-Clan) aus *Sand Talk* – im Englischen *custodial species*, in der französischen Übersetzung von Anne Delmas mit *„Art Hüterin“* wiedergegeben. Er beschreibt die eigentliche Rolle des Menschen in der Schöpfung: nicht sie zu beherrschen oder sich zu ihrem Herrn zu machen, sondern von innen heraus für sie zu sorgen, *„die Schöpfung in Bewegung zu halten“* und das Übermaß einzudämmen – beginnend mit dem eigenen. In einer Traumzeit-Erzählung, die Yunkaporta von einem Nyungar-Ältesten, Noel Nannup, überliefert wurde, versammeln sich die Arten, um zu entscheiden, welche von ihnen die Hüter-Art sein soll; jene, die beansprucht, der Chef zu sein (der Emu), ist genau die, die die anderen wieder auf den Boden holen müssen. Hüter-Art zu sein, ist also kein Privileg der Überlegenheit, sondern eine Aufgabe, die auf den Erhalt des Ganzen gerichtet ist – das Gegenteil von Verwaltung, die sich außerhalb des Systems stellt, das sie verwaltet.
  • État de nature — Abendländische Philosophie · French Bei Rousseau ist der Naturzustand keine historische Epoche, sondern eine methodische Hypothese: eine geregelte Fiktion, die den ursprünglichen Menschen isoliert – autark, ohne Industrie oder festgelegte Sprache, weder gut noch böse – um zu ermessen, was die Gesellschaft hinzugefügt oder entstellt hat. Es ist *„ein Zustand, der nicht mehr existiert, der vielleicht nie existiert hat, der wahrscheinlich nie existieren wird“*, von dem man sich dennoch klare Vorstellungen machen muss, um den gegenwärtigen Zustand zu beurteilen. Der Mensch wird darin von zwei der Vernunft vorausgehenden Prinzipien geleitet – der *Selbstliebe* und dem *Mitleid* – und nicht von Berechnung oder Rivalität. Was ihn daraus reißt, ist kein Laster, sondern eine Fähigkeit, die *Perfektibilität*. Nicht zu verwechseln mit einem verlorenen Goldenen Zeitalter: Es ist kein Ursprungsmythos, sondern ein Messinstrument.
  • Éternel retour · ewige Wiederkunft — Abendländische Philosophie · French Von Deleuze gelesen, ist Nietzsches *ewige Wiederkunft* keine kosmologische Überzeugung von einem Zyklus, der denselben Weltzustand zurückbrächte. Es ist ein selektiver Gedanke, eine Prüfung: Was du willst – wolltest du es unendlich oft? So gedacht, wiederholt die Idee der Wiederkunft nichts; sie sichtet. Sie streicht aus dem Wollen alles, was seine Ewigkeit nicht erträgt – die Halbheit, den Groll, das, was nur bedingt gewollt wird – und lässt nur die Bejahung, das *Aktiv-Werden* wiederkehren. Wollen wird zum Schaffen.
  • Éthique de la terre · the land ethic — Abendländische Philosophie · French Formulierung, mit der Aldo Leopold die moralische Gemeinschaft über den Menschen hinaus auf Böden, Gewässer, Pflanzen und Tiere ausweitet – kurz: auf die Erde als lebendiges Ganzes. Der Mensch verändert darin seinen Status: vom Eroberer, der über die Erde verfügt, wird er wieder zu einem Mitglied unter anderen, das wie sie der Achtung vor der Gemeinschaft unterliegt, die ihn trägt. Die Ethik hört auf, eine Angelegenheit zwischen Menschen zu sein, und wird zu einer Selbstbeschränkung, die man dem Boden auferlegt, der uns ernährt.
  • Eudaimonia · εὐδαιμονία (eudaimonia) — Stoizismus · Greek Die Eudaimonia ist weder flüchtige Zufriedenheit noch glücklicher Zufall: Es ist das erfüllte Leben, der Zustand einer wohlgeordneten Seele. Das Wort bedeutet wörtlich „einen guten Dämon haben“ (*eu-daimōn*) – ein inneres Genie in gutem Zustand, das heißt eine rechte Vernunft. Für den Stoiker kommt dieses Glück nicht von außen und hängt von keinerlei Umständen ab: Es besteht darin, das Gute zu tun und gemäß der Natur zu leben. Man findet es weder im Reichtum noch im Ruhm noch in der Lust, sondern einzig in der Erfüllung dessen, was die Natur des Menschen verlangt.
  • Eukolia · εὐκολία (eukolia) — Abendländische Philosophie · Greek Der heitere Sinn, die leichte Gemütsart – im Gegensatz zur *Dyskolia* (δυσκολία), der schwierigen Veranlagung. Schopenhauer übernimmt diese beiden Begriffe von Platon, um eine grundlegende Gegebenheit der Empfindsamkeit zu benennen: die Art und Weise, wie ein Wesen Erfolg und Misserfolg *verkraftet*, noch bevor ihm überhaupt etwas widerfährt. Der *Eukolos* freut sich über einen einzigen gelungenen Wurf, der *Dyskolos* verbittert über einen einzigen Fehlschlag trotz neun geglückter Versuche. Diese Veranlagung hängt von der angeborenen Konstitution ab, die sich auf die Gesundheit stützt. Sie ist zu unterscheiden von der [*Ataraxie*](/lexique/ataraxia/), die durch die Zucht des Urteils errungen wird: Die *Eukolia* ist keine Übung, sondern ein Geschenk des Temperaments, ein Glück der Geburt.
  • Eunoia · εὔνοια (eunoia) — Abendländische Philosophie · Greek Die Güte: das Gute für andere um ihrer selbst willen zu wollen, ohne Gegenleistung zu erwarten. Aristoteles macht sie im neunten Buch zum Anfang der Freundschaft, ohne dass es schon Freundschaft wäre – man kann wohlwollend gegenüber Unbekannten sein, Menschen, die man nie gesehen hat, oder Athleten, die man aus der Ferne bewundert. Es fehlt die bekannte Gegenseitigkeit und der geteilte Umgang, die die wahre Verbindung ausmachen. Die Güte ist somit eine „träge Freundschaft“, die, gereift durch Zeit und Vertrautheit, zur Freundschaft werden kann.
  • Évolution de la conscience · Spiritual Evolution / Evolution of Consciousness — Vedanta · English Bei Sri Aurobindo vollzieht sich die Bewegung, durch die ein in die Materie eingehülltes Bewusstsein über immer stärker organisierte Formen – Materie, Leben, Geist – aufsteigt, um den Geist zu offenbaren, den es von Anfang an in sich trägt. Es handelt sich nicht um eine darwinistische Evolution biologischer Strukturen, sondern um den schrittweisen Aufstieg ein und derselben *Bewusstseins-Kraft*, die zunächst unter der Unbewusstheit der Materie verborgen liegt und sich nach und nach befreit. Dies ist die Gesamtbewegung; das *Supramentale* ist deren letzte Stufe, nicht ihr Synonym.
  • Expérience pure · 純粋経験 (junsui keiken) — Querdenken · Japanese Bei Kitarō Nishida ist die *reine Erfahrung* der Augenblick des Erkennens, in dem man die Tatsache erfasst, wie sie ist, vor jeder Deutung. Im Moment, in dem man eine Farbe sieht oder einen Ton hört, gibt es noch kein fühlendes Subjekt und nichts Gefühltes: Subjekt und Objekt sind noch nicht entstanden, Erkennen und sein Gegenstand sind eins. Nishida macht sie zum einzigen Grund, aus dem sich später das Ich und die Dinge scheiden – und zum Ausgangspunkt seiner gesamten Philosophie, die Zen und westliches Denken verknüpft.
  • Extractivismo · extractivisme (fr.) — Querdenken · Spanish Bei Eduardo Gudynas bezeichnet *Extractivismo* nicht die Extraktion an sich – jede Gesellschaft entnimmt Ressourcen – sondern eine großflächige Aneignungsweise, die auf den Export kaum verarbeiteter Rohstoffe ausgerichtet ist. Was den Begriff ausmacht, ist nicht die Ressource (*Gold, Erdöl, Soja, Erz*), sondern die Struktur: enorme Mengen, geringer Mehrwert, externe Bestimmung und eine Reihe sozialer und ökologischer Folgen, die als normaler Preis des Fortschritts hingenommen werden. Gudynas macht daraus den Schlüssel zum Verständnis der südamerikanischen Ökonomien, von der Kolonialzeit bis zu den sogenannten progressiven Regierungen.

F

  • Fa · 法 (fǎ) — Querdenken · Chinese Das Gesetz, wie es der Legalismus Han Feis denkt: ein objektiver, öffentlicher, schriftlicher Maßstab, derselbe für alle ohne Rücksicht auf Rang. Von Staat formulierte Statuten und Befehle, verbunden mit Belohnungen für den Gehorsamen und Strafen für den Übertretenden. Der Herrscher regiert nicht durch Tugend oder Vorbild, sondern indem er das Böse undurchführbar macht – er *„nutzt die Unfähigkeit der Menschen, Böses zu tun“*, statt auf ihre Güte zu vertrauen.
  • Fanāʾ · فناء (fanâ) — Sufismus · Arabic Arabisches Wort mit der Bedeutung *„Erlöschen“*, *„Vernichtung“*. Im sufischen Vokabular das *Schwinden des abgesonderten Ichs* im Göttlichen: nicht der Tod, sondern das Verschwinden dessen, der sich für ein Zentrum hielt. ʿAṭṭār macht es zum siebten und letzten Tal des spirituellen Weges, jenem, jenseits dessen niemand mehr voranschreiten kann — denn es bleibt niemand mehr übrig, der voranschreiten könnte.
  • fanāʾ fi-l-tawhīd — Sufismus · Arabic Vernichtung des Egos in der göttlichen Einheit. Zustand, in dem das Subjekt, von Gottes Gegenwart durchdrungen, als getrennte Wesenheit aufhört zu existieren und nur noch *Ihn* wahrnimmt. Es ist keine Zerstörung, sondern eine Auflösung, bei der die Individualität in die letzte Wirklichkeit eingeht und die zugrundeliegende Einheit hinter aller scheinbaren Vielfalt offenbart.
  • Fatum · fatum — Abendländische Philosophie · Latin Das Schicksal bei Boethius (Buch IV): nicht eine blinde Macht, sondern die zeitliche Entfaltung der göttlichen Vorsehung. Eine einzige Wirklichkeit, zwei Perspektiven. In der einfachen Einheit von Gottes Vernunft betrachtet, heißt das göttliche Handeln *Vorsehung*; in seiner vielfältigen Ausbreitung durch Raum und Zeit betrachtet, heißt es *Schicksal*. Das Schicksal hängt von der Vorsehung ab wie die Ausführung vom Plan des Künstlers: Gott entwirft alles in einem einzigen Akt, dann verwirklicht er es *„durch eine Reihe aufeinanderfolgender Handlungen“*. Zu unterscheiden vom blinden Schicksal der Alten und vom launischen [Glück](/lexique/roue-de-la-fortune/); vom stoischen [eph’ hēmin](/lexique/eph-hemin/), denn das Schicksal lässt sich nicht beherrschen – nur die Zustimmung tut es; und vom nietzscheanischen [amor fati](/lexique/amor-fati/), der die Notwendigkeit um ihrer selbst willen liebt.
  • Fétichisme de la marchandise — Abendländische Philosophie · French Konzept, das Marx im ersten Kapitel des *Kapitals* entwickelt. In einer Gesellschaft, die für den Austausch produziert, nehmen die sozialen Verhältnisse zwischen den Menschen – wer arbeitet, für wen, unter welchen Bedingungen – den Anschein von Verhältnissen zwischen Dingen an: Eine Ware „gilt“ als eine andere, als wäre der Wert eine ihrer physischen Eigenschaften. Marx entlehnt den Begriff „Fetischismus“ der Religionswissenschaft seiner Zeit, um diese Verkehrung zu benennen, bei der die Produkte der menschlichen Hand ihrem Produzenten als autonome Mächte gegenübertreten. Im Unterschied zu den alten Weisheitslehren, die die Unordnung der Güter in der Seele dessen verorten, der sie begehrt, ist der marxsche Fetischismus objektiv: Er liegt in der gesellschaftlichen Form der Sache, nicht in der Leidenschaft des Subjekts, und löst sich daher nicht durch bloße Zügelung des Begehrens auf.
  • fruição · savourer la vie — Krenak · Portuguese Portugiesisches Wort, das der Denker Krenak Ailton Krenak (*A vida não é útil*, 2020) der Nützlichkeit entgegensetzt: Das Leben ist kein Mittel, es ist *fruição* – man genießt es wie einen Tanz, ohne es auf ein Ziel auszurichten. Nicht den Daseinsgewinn suchen, sondern ganz darin sein, *„wie ein kleiner Fisch in einem unermesslichen Ozean“*. Das Gegenteil eines Lebens, das auf seinen Ertrag, auf einen Lebenslauf, auf ein verhandeltes Überleben reduziert wird.

G

  • Ganying 感應 · 感應 (gǎnyìng) — Querdenken · Chinese Die Resonanz: Reiz (*gan*) und Antwort (*ying*) zwischen Dingen derselben Kategorie (*lei*), die sich aus der Ferne beeinflussen, ohne Berührung oder kausale Kette. In der Han-Kosmologie Dong Zhongshus entsprechen sich Himmel und Mensch auf diese Weise, weil beide Yin und Yang besitzen und derselben Ordnung angehören. Die *Ganying* ist keine mechanische Kausalität, die sich schrittweise fortpflanzt ≠ ein zufälliges Zusammentreffen: Es ist eine Übereinstimmung durch Wesensverwandtschaft, wie zwei gestimmte Saiten, die gemeinsam schwingen.
  • Gaudium — Stoizismus · Latin Die stete Freude des stoischen Weisen: nicht die heitere Stimmung noch die flüchtige Lust, sondern die tiefe Zufriedenheit, die aus einer aufrechten Seele erwächst – gutes Gewissen, ehrliche Vorsätze, rechte Taten. Ernst und gehaltvoll, hängt sie von nichts Äußerem ab: Sie ist die einzige Freude, die das Schicksal nicht entreißen kann, weil sie nicht von ihm kommt.
  • Gelassenheit — Christliche Mystik · German Seelenhaltung, die – befreit von jedem selbstsüchtigen Anhang – sich dem göttlichen Willen hingibt. Sie ist weder Passivität noch Verzicht, sondern ein tätiges Sich-Öffnen, in dem das Wesen sich selbst entleert, um das Wirken Gottes in sich geschehen zu lassen. In dieser Nacktheit gelangt der Mensch zu einer Gleichheit mit dem Göttlichen, nicht durch Verschmelzung, sondern durch Teilhabe an seinem Licht.
  • Gewu · 格物 (géwù) — Querdenken · Chinese „Die Erforschung der Dinge“: der erste der acht Stufen des sittlichen Programms der *Großen Lehre* (*Daxue*). Der Text macht die Aufrichtigkeit der Absicht von der Erweiterung des Wissens abhängig, und die Erweiterung des Wissens vom *gewu* – „die Erweiterung des Wissens besteht in der Erforschung der Dinge“. Von diesem Ausgangspunkt aus erstreckt sich die gesamte Kette, die vom gerichteten Herzen bis zum Frieden der Welt führt. Der Begriff sollte zum Zentrum einer großen Meinungsverschiedenheit werden: Zhu Xi deutet ihn als gründliche Prüfung des Prinzips (*li*), das in jedem Ding gegenwärtig ist; Wang Yangming hingegen versteht *ge* als „richten“ – die Dinge richten, das heißt die Angelegenheiten des Herzens, und nicht äußeres Wissen anhäufen.
  • Gloire — Abendländische Philosophie · French Bei Schopenhauer ist der Ruhm das positive Gegenstück zur Ehre und ihr genaues Gegenteil: Während die Ehre nur bescheinigt, dass man keine Ausnahme darstellt, behauptet der Ruhm, dass man eine ist. Er wird nicht beansprucht – niemand kann ihn sich selbst zuschreiben –, sondern durch eine außergewöhnliche Leistung verdient, sei es eine Tat oder ein Werk. Taten hängen vom Anlass und vom Zeugen ab; Werke hingegen bestehen fort und werden aus sich selbst heraus beurteilt, was ihren Ruhm am sichersten und am spätesten eintreten lässt.
  • Grammaire de l'animéité — Potawatomi · French Formulierung, mit der die Übersetzerin von Robin Wall Kimmerer das englische »grammar of animacy« wiedergibt. Im Potawatomi – der Anishinaabe-Sprache aus der verlorenen Kindheit der Autorin – teilt die Sprache selbst die Wesen in belebte und unbelebte ein und zählt zu den belebten weit mehr als nur Menschen: Pflanzen, Steine, Wasser, Berge. Nicht der Sprecher entscheidet, den Baum als Subjekt zu behandeln; es ist die Struktur der Sprache, die ihn dazu zwingt. Wo Englisch – und Französisch – für das Nicht-Menschliche nur »es« kennen, konjugiert das Potawatomi das Lebendige wie eine Person.
  • Guī gēn · 歸根 (guī gēn) — Daoismus · Chinese Die Rückkehr zur Wurzel: die Bewegung, durch die die zehntausend Wesen nach ihrem Aufschwung zu ihrem Ursprung zurückkehren – zu dem leeren, unbewegten Grund, aus dem sie entstanden sind. Im sechzehnten Kapitel des *Tao Te King* reiht sich diese Rückkehr in eine Folge von Begriffen: Zur Wurzel zurückkehren heißt Ruhe; Ruhe heißt, zum Leben zurückkehren; zum Leben zurückkehren heißt Beständigkeit; die Beständigkeit erkennen heißt Erleuchtung. Nicht ein Niedergang, sondern die Vollendung des Zyklus, der jedes Ding zu dem Grund zurückführt, von dem es sich nur scheinbar gelöst hatte.
  • Guṇa · गुण (guṇa) — Vedanta · Sanskrit Die drei *Guṇa* sind die grundlegenden Modi der Natur (*prakṛti*): *sattva* (Klarheit, Gleichgewicht), *rajas* (Leidenschaft, Bewegung) und *tamas* (Trägheit, Dunkelheit). Burnouf übersetzt sie mit „Wahrheit, Trieb, Finsternis“. Alles, was in der manifestierten Welt existiert, entsteht aus ihrer Mischung und ihrem wechselnden Übergewicht. Es sind keine Tugenden, die es zu erwerben gilt, sondern unpersönliche Kräfte, die die Materie weben – einschließlich der Seele, solange sie sich an sie gebunden glaubt.

H

  • Hairât · حيرة (hairât) — « hairât » chez Garcin de Tassy — Sufismus · Arabic Arabisches Wort für die Verblüffung, die Fassungslosigkeit, die Verwirrung dessen, der nicht mehr weiß, wo er ist. In ʿAttārs Gedicht ist die *hairât* das sechste der sieben Täler des Weges, *„die schreckliche Verblüffung“*. Der Suchende, der sie erreicht, nachdem er Liebe, Erkenntnis, Selbstgenügsamkeit und Einheit durchschritten hat, steht ohne Wissen da: Er unterscheidet nicht mehr, weiß nicht mehr, ob er ist oder nicht ist. Dieser Verlust ist kein Scheitern, sondern die vorletzte Station, kurz vor der Vernichtung.
  • Haoran-zhi-qi · 浩然之氣 (hàorán zhī qì) — Querdenken · Chinese Der „weite Atem“ des Mengzi: eine moralische Energie, die der Weise in sich zu nähren sagt und die *„den ganzen Raum zwischen Himmel und Erde erfüllt“*. Sie entsteht aus der Anhäufung gerechter Taten, nicht aus einzelnen Handlungen, und geht einher mit Gerechtigkeit und dem *Dao*; ohne sie verkümmert sie. Wing-tsit Chan übersetzt sie mit *„strong, moving power“* und transkribiert sie als *hao-ran zhi qi*. (Der Konfuzianismus hat keinen eigenen Eintrag in der Nomenklatur: dieser Begriff wird dort als übergreifend eingeordnet.)
  • Hau — Maori · Maori Māori-Wort: der Atem, der Wind, die Lebensenergie, die zirkuliert. Im gewöhnlichen Sinn bezeichnet *hau* den Wind und findet sich in *hauora* wieder, „Lebensatem, Gesundheit, Kraft“. Doch der Begriff, den Marcel Mauss durch den alten Tamati Ranapiri berühmt gemacht hat, ist das *hau* der Gabe: der Geist der geschenkten Sache. Wenn ein *taonga* (kostbarer Gegenstand) von Hand zu Hand geht, trägt er einen Teil der Lebensenergie des Gebers und seiner Verwandtschaft in sich und verknüpft die Leben von Schenkendem und Beschenktem. Das *hau* für sich zu behalten, bringt Gefahr; es muss weitergegeben werden. Das *hau* gleicht den Austausch nicht aus – es setzt ihn in Gang und webt die Solidarität von Nah zu Nah.
  • Hēgemonikon · ἡγεμονικόν (hēgemonikon) — Stoizismus · Greek Das *hēgemonikon* ist bei den Stoikern der leitende Teil der Seele: das Zentrum, in dem sich die Urteile bilden, in dem man den Vorstellungen seine Zustimmung erteilt oder verweigert. Alles Übrige der Seele und des Körpers gehorcht ihm. Bei Marc Aurel ist es der einzige Ort, der unantastbar bleibt – weder Schmerz noch Tod noch andere können ihn erreichen, solange es sich nicht selbst verwirrt. Die Sorge um sich besteht darin, es aufrecht zu halten.
  • Hèsychia · ἡσυχία (hēsychia) — Christliche Mystik · Greek Die *Hesychia* ist die Ruhe des Einsamen: nicht das Fehlen von Lärm, sondern die Rast der Seele, die aufgehört hat, sich zu zerstreuen, und ganz vor Gott steht. Die Wüstenväter machen sie zum Grundstein des monastischen Lebens – sie erwirbt man durch die Flucht vor den Menschen und die Bewahrung der Stille, und sie ist kein Ziel, sondern eine Grundlage: der Ort, an dem das Gebet möglich wird.
  • Hexis · ἕξις (hexis) — Abendländische Philosophie · Greek Die dauerhafte Veranlagung, der erworbene Zustand: die stabile Art des Seins, die man sich durch Wiederholung derselben Handlungen gibt und die die Gewohnheit dem Charakter einprägt. Die Natur bietet uns nur die Möglichkeit einer Tugend; die *Hexis* ist das, was wir daraus machen. Die sittliche Tugend ist eine *Hexis* – eine erworbene Eigenschaft, die von unserem Willen abhängt und weder ein flüchtiges Gefühl noch eine fertig empfangene Fähigkeit ist. Sie ist zu unterscheiden von der rein natürlichen Anlage, die keine Wiederholung verleiht, und von der *Energeia*, der tätigen Ausübung, die diese Veranlagung zur Anwendung bringt.
  • Hinterzimmer — Abendländische Philosophie · French Das Bild, das Montaigne im Kapitel *„Von der Einsamkeit“* prägt, um den inneren Rückzugsort zu bezeichnen, den jeder sich *„völlig frei“* bewahren soll – geschützt vor jedem äußeren Zugriff. Es ist der Ort der *„wahren Freiheit“*, an dem man mit sich selbst ein *„so vertrautes“* Gespräch führt, dass nichts Fremdes darin eindringt. Frauen, Kinder, Besitz, Gesundheit: Man kann sie haben, doch ohne sich so sehr an sie zu binden, dass *„unser Glück davon abhängt“*. Die *Hinterstube* ist der Teil des Selbst, den kein Verlust erreichen kann.
  • Hominisation — Abendländische Philosophie · French Für Teilhard de Chardin bezeichnet die *Hominisation* den Übergang über die Schwelle der Reflexion: den Moment, in dem das Leben im Menschen sich auf sich selbst zurückwendet und fähig wird, sich zu erkennen. Es ist kein weiterer Schritt in der tierischen Evolution, sondern ein Zustandswandel – der Übergang vom Instinkt zum Denken. Der Begriff umfasst zwei Ebenen: die individuelle Schwelle, an der ein Wesen zum reflektierten Bewusstsein gelangt, und die kollektive Schwelle, an der sich die gesamte Art im Laufe der Zivilisation vermenschlicht und vergeistigt.
  • Homonoia · ὁμόνοια (homonoia) — Abendländische Philosophie · Greek Die Eintracht: was Aristoteles als *„bürgerliche Freundschaft“* bezeichnet – die Übereinkunft einer Stadt darüber, was zu wollen und zu tun ist. Nicht bloß eine schlichte Übereinstimmung der Meinungen – Fremde können in der Astronomie gleich denken, ohne dass Eintracht zwischen ihnen bestünde –, sondern das praktische Einvernehmen über die allgemeinen Interessen: denselben Standpunkt einnehmen und den gemeinsamen Beschluss einträchtig ausführen. Sie bezieht sich stets auf Handlungen, und zwar auf jene, die allen wichtig sind. Sie setzt tugendhafte Menschen voraus, denn die Schlechten, durch hemmungslosen Eigennutz, sind fortwährend uneins.
  • Honneur — Abendländische Philosophie · French Bei Schopenhauer ist die Ehre kein Wert, sondern ein Tribunal: die Meinung, die andere von unserem Wert haben, und die Furcht, die sie uns einflößt. Sie misst nicht, was wir wert sind, sondern was wir in den Augen der anderen darstellen. Es ist ein nach außen gekehrtes Gewissen, dessen Sitz nicht in uns, sondern in den Köpfen der anderen liegt.
  • Honte prométhéenne · die prometheische Scham — la honte prométhéenne ; das prometheische Gefälle / le décalage prométhéen — Abendländische Philosophie · German Konzept, geprägt von Günther Anders (*Die Antiquiertheit des Menschen*, 1956): die Scham, die der Mensch angesichts der Perfektion der Gegenstände empfindet, die er selbst hergestellt hat. Vor exakten, unfehlbaren Maschinen entdeckt sich der Mensch als seinen eigenen Produkten unterlegen – eine Scham nicht darüber, schlecht gehandelt zu haben, sondern darüber, geboren statt fabriziert zu sein, ein fehlbares, unpräzises, sterbliches Wesen, „überholt“ von der hohen Qualität dessen, was es geschaffen hat. Anders verknüpft sie mit dem *prometheischen Gefälle*: der wachsenden Kluft zwischen dem, was der Mensch hervorbringen kann, und dem, was er sich noch vorzustellen, zu empfinden oder zu verantworten vermag. Während gewöhnliche Scham vor anderen entsteht, spielt sich diese vor Dingen ab; ihr Gegenstand ist keine Schuld, sondern die Bedingung des Geschöpfseins selbst.

I

  • Impuissance des méchants — Abendländische Philosophie · Latin Paradoxer Grundgedanke des vierten Buches von Boethius: Die Bösen sind schwach, nicht stark. Alle Menschen, ob gut oder schlecht, streben von Natur aus nach demselben Ziel, dem *höchsten Gut*; doch die Guten erreichen es auf natürlichem Wege – durch die Tugend –, während die Bösen, auf widernatürliche Mittel beschränkt, gerade das verfehlen, was sie am meisten wollen. Die Macht zu schaden ist also keine Macht: Da das Böse »nichts ist«, kann der, der nur Böses vermag, nichts vermögen. Der Schurke, der alles zu erreichen scheint, scheitert an dem Einzigen, das zählt. Zu unterscheiden vom stoischen *eph’ hēmin*, das sich auf das bezieht, was in meiner Macht steht (die Zustimmung), nicht auf die wahre Macht; und von den Gunstbeweisen der *Fortuna*, die den Bösen glücklich machen, ihn aber stets unfähig zum Guten lassen.
  • Indisponibilité — Abendländische Philosophie · French Bei Hartmut Rosa ist die *Unverfügbarkeit* die Eigenschaft dessen, was sich nicht vollständig beherrschbar, vorhersehbar und „verfügbar“ machen lässt. Was uns berührt – ein geliebter Mensch, ein Werk, eine Landschaft – muss einen Anteil bewahren, der uns entgleitet. Weit davon entfernt, ein Mangel zu sein, ist dieser ungreifbare Rest die Bedingung selbst für eine lebendige Beziehung zur Welt.
  • Insociabilité — Abendländische Philosophie · French Bei Schopenhauer ist die natürliche Neigung – nicht Tugend, nicht Askese – des geistig hochstehenden Menschen, sich aus dem Umgang mit den Menschen zurückzuziehen. Die Regel ist das Verhältnis: Je mehr ein Geist in sich selbst trägt, desto weniger braucht er das Äußere, und desto weniger können ihm die anderen nützen; innerer Reichtum macht die Gesellschaft fast überflüssig. Die Ungeselligkeit ist also weder Menschenfeindlichkeit noch Disziplin, sondern die Kehrseite einer geistigen Selbstgenügsamkeit. Sie setzt die *<em>Schmerz und Langeweile</em>* fort: Der reiche Geist füllt seine Leere allein, während der arme Geist zu Zusammenkünften läuft, um der seinen zu entfliehen. Zu unterscheiden von der klösterlichen *<em>Anachorese</em>*, einem um Gottes willen gewollten asketischen Rückzug, und von der stoischen *<em>Autarkie</em>*, einer durch Tugend errungenen Selbstständigkeit: Die schopenhauersche Ungeselligkeit ist mit dem Verstand gegeben, nicht durch Selbstdisziplin erworben.
  • Intrusion de Gaïa — Abendländische Philosophie · French Von der Philosophin Isabelle Stengers geprägt, um das Aufbrechen einer globalen Macht zu benennen – des aus dem Gleichgewicht geratenen *Erdsystems* –, die sich der Menschheit aufzwingt, ohne sie zu befragen, und sie an ihre Abhängigkeit erinnert. Gaia ist hier weder eine gütige Göttin noch die harmonische »Natur«: Es ist eine Kraft, die sich für unsere Gründe nicht interessiert und eine Frage stellt, ohne sich für unsere Antwort zu interessieren.
  • Ira · ira — Stoizismus · Latin Zorn, Wut. Für die Stoiker ist die *ira* weder eine Laune noch ein unabwendbares Temperamentsschicksal, sondern eine Leidenschaft, die aus einem Urteil und einer Zustimmung der irrenden Vernunft entsteht: Man stimmt der Vorstellung zu, dass eine Beleidigung nach Rache verlangt. Weil sie auf einem Urteil beruht, lässt sie sich durch das Urteil auch auflösen – und ihr eigentlicher Heilmittel ist die *mora*, die Verzögerung, die der Vernunft Zeit gibt, zurückzukehren.
  • Istignâ · استغناء (istignâ) — « istignâ » chez Garcin de Tassy — Sufismus · Arabic Arabisches Wort für Selbstgenügsamkeit, Unabhängigkeit: auf alles verzichten, nichts mehr brauchen. In ʿAttārs Gedicht ist der *istignāʾ* das vierte der sieben Täler des Weges. Man betritt es erst, nachdem man auf Seele und Herz verzichtet hat; wer dort verweilt, erkennt, dass weder Wissen noch Werke ihm mehr genügen – und dass Selbstgenügsamkeit nur möglich ist, indem man aufhört, irgendetwas besitzen zu wollen.

J

  • Jakon joi · jakon joi — Shipibo-Konibo · Shipibo *Shipibo-Konibo*-Ausdruck, den die Künstlerin Chonon Bensho ihrem Text als Titel gibt und mit *„the good word“*, das gute Wort, erläutert. Das Wort ist hier nicht gut im moralischen Sinne eines erbaulichen Inhalts: Es ist gut wie ein Wasser lebendig ist, weil es *„aus derselben luftigen und pflanzlichen Quelle trinkt“*, die einst die alten Weisen, die *Onanya*, nährte. Daneben entfaltet Chonon Bensho das Denken – *shina* – in *koshi shina* (starkes Denken), *ani shina* (großes), *jakon shina* (gutes), *metsa shina* (schönes) – und das Wort – *joi* – in *koshi joi* (starkes Wort): Denken und Wort sind lebendige Stoffe, die man gut hält, indem man verbunden bleibt, nicht private Fähigkeiten, die man allein hervorbringt.
  • Jñāna · ज्ञान (jñāna) — Vedanta · Sanskrit Das Wissen: nicht angehäuftes Wissen, sondern die Klarheit, die Unwissenheit entwirrt und befreit. Ein eigener Weg in der *Gītā* – das *„Yoga der Erkenntnis“* (Kapitel IV) –, *jñāna* erlöst durch rechte Einsicht, wo Hingabe durch Liebe erlöst und selbstloses Handeln durch das Schenken der Tat. Was diese Erkenntnis verschwinden lässt, ist kein Denkfehler, sondern die Verwirrung, die die Seele an die Werke und ihre Früchte bindet. Die *Gītā* macht daraus ein Feuer: Was darin verbrennt, sind die Taten selbst – und mit ihnen das Band der Wiedergeburten.
  • Joie · laetitia (latin scolastique) — Abendländische Philosophie · French Für Spinoza ist die Freude kein beständiger Gemütszustand und auch kein »Wert«. Sie ist der Übergang der Seele von einer geringeren zu einer größeren Vollkommenheit – anders gesagt: das Überschreiten einer Schwelle der *Handlungsmacht*. Die Freude besitzt man nicht, man durchschreitet sie.
  • Jōriki · 定力 (jōriki) — Buddhismus · Japanese Der *Jōriki* ist die Kraft, die aus der Konzentration entsteht: die Macht, die aufsteigt, wenn der Geist im *Zazen* geeint und auf einen einzigen Punkt gerichtet ist und aufhört, sich zu zerstreuen. Es ist mehr als die bloße Fähigkeit, sich zu konzentrieren – eine dynamische Kraft, die, einmal entfacht, sofort und ohne Überlegung richtig handeln lässt und von der Knechtschaft der Leidenschaften befreit. Als erstes der drei Ziele des Sitzens wird er durch die Praxis unablässig kultiviert und schwindet, wenn man sie vernachlässigt.
  • Junzi · 君子 (jūnzǐ) — Querdenken · Chinese Der Edle, die vollendete Person – wörtlich „Fürstensohn“, doch Konfucius entreißt ihn der Geburt, um daraus einen moralischen Titel zu machen. Wing-tsit Chan übersetzt ihn mit *„the superior man“*: nicht der Blutsaristokrat, sondern der, der sich durch Selbstkultivierung erhoben hat. Der *Junzi* erkennt man daran, worauf er zielt – an der Tugend statt an Gütern, am Gerechten statt am Gewinn, an der Schuld bei sich selbst statt bei anderen. Konfucius definiert ihn stets im Gegensatz zum *Xiaoren* 小人, dem kleinen Menschen, der alles nach seinem Vorteil bemisst. Der Adel ist in dieser Sprache kein Erbgut mehr: Er wird errungen. Der *Junzi* ist nicht der Geblütsadelige; er ist nicht der *Xiaoren*, sein moralisches Gegenstück. *(Der Konfuzianismus hat keinen eigenen Eintrag in der Nomenklatur: Dieser Begriff wird dort als übergreifend klassifiziert.)*

K

  • Kaitiaki — Maori · Maori Māori-Begriff: der Hüter – oft ein ganzer Stamm statt einer Einzelperson – mit der Aufgabe betraut, über einen Ort, eine Ressource oder ein Volk zu wachen. Nach Hirini Moko Mead waren traditionell die ansässigen Stämme die *kaitiaki* aller Orte ihres Gebiets; heute dient die Beanspruchung des *kaitiaki*-Status für ein *wāhi tapu*, einen heiligen Ort, auch dazu, einen Anspruch auf Besetzung oder Eigentum zu untermauern. Der *kaitiaki* bezeichnet den Akteur, den oder diejenigen, die hüten; die *kaitiakitanga*, bereits in diesem Wörterbuch veröffentlicht, bezeichnet die Aufgabe selbst, die fortwährende Ausübung dieser Hut. Der Begriff ist also nicht in erster Linie ein ökologisches Konzept: Es ist eine zugleich genealogische und politische Position, die heute in Landforderungen und Anerkennungsansprüchen neu besetzt wird.
  • Kaitiakitanga · kaitiaki (gardien) + -tanga (suffixe d'abstraction) — Maori · Maori Māori-Wort: die Hüterlast, die ein Wesen an das bindet, was es beschützt – das Land, den Fluss, den Wald, das Volk. Laut Anne Salmond, einer neuseeländischen Anthropologin, trägt der *kaitiaki*, der Hüter, ganz besondere Pflichten, für die zu sorgen, die er beschützt – Pflichten, die auf der Ausübung des *mana*, der Ahnenmacht, gründen. Die Hüterschaft ist also kein administratives Mandat, sondern ein Verhältnis von Verwandtschaft und ererbter Autorität: Man bewahrt, wofür man vor den Ahnen Rechenschaft schuldet. In der alten Vorstellung sind es nichtmenschliche Wesen – *taniwha*, Haie, Rochen –, die das *kaitiakitanga* über Teile des Ozeans ausüben; der Mensch wird behütet, bevor er Hüter ist. *Kaitiakitanga* ist weder die „Verwaltung“ einer Ressource noch die „Vormundschaft“ über ein Naturkapital: Es ist eine Verantwortung der Fürsorge, die im Band verwurzelt ist, wo man dem Rechenschaft schuldet, was man beschützt.
  • Kalyāṇa-mitta · kalyāṇa-mitta (« noble ami ») — Buddhismus · Pali Der „gute“ oder „edle“ Freund: Im Buddhismus der Gefährte, der zum Guten hinzieht – jener, dessen Umgang den Weg zur Befreiung fördert. Das *Dhammapada* verwendet den Begriff nicht, legt aber die Regel fest: Man geht nur mit einem Gleichgestellten oder einem Besseren; andernfalls ist es besser, allein zu wandern. Der gute Gefährte ist eine Hilfe auf dem Weg, nicht sein Ziel – das man aus eigener Kraft erreicht. Zu unterscheiden von der *philia* des Aristoteles, die den Freund als konstitutiven Teil des glücklichen Lebens begreift.
  • Kama · kāma — Vedanta · Sanskrit Das Verlangen, der Appetit, die Begierde. Als Arjuna fragt, was den Menschen zum Bösen treibt »wie von einer fremden Kraft«, antwortet Krishna: Es ist der *kāma*. In der *Bhagavad-Gītā* ist das Begehren kein neutraler Mangel, der zu füllen wäre, sondern eine verschlingende Macht, die Feindin der Erkenntnis, die das Urteil verdunkelt und die Seele an ihre Objekte kettet.
  • Kamuy · kamuy (variante romanisée kamui) — Ainu · Ainu Mot ainu (Hokkaidō, Sachalin, Kurilen) wird oft mit *„Gott“* oder *„Geist“* übersetzt, meint aber vor allem ein nicht-menschliches Wesen: die Eule, den Bären, das Herdfeuer, das fließende Wasser, sogar das hölzerne Boot. In den *yukar* – den Gesängen, die ab 1922 von Chiri Yukie, der ersten Ainu, die die mündliche Literatur ihres Volkes aufzeichnete, verschriftlicht wurden – spricht ein *kamuy* in der ersten Person und trägt seinen eigenen Refrain. Der Älteste Shigeru Kayano drückt es schlicht aus: Ein Gott wohnt in jedem Element der großen Erde, und diese Götter gleichen den Menschen, sie sprechen, haben ihr eigenes Land. *Kamuy* bezeichnet also nicht *„die Natur“* als unpersönlichen Hintergrund, sondern einen Gast, den man empfängt, dem man Achtung erweist und den man beleidigen kann.
  • Karma · karma (karman) — Vedanta · Sanskrit Die Handlung und – in ihrer Erweiterung – die Folge der Handlung. In der *Bhagavad-Gītā* ist das Karma nicht in erster Linie das moralische Vergeltungsgesetz, zu dem es der Westen gemacht hat, sondern das Prinzip der Tätigkeit selbst: Alles im Kosmos ist durch das *Handeln* verbunden. Niemand kann sich ihm entziehen; die Frage ist daher nicht, ob man handelt oder nicht, sondern *wie* man handelt.
  • Karma-yoga · karma-yoga — Vedanta · Sanskrit Der Weg des Handelns – einer der drei großen Wege der *Bhagavad-Gītā* neben dem der Erkenntnis und der Hingabe. Krishna stellt ihn der *„Wissenschaft nach der Vernunft“* (dem *Sāṅkhya*) gegenüber: nicht auf die Werke zu verzichten, sondern sie zu vollbringen, ohne sich an ihren Früchten zu binden. Handeln, ohne sich durch das Handeln zu fesseln – das ist die Vereinigung (*Yoga*), die die *Gītā* dem Krieger lehrt, der der Schlacht entfliehen möchte.
  • Karuṇā · karuṇā (sct. karuṇā) — Buddhismus · Pali Die Mitgefühl: die innere Regung, die das Leid des anderen enden sehen will. Zweite der vier „erhabenen Verweilzustände“ (*brahmavihāra*). Das *Dhammapada* verwendet im Vers 270 das französische Wort *Hû*, das das Mitgefühl für alle Wesen als Kennzeichen des Vollendeten setzt.
  • Kathêkon · καθῆκον (kathêkon) — Stoizismus · Greek Das *kathêkon* ist die angemessene Handlung: was die gegenwärtige Situation verlangt, die Tat, die auf Rolle und Augenblick abgestimmt ist. Essen, wenn es Zeit zum Essen ist, seinen Vater pflegen, seinen Platz als Bruder einnehmen, Fieber mit Haltung ertragen. Es ist nicht die moralische Vollkommenheit des Weisen, sondern die Geste, die jeder Mensch im Fortschritt vollbringen kann: nicht *„was an sich gut ist“*, sondern *„was hier passt“*. Das gesamte stoische Handeln richtet sich nach diesem Maß, Beziehung für Beziehung, Umstand für Umstand.
  • Kené · kené (sing.) / kenebo (plur.) — Shipibo-Konibo · Shipibo Das *shipibo-konibo*-Wort *mot*, das die Anthropologin Luisa Elvira Belaunde mit »*diseño*« (Muster, Zeichnung) übersetzt, heißt *kené*. Es bezeichnet die geometrischen Linien, die die Frauen der Shipibo-Konibo auf Haut, Keramik, Stoff und Holz anbringen. Doch das sichtbare Muster ist nur der materielle Teil ein und derselben Sache: *Kené* wird auch in Visionen unter dem Einfluss ritueller Pflanzen (*rao*) empfangen, mit dem Finger nachgezeichnet und dabei gesungen – und gilt als heilend. Zeichnung, Vision, Gesang und Heilung sind nicht vier Verwendungen eines Ornaments, sondern die Zustände einer einzigen Wirklichkeit: die durch die Pflanzen erfahrbar gemachte Energie.
  • Kénōsis · κένωσις (kenōsis) — Christliche Mystik · Greek Griechischer Begriff, abgeleitet vom Verb *kenoō*, „entleeren“, „leer machen“. Er bezeichnet die freiwillige Erniedrigung, durch die Christus – gemäß dem Hymnus des Paulus an die Philipper – *„sich selbst entäußert“* (*heauton ekenōsen*) hat, indem er seine göttliche Gestalt aufgab, um die eines Knechtes anzunehmen. Die christliche Mystik hat daraus das Vorbild jeder Entblößung gemacht: hinabsteigen statt hinauf, die Macht loslassen statt sie zu ergreifen. Simone Weil greift diese Geste für sich auf – der Mensch, der den Rückzug Gottes nachahmt.
  • Kenshō · 見性 (kenshō) — Buddhismus · Japanese Im Zen ist *Kenshō* der erste Durchbruch: der Augenblick, in dem man in die eigene Natur „hineinsieht“ und das wahre Wesen des Selbst erfasst. Wörtlich „die Natur (性) sehen (見)“, ist es der erste Einblick in die Erleuchtung – nicht ihre Vollendung. Es ebnet den Weg zum vollständigen *Satori*, ohne es bereits zu umfassen.
  • Kiatsi — nomatsigenga · Nomatsigenga Bei den Nomatsiguenga ist der *Kiatsi* ein Herr der Tiefen der Flüsse und Seen: ein Wesen mit langem Fell, mit langen Bärten *„wie die Wasserschlangen“*, das mit ihnen diejenigen packt, die über das Wasser fahren. Er greift nicht an, um anzugreifen: Er hat viele Töchter, und er bringt die Boote zum Kentern, damit die Männer, die von ihnen beansprucht werden, unten bleiben und als Ehemänner leben. Diejenigen, die im Strudel verschwinden, steigen nicht in den Himmel auf – ihre Seele wird von den Wesen der Tiefe *„verlangt“*. Der *Kiatsi* ist weder ein zu besiegendes Ungeheuer noch ein Unfall: Er ist ein *dueño*, ein Besitzer der Wasserwelt, der Lebende als Schwiegersöhne einfordert.
  • Kōan · 公案 (kōan) — Buddhismus · Japanese Der Kōan (chinesisch *kung-an*) ist der „öffentliche Fall“: ursprünglich ein Dokument, eine Entscheidung, die Präzedenzfall schuf. Das Zen hat daraus ein Werkzeug des Erwachens gemacht – ein Rätsel oder eine Anekdote alter Meister, die der Schüler „durchdringen“ muss und die den diskursiven Geist bis zum Durchbruch erschöpft. Der berühmte *„Klang einer einzigen Hand“* ist sein Musterbeispiel.
  • kobade · un maillon dans une chaîne — Anishinaabe · Nishnaabemowin Ein im Nishnaabemowin überliefertes Wort, berichtet von der michi saagiig nishnaabeg-Autorin Leanne Betasamosake Simpson (*As We Have Always Done*, 2017), das sie von der Ältesten Edna Manitowabi hat: ein einziger Begriff für die Urgroßeltern UND die Urenkel – ein Glied in der Kette zwischen den Generationen, den Völkern, den Seinszuständen und den Einzelnen. Im weiteren Sinne die Abstammungslinie und das Volk selbst, *„ein langes Kobade, das durch die Zeit kreist“*, verknüpft mit allen Völkern des Lebendigen. Der Sprechende sieht sich nicht am Ende seiner Linie, sondern als Glied, gehalten und haltend, mit einer Verpflichtung nach vorne: mehr zu geben, als man nimmt, für das kommende *Kobade*.
  • Kuarara · kuarara (var. karuara) ; gens-de-l'eau du Premier Soleil — kukama · Kukama Bei den Kukama-Kukamiria im peruanischen Amazonas sind die *<em>kuarara</em>* die Menschen, die unter der Erde und unter dem Wasser leben, im Ersten Sonnenlicht (*<em>Wepe Kuarachi</em>*), der untersten der fünf Weltschichten. Man erkennt sie an ihren gestreiften Mützen und ihren runden, breiten Füßen. Ihre Aufgabe ist nicht dekorativ: Sie sind es, die die Welt halten. In der Lagune lebt eine riesige Boa, der *<em>Muiwatsu</em>*, ein bestrafter Zaubergeist, der ständig zu entkommen sucht – und wenn er entweicht, entfesselt er die großen Strudel, die *<em>muyunas</em>*. Die *kuarara* befehlen dann ihren Geschöpfen, dem Tiger und der *<em>taricaya mama</em>*, ihn am Schwanz festzuhalten. Der *kuarara* ist keine Gottheit, die man anbetet, noch ein bloßer Mythosbestandteil: Er ist ein unsichtbarer Arbeiter der Weltenstabilität, von dem abhängt, dass die Erde nicht abdriftet.
  • kuleana · prononc. « kou-lé-A-na » — Kanaka ʻŌiwi · Hawaiian Hawaiisches Wort (ʻōlelo Hawaiʻi): das Stück Land, die Aufgabe, das Recht-Pflicht-Verhältnis, das eine Person an einen bestimmten Ort bindet. George Kanahele zeigt, dass das hawaiianische Leben vor 1778 festgelegt war: Ein Mensch wurde geboren, arbeitete, heiratete, starb *„an einem einzigen Ort, einem einzigen kuleana, in einem einzigen ahupuaʻa“* – wobei der *ahupuaʻa* die Landteilung ist, die vom Berg bis zum Meer reicht. Das *kuleana* ist also nicht in erster Linie ein Besitz: Es ist das Los, das einem zufällt und einen in Anspruch nimmt, am selben Ort, an dem die Vorfahren gelebt haben. Das Wort bezeichnete später, nach der Bodenreform von 1850, auch die Parzellen, die den Bürgern als Eigentum übertragen wurden – was Kanahele ihre *„Ahnenländer“* nennt. Ein *kuleana* zu haben, bedeutet, einen Posten zu haben: einen Ort, für den man verantwortlich ist.

L

  • L'insuffisance de la richesse — Abendländische Philosophie · French Dialektisches Argument des Boethius (Buch III): Reichtum, weit davon entfernt, das Bedürfnis zu beseitigen, steigert es und macht seinen Besitzer niemals autark. Auf die Frage nach seinen einstigen Schätzen hin gesteht Boethius, nie einen Tag ohne Begierde oder Kummer gekannt zu haben – Beweis, dass der Reiche noch immer bedürftig ist, sich also nicht selbst genügt. Schlimmer noch: Der Reichtum selbst setzt einem zusätzlichen Bedürfnis aus, nämlich dem nach Schutz vor denen, die ihn rauben wollen.
  • La douleur et l'ennui — Abendländische Philosophie · French Die beiden Feinde des menschlichen Glücks nach Schopenhauer. Das Leben schwingt zwischen ihnen: Bedürfnis und Entbehrung, das Los der Armen, erzeugen Schmerz; Muße und Überfluss, das Los der Reichen, gebären Langeweile. Sich von dem einen zu entfernen, nähert man sich dem anderen – Glück ist nie ein stabiler Zustand, sondern ein Gleichgewichtspunkt, bedroht von beiden Rändern. Subjektiv variiert die Empfänglichkeit für jedes im umgekehrten Verhältnis zum anderen, bestimmt durch das Maß der geistigen Kräfte: der stumpfe Geist leidet wenig, langweilt sich aber; der reiche Geist füllt die Leere, spürt jedoch den Schmerz umso lebhafter. Zu unterscheiden von der *Ataraxie*, der durch Disziplin errungenen und bewahrten Ruhe: hier gibt es kein festes Ufer, nur ein Pendel.
  • la femme du Ciel · Skywoman — Potawatomi · English Der Name, den die Botanikerin Robin Wall Kimmerer (Volk der Potawatomi) in ihrem schriftstellerischen Englisch – und nicht als Wort einer indigenen Sprache – der ersten Frau in der Ursprungserzählung der Völker der nordamerikanischen Großen Seen gibt. Sie fällt aus der Oberwelt durch ein Loch im Himmel, ein kleines Bündel an sich gedrückt: Früchte und Samen, vom Weltenbaum des Himmels gerissen. Die Tiere retten sie – die Gänse fangen sie auf, die Schildkröte bietet ihren Rücken, eine Bisamratte stirbt, als sie etwas Schlamm vom Grund holt –, und auf diesen Schlamm, der auf dem Panzer ausgebreitet wird, sät sie ihre Samen und tanzt eine grüne Welt. Der Name bezeichnet keine Göttin, die von oben befiehlt, sondern eine Haltung: Die erste Ahnin kommt als Gärtnerin und Gast, die Hände voll, in Schuld – sie empfängt die Erde von den anderen Lebewesen und gibt sie ihnen zurück, indem sie sie wachsen lässt. Kimmerer stellt sie Begriff für Begriff Eva gegenüber: zwei Frauen, die aus einem Garten und einem Himmel fallen, die eine in die Verbannung (die Erde als Strafe, die wahre Heimat anderswo), die andere in die Mitgestaltung (die Erde als Gabe und Wohnstatt).
  • Le commun — Abendländische Philosophie · French Bei Dardot und Laval bezeichnet *das Gemeinsame* weder eine Sache noch eine Ressource noch ein gemeinsames Erbe: Es ist das politische Prinzip einer Tätigkeit, durch die sich Menschen, die in derselben Aufgabe engagiert sind, gegenseitig verpflichten. Ein Fluss, eine Software, ein Wald sind nicht von Natur aus »gemeinsam«; sie werden es erst, wenn eine Praxis sie als solche einsetzt und ihren Gebrauch gemeinsam regelt. *Das Gemeinsame* ist also ein *Tun*, kein *Haben* – und was es einsetzt, ist prinzipiell der Aneignung entzogen.
  • Ley de Origen · kággaba (kogi) — Kogi (Kággaba) · Spanish „Ursprungsgesetz“: Für das Volk der Kággaba (Kogi) in der Sierra Nevada de Santa Marta ist das Gesetz, das das Land und das Leben ordnet, nicht in Worten geschrieben, sondern in die Codes der Erde selbst eingeschrieben, seit dem Ursprung aller Dinge. Ein spanischer Begriff, den die Organisation Gonawindúa Tayrona, die öffentliche Stimme der Kággaba, verwendet, um nach außen ein Konzept zu vermitteln, das in ihrer Welt *„nicht in Worten geschrieben“* ist und täglich von den Mamos und den Gemeinschaften gelebt wird.
  • Li · 理 (lǐ) — Querdenken · Chinese Das „Prinzip“ des Neokonfuzianismus der Cheng-Zhu-Schule: die intelligible Ordnung, die Struktur oder der Seinsgrund, der bewirkt, dass jedes Ding das ist, was es ist. Vor jeder Form ist das *li* das, wodurch die Dinge existieren; es steht dem und verbindet sich zugleich mit dem Atem oder der materiellen Kraft, dem *qi*, durch das sie Gestalt annehmen. Bei Zhu Xi trennen sich Prinzip und materielle Kraft zwar faktisch nie, müssen aber gedanklich unterschieden werden: das eine ist das Seinsgesetz, das andere das Werkzeug. (Nicht zu verwechseln mit dem *li* 禮 der Riten; der Konfuzianismus hat keinen eigenen Eintrag in der Nomenklatur: dieser Begriff wird dort als übergreifend klassifiziert.)
  • Liangzhi · 良知 (liángzhī) — Querdenken · Chinese Das *„angeborene Wissen“*: die Fähigkeit des Herz-Geistes, spontan Gut und Böse zu erkennen, ohne Studium oder Überlegung. Für Wang Yangming ist dies kein angelesenes Wissen, sondern das Wesen des Geistes selbst, das in jedem vorhanden ist; die ganze Praxis besteht darin, es *„zur Vollendung zu bringen“* (*zhi liangzhi* 致良知, die Entfaltung des angeborenen Wissens), das heißt, ihm ohne Verrat zu folgen. (Der Konfuzianismus hat keinen eigenen Eintrag in der Nomenklatur: dieser Begriff wird dort als übergreifend eingeordnet.)
  • Ligne de fuite — Abendländische Philosophie · French Bei Deleuze und Guattari ist die *Fluchtlinie* das, was einem Gefüge entweicht und es variiert: die Bewegung, durch die ein Ganzes aufhört, sich identisch zu reproduzieren, und beginnt, seine Natur zu verändern. Sie trennt nicht, sie *deterritorialisiert* – sie öffnet ein Draußen. Weit davon entfernt, der Zufall oder der Rand einer Struktur zu sein, ist sie deren erstes Element: ein soziales Feld, ein Körper, eine Sprache definieren sich zunächst durch das, was in ihnen *flieht*.
  • Līlā · लीला (līlā) — Vedanta · Sanskrit Das göttliche Spiel: die kosmische Existenz nicht als Aufgabe, als Fall oder als Maschine begriffen, sondern als das freie Entfalten einer Freude, die sich selbst zur Schau stellt. Das Wirkliche dient zu nichts – es spielt. Bei Aurobindo ist *līlā* eine der drei Weisen, die Welt in ihrem Verhältnis zum Absoluten zu betrachten, neben dem Schleier (*māyā*) und der wirkenden Natur (*prakriti*). Wo diese beiden von Täuschung oder Arbeit sprechen, sagt *līlā* die Seligkeit: das Sein spielt, sich zu offenbaren, aus reiner Wonne des Sich-Erschaffens.
  • Línea Negra · espagnol de contact ; kággaba/kogi — Kogi (Kággaba) · Spanish „Schwarze Linie“: Für das Volk der Kággaba (Kogi) in der Sierra Nevada de Santa Marta ist dies die Linie, die das angestammte Gebiet umschließt und die heiligen Stätten rund um das Bergmassiv verbindet – von den Lagunen und Flussmündungen der Küste bis zu den schneebedeckten Gipfeln. Keine Grenze, die ein Innen von einem Außen trennt, sondern ein Netz von „Verbindungspunkten“, deren Gesundheit, wie sie sagen, das Gleichgewicht des Universums bewahrt. Ein spanischer Begriff, den die Organisation Gonawindúa Tayrona nach außen trägt – und vor dem kolumbianischen Staat verteidigt –, um eine Vorstellung zu vermitteln, die „in jeder unserer Sprachen ihre eigene Bezeichnung erhält“.
  • Logismoi · λογισμοί (logismoi) — Christliche Mystik · Greek Die *Gedanken-Versuchungen* in der Spiritualität der Wüstenväter. Nicht die gewöhnlichen Gedanken, sondern jene Regungen des Geistes, die von außen als Eingebungen auftreten und, wenn man sie festhält, zur Sünde führen. *Evagrios Pontikos* hat die acht Hauptformen aufgelistet. Der Mönch wählt sie nicht; sein Kampf besteht darin, ihnen nicht zuzustimmen.

M

  • Machine de guerre — Abendländische Philosophie · French Bei Deleuze und Guattari ist die *Kriegsmaschine* zunächst keine Armee: Sie ist ein Gefüge ganz anderer Art als der Staatsapparat, ihm äußerlich, seinem Recht vorgelagert. Sie kommt von anderswo – von den *Gesellschaften der Banden*, den Nomaden, den Meuten – und erfindet, was der Staat aus sich selbst nicht hervorbringen kann: die Geschwindigkeit und das Geheimnis. Der Staat stattet sich erst dann mit einer Kriegsmaschine aus, wenn er sie sich in Form einer militärischen Institution aneignet – ein Vorgang, der ihm fortwährend Probleme bereitet.
  • Mahua Yoxin · mahua yoxin — Shipibo-Konibo · Shipibo Das Wort *shipibo-konibo*, das die Künstlerin Chonon Bensho im Negativen verwendet, um zu sagen, was ein Mensch nicht ist: *mahua yoxin* ist der Geist des Toten, bar jeder Beziehung und jeder Bindung. Bensho ruft ihn auf, um die Shipibo-Frau zu beschreiben, die die Bräuche ihrer Großmütter kennt und auf dem Land ihrer Eltern wandelt – sie ist also nicht verloren in der Welt wie dieses beziehungslose Gespenst. Das Wort gehört nicht zum beängstigenden Übernatürlichen: Es benennt die genaue Kehrseite des Menschen, der in einem Netz aus Verwandtschaft, Wissen und Territorium verwurzelt ist.
  • Makyō · 魔境 (makyō) — Buddhismus · Japanese Die *Makyō* sind die illusorischen Phänomene – Visionen, Halluzinationen, Empfindungen –, die während des intensiven *Zazen* in einer bestimmten Phase der Praxis auftreten. Von *ma* (魔), „Dämon“, und *kyō* (境), „die objektive Welt“: die „dämonischen“ Erscheinungen des Sitzens. Zeichen der Stärke der Konzentration, kritischer Punkt auf halbem Weg, doch eine Falle, wenn man sich an sie klammert.
  • Malheur — Christliche Mystik · French Bei Simone Weil ist das Unglück (im starken Sinne) nicht das gewöhnliche Leid, sondern ein *Herausreißen*, das das »Ich« von außen zerstört: eine Zermalmung der ganzen Seele, zugleich körperlich, seelisch und sozial, die das Opfer weder durchschreiten noch aus eigener Kraft überwinden kann. Wo der Schmerz äußerlich bleibt und erträglich ist, entwürdigt, erstarrt und vernichtet das Unglück die Person – es ist die Lage des Sklaven, des Entwurzelten, des Verurteilten.
  • Mana — Maori · Maori Māori-Wort: *Mana* – das Ansehen, die Autorität und die Macht einer Person oder Gruppe. Jeder Māori wird mit einem Anteil an *mana* geboren, das von den Ahnen (*mana tipuna*) stammt und sich nach Rang und Taten der Eltern bemisst. Doch nach Hirini Moko Mead ist *mana* von allen Eigenschaften die offenste für Wachstum: Man mehrt es durch eigene Taten, indem man das *mana* der gesamten Gruppe stärkt – das ist die schöpferische und dynamische Kraft, die antreibt, es besser zu machen. *Mana* ist keine Herrschaftsmacht, die man anderen entreißt: Es ist eine soziale Qualität, die verlangt, dass andere deine Verdienste anerkennen und dir Respekt zollen.
  • Mana (hawaiien) · prononc. « MA-na » — Kanaka ʻŌiwi · Hawaiian Hawaiianischer Begriff (ʻōlelo Hawaiʻi): die universelle Kraft, die alles Leben und jedes Element des Universums durchdringt. In seinem Kapitel zur hawaiianischen Kosmologie beschreibt George Kanahele *mana* als das Konzept, das die Weltanschauung der Hawaiianer am besten mit ihren Werten verbindet: eine „universelle Energie“ und eine „göttliche“ spirituelle Kraft, die den Menschen gegeben ist, um sich selbst zu gestalten. *Mana* durchströmt in unterschiedlichem Maße Götter, Häuptlinge, Priester-Experten, Handwerker, Dichter – bis hin zum einfachen Volk, zum Tier und zur Pflanze, ja sogar die Materie selbst, aus der die Götter geformt sind und aus der große Menschen ihre Werke schöpfen. Es ist eine ebenso kosmologische wie psychologische, ebenso immaterielle wie materielle Realität.
  • Manaakitanga — Maori · Maori Māori-Wort: die Gastfreundschaft und Fürsorge, mit der man sich um andere kümmert, indem man ihr *mana* erhöht. Nach Hirini Moko Mead, einer inneren Stimme der Ngāti Awa, lässt sich *manaakitanga* am besten als grundlegendes Verhaltensprinzip verstehen, das für die meisten Zeremonien gilt und jeden leiten sollte. Auf dem *marae* muss der Fremde, der zum Gast wird, ernährt, beherbergt und beschützt werden – doch der Wert geht über Brot und Dach hinaus: Er beginnt schon vor der Ankunft der Besucher, in allem, was man vorbereitet, um sie würdevoll zu empfangen. Sein tieferer Sinn liegt darin, das *mana* derer zu heben, die man aufnimmt: Öffentliche Veranstaltungen sollen das *mana* der Teilnehmenden stärken, und Handlungen, die es mindern, schaden. *Manaaki* trägt übrigens *mana* bereits im Namen: Fürsorge bedeutet, die Würde des anderen zu mehren.
  • Māra · māra (pali māra) — Buddhismus · Sanskrit Der Versucher, der personifizierte Tod – *„der König des Todes“*. Eine Macht, die denjenigen „zu Fall bringt“, der in der Zügellosigkeit der Sinne lebt, doch keinen Halt findet an dem Wachsamen, dessen Denken zur Festung geworden ist. Im *Dhammapada* ist Māra kein äußerer Teufel: Er ist die mythische Gestalt des Triebs, der knechtet – maßloses Vergnügen, Nachlässigkeit, Begierde – und dessen Griff sich löst, je mehr die Wachsamkeit wächst.
  • Matihi thëri pë · matihi thëri pë — Yanomami · Yanomami Yanomami-Ausdruck, den Bruce Albert mit *„das Volk der Ware“* übersetzt: der Name, den Davi Kopenawa den Weißen in *La Chute du ciel* gibt. Wörtlich *„die Leute, die Bewohner der Ware“* (oder *matihi pë potima thë pë*, *„die Herren der Waren“*). *Matihi* bezeichnete ursprünglich kostbare Güter – Totenasche, Federornamente; das Wort wurde auf die Waren der Weißen übertragen. Es ist ein Exonym: Eine betrachtete Gesellschaft benennt ihrerseits die Gesellschaft, die sie betrachtet, und definiert sie nicht über ein Territorium oder Ahnen, sondern über den Affekt, der sie beherrscht – die Gier nach angehäuften Dingen. Zu unterscheiden von *„Konsumismus“*, einem Begriff von innen: Das Volk der Ware ist ein Name, der von außen gegeben wird.
  • Mauri — Maori · Maori Māori-Wort: *mauri* – der Lebensfunke, das aktive Prinzip, das anzeigt, dass ein Wesen lebt – der Atem, der Schlag, die Wärme, die Kraft, die Körper und Persönlichkeit belebt. Nach Hirini Moko Mead ist das *mauri* mit einem Individuum verbunden, ohne sich davon lösen zu können: Verlässt es den Körper, erlischt die Lebenskraft abrupt, und das *mauri* selbst hört auf zu existieren. Sein Gleichgewichtszustand, wenn es der Person körperlich und in ihren sozialen Bindungen gut geht, heißt *mauri tau*, „das *mauri* ist in Frieden“. Das *mauri* ist keine substanzhafte Seele, die den Körper überdauert: Es ist eine Aktivität, die mit ihm vergeht.
  • Māyā · माया (māyā) — Vedanta · Sanskrit Im Vedānta bezeichnet *māyā* die kosmische Kraft, durch die sich die eine Wirklichkeit in Vielfalt entfaltet. Der Begriff umfasst zwei unterschiedliche Vorgänge: eine schöpferische Macht (die Kraft, die das Universum hervorbringt) und eine verhüllende Macht (der Schleier, der die Erscheinung für das Ganze der Wirklichkeit halten lässt). Diese beiden Vorgänge sind untrennbar – dieselbe Macht, die erschafft, verbirgt, was sie erschaffen hat.
  • Maʿrifat · معرفة (maʿrifat) — « ma'rifat » chez Garcin de Tassy — Sufismus · Arabic Arabisches Wort für Erkenntnis, und zwar Erkenntnis durch Enthüllung statt durch Anhäufung. In ʿAttārs Gedicht ist *maʿrifat* das dritte der sieben Täler des Weges, jenes, *„das weder Anfang noch Ende hat“*. Jeder durchmisst es nach seinen eigenen Kräften – die Spinne folgt nicht dem Schritt des Elefanten; es bietet *„verschiedene Gesichter“*, und die einen finden darin den *Mihrab*, die anderen das Götzenbild. Es ist kein Wissen, das man davonträgt, sondern ein Licht, in dem der Suchende im kleinsten Atom das Ganze erblickt.
  • Megalopsuchia · μεγαλοψυχία (megalopsuchia) — Abendländische Philosophie · Greek Die Großmut oder Seelengröße: die Haltung des Menschen, der sich der größten Dinge für würdig hält – und es tatsächlich ist. Sie setzt also eine gerechte Selbsteinschätzung und eine tatsächliche Vortrefflichkeit voraus – sie ist nicht ohne alle Tugenden denkbar, deren *Schmuck* sie gleichsam ist. Ihr Gegenstand ist die Ehre, das größte der äußeren Güter. Zu unterscheiden von der Eitelkeit, die sich des Großen für würdig hält, ohne es zu verdienen, und von der Kleinmütigkeit, die sich unter ihrem Wert einschätzt.
  • Meletē thanatou · μελέτη θανάτου (meletē thanatou) — Stoizismus · Greek Das Üben des Todes: nicht einmal daran denken, sondern sich darin üben wie in einer Bewegung, die man wiederholt. Der Weise hält sein eigenes Ende für vertraut, um schon heute aufrecht zu leben, befreit von der Angst, die zum Sklaven macht. Es ist eine Disziplin des gegenwärtigen Lebens, keine Faszination für das Nichts.
  • Meraya · shipibo-konibo (langue pano) — Shipibo-Konibo · Shipibo Das shipibo-Wort, das nicht „den Schamanen“ bezeichnet, sondern den *höchsten <em>Grad</em>* einer dreistufigen medizinischen Wissenschaft. In der von Pakan Meni (Elí Sánchez) überlieferten Kosmovision gliedert sich das Heilwissen hierarchisch: Der *<em>onanya</em>* beginnt seine Pflanzenkur, kann aber bereits durch bloßen Blick oder Berührung diagnostizieren und heilen; der *<em>yobé</em>* ist jener, der die Regeln der Kur gebrochen hat, um *meraya* zu werden, und dem die Pflanzen zur Strafe eine negative Macht verliehen haben (er kann heilen, vor allem aber töten); der *meraya* ist die Spitze – „über ihm steht niemand“. Sein eigentliches Merkmal ist nicht, besser zu heilen, sondern *alle* Räume der Welt durchwandern zu können – die Wasserwelt, unsere, die gelbe Welt der Verfehlungen, den wundersamen Raum der Sonne – und sich dorthin persönlich zu begeben, indem er sich in Tiger, Boa oder Puma verwandelt und nach Belieben verschwindet. Während gewöhnliche Menschen den Raum der Sonne erst nach dem Tod erreichen, gelangt er allein lebend dorthin. *Meraya* bezeichnet also eine Fähigkeit zur Durchquerung und Metamorphose, keine soziale Funktion oder Gabe.
  • Mésotês / le juste milieu · μεσότης (mesotēs) — Abendländische Philosophie · Greek Die Tugend als Mitte: ein Mittelweg zwischen zwei Lastern, dem einen durch Übermaß, dem anderen durch Mangel. Diese Mitte ist nicht der arithmetische Mittelpunkt einer Sache, für alle gleich; sie ist relativ zu uns, was weder durch Übermaß noch durch Mangel in unseren Handlungen und Leidenschaften fehlt, so wie es der wahrhaft Weise bestimmen würde. Diesen richtigen Punkt zu treffen ist schwierig, weil er mit den Umständen und der Person wechselt. Nicht zu verwechseln mit dem messbaren Durchschnitt oder der Lauheit oder dem Kompromiss: die Mitte ist selbst ein Gipfel und im Verhältnis zum Guten ein Extrem.
  • Métamorphose — Abendländische Philosophie · French Bei Emanuele Coccia ist die Metamorphose kein seltenes Ereignis, das einigen Insekten vorbehalten bleibt, sondern die gewöhnliche Daseinsform des Lebendigen. Ein und dasselbe Leben geht von Gestalt zu Gestalt, von Körper zu Körper, von Art zu Art über: Die Raupe und der Schmetterling, das Kind und seine Eltern, das Lebewesen und die Erde teilen ein einziges Leben, das unablässig seine Gewänder wechselt. Diese materielle Kontinuität macht jedes Wesen zu einer Ansammlung heterogener Geschichten – *„jedes Lebewesen ist eine Chimäre“*. Der Unterschied der Formen zerbricht nicht die Einheit des Lebens; er ist dessen Existenzweise.
  • Metanoia · μετάνοια (metanoia) — Christliche Mystik · Greek Griechisches Kompositum aus *meta* (jenseits, Wandel) und *nous* (der Geist, die Intelligenz): die Umkehr des Denkens, der Wechsel des Blicks, aus dem die *Bekehrung* hervorgeht. Das Neue Testament macht es zum ersten Wort der Verkündigung („*kehret um*“), und die Wüstenväter verlagern es vom *forum externum* ins *forum internum* – nicht eine einmalige Handlung, sondern eine fortwährende Neuausrichtung der Seele. Das Französische hat es lange mit *Buße* oder *Bekehrung* wiedergegeben, mit der Gefahr, seinen Sinn auf bloße Reue zu verengen.
  • Metaxu · μεταξύ (metaxu) — Christliche Mystik · Greek Griechisches Wort für das „Dazwischen“, das Simone Weil zu einem spirituellen Konzept erhebt: Was trennt, verbindet auch. Ein Haus, ein Land, ein geliebter Mensch sind *Metaxu* – Brücken ins Jenseits, sofern man sie durchschreitet und nicht wie an einem Ziel in ihnen verweilt.
  • Mettā · mettā (sct. maitrī) — Buddhismus · Pali Die Güte: ein Wunsch nach Glück, der ohne Vorbehalt allen Wesen gilt, ohne Ausnahme und ohne Bevorzugung. Die erste der vier „erhabenen Verweilzustände“ (*brahmavihāra*). Der *Dhammapada* verwendet das Wort nicht, gibt aber das negative Axiom wieder: Hass erlischt nicht durch Hass, sondern nur durch dessen Abwesenheit.
  • Min bao wu yu · 民胞物與 (mín bāo wù yǔ) — Querdenken · Chinese „Das Volk ist mein Bruder, die Wesen meine Gefährten.“ – Eine verdichtete Formel aus der *Westlichen Inschrift* von Zhang Zai (1020–1077): Da der Himmel mein Vater und die Erde meine Mutter ist, ist mir jedes Lebewesen verwandt. Doch die kosmische Brüderlichkeit ist kein Gefühl – sie ist eine abgestufte Pflicht: die Alten ehren, die Waise und den Schwachen lieben, alle, die leiden und keinen Beistand haben, als Brüder anerkennen. Die universelle Verwandtschaft misst sich an den Verpflichtungen, die sie auferlegt. *(Der Konfuzianismus hat keinen eigenen Eintrag in der Nomenklatur: dieser Begriff wird dort als übergreifend klassifiziert.)*
  • Minidewak · bodwewadmin (anishinaabe) — Potawatomi · Potawatomi Potawatomi-Wort, das die Botanikerin Robin Wall Kimmerer mit *„aus tiefstem Herzen geben“* übersetzt. Es bezeichnet das zeremonielle *giveaway*, bei dem die geehrte Person schenkt, und allgemeiner eine Ökonomie, in der Reichtum an der Fähigkeit zu geben gemessen wird. Auf das Lebendige ausgeweitet, steht *minidewak* für den unaufhörlichen Kreislauf der Gaben, durch den die Welt – die Erde eingeschlossen – sich erhält: empfangen als Gabe, die weitergegeben werden muss.
  • Mokṣa · मोक्ष (mokṣa) — Vedanta · Sanskrit Die Befreiung: der letzte Begriff des Daseins für das hinduistische Denken, die endgültige Loslösung vom Kreislauf der Wiedergeburten (*saṃsāra*) und vom Zustand, der sie fesselt. *Mokṣa* ist weder eine postume Belohnung noch ein Ort, den man erreicht, sondern die Lösung eines Bandes – jenes, das die Seele an die Taten, das Begehren und die Unwissenheit bindet. Man erlangt sie nicht: man befreit sich von ihr. Die *Gītā* nennt sie bald „Erlösung“, bald „Erlöschen in Gott“ und stellt sie über alle Früchte, die man begehren könnte, den Himmel eingeschlossen.
  • Mono no aware · 物の哀れ (mono no aware) — Querdenken · Japanese Zentraler Begriff Motoori Norinagas (1730–1801), oft mit *„die Wehmut der Dinge“* übersetzt – eine zu enge Wiedergabe. Im Kern des Wortes steht *aware*: nicht nur Trauer, sondern jedes tiefe Gefühl, das Dinge und Ereignisse im Herzen wecken. *„Empfänglich für das mono no aware“* zu sein, bedeutet, das Herz der Dinge (*mono no kokoro*) zu erfassen und sich davon berühren zu lassen: eine gefühlsbetonte Welterkenntnis, Grundlage der Literatur nach Norinaga.
  • Mora · mora — Stoizismus · Latin Im Lateinischen ist die *mora* die Frist, das Intervall, das man verstreichen lässt, bevor man handelt. Seneca macht sie zum eigentlichen Heilmittel des Zorns: Weil diese Leidenschaft aus einem übereilten Urteil entsteht und *„alles im Laufschritt“* erledigt, entwaffnet man sie nicht durch eine gegensätzliche Kraft, sondern durch Zeit. Aufschieben heißt, der Vernunft das Intervall zurückzugeben, das sie braucht, um wieder das Steuer zu übernehmen – der erste Zorn verraucht, und mit ihm die meisten Gründe, die nach Wiedergutmachung zu verlangen schienen.
  • Moro · moros (pluriel) — Kogi (Kággaba) · Kogi Bei den Kággaba (Kogi) der Sierra Nevada de Santa Marta ist der *Moro* das Kind oder der Jugendliche, der durch Weissagung auserwählt wird, nach der neunjährigen Grundausbildung, die jeder zukünftige Mama erhält, zwei weitere Neunjahresperioden in Dunkelheit und Fasten zu verbringen – bis er zu einem dieser Orakel wird, von denen es heißt, sie hätten „das Ende der Welt kommen sehen“. Der Begriff bezeichnet auch allgemein jeden Schüler in der Ausbildung zum Mama. Es ist kein Ehrentitel: Es ist ein erlebter Verzicht, dessen Härte Mama Bernardo, der von Kindheit an ausgebildet wurde, selbst Alan Ereira geschildert hat.
  • Mu (kōan) · 無 (mu) — Buddhismus · Japanese Das *„Mu“* von Jōshū ist die Antwort — 無, *„nein / nicht / nichts“* —, die der chinesische Meister Zhaozhou (jap. Jōshū) dem Mönch entgegenschleudert, der ihn fragt, ob ein Hund die Buddha-Natur besitze. Als erster der achtundvierzig Fälle des *Mumonkan* („Die torlose Schranke“) ist es der Dreh- und Angelpunkt des Zen-Kōan: kein Rätsel zum Lösen, sondern eine Mauer, die sich dem diskursiven Denken entgegenstellt. *„Hat“* und *„hat nicht“* zerbrechen daran gleichermaßen; das *Mu* ist weder Bejahung noch Verneinung, sondern das, was den Geist erschöpft, der entscheiden will – bis zum Durchbruch.
  • Mumukṣutva · मुमुक्षुत्व (mumukṣutva) — Vedanta · Sanskrit Das glühende Verlangen nach Befreiung: der Durst, sich durch die Erkenntnis des eigenen Wesens von den Fesseln der Unwissenheit zu lösen – allen voran der *Illusion*, sich für den Handelnden zu halten. Als vierte und letzte der vier Grundhaltungen des Vedānta ist *mumukṣutva* das, was alles andere in Bewegung setzt: ohne sie bleiben Einsicht und Loslösung unfruchtbar. Nicht ein vages spirituelles Sehnen oder die Anziehung eines angenehmen Zustands, sondern der Wille, der nichts mehr will als die Erlösung selbst.
  • Muni · मुनि (muni) — Buddhismus · Pali Der Muni ist der Weise des alten Indien – doch das Wort bedeutet zunächst *„der Schweigsame“*, derjenige, der die Stille (mauna) zu seiner Wohnstatt gemacht hat. Dennoch lehnt das *Dhammapada* es ab, ihn allein zur Sache des Verstummens zu machen: Schweigen genügt nicht, wenn der Geist unruhig bleibt. Der Muni ist der, der *„die beiden Seiten der Dinge“* abgewogen hat und sich auf die Seite des Guten gestellt hat – sein Schweigen ist die Wirkung eines beruhigten Geistes, nicht dessen Ursache.
  • Mushin · 無心 (mushin) — Buddhismus · Japanese Das „Nicht-Geistige“ des Zen: ein Handeln, das sich im selben Augenblick nicht durch einen von außen darauf gerichteten Blick verdoppelt. Nicht das Fehlen von Denken, sondern das Denken, das nicht mehr versucht, sich beim Denken zu kontrollieren. Der chinesische Begriff *wu-hsin* (japanisch *mushin*) bezeichnet den wahren Geist als „Nicht-Geist“: das, was sich weder als Objekt fassen noch handhaben lässt.

N

  • Nada · nada (« rien ») — Christliche Mystik · Spanish Spanisches Wort für »nichts«. Bei Johannes vom Kreuz bezeichnet es den Weg der vollständigen Entblößung, durch den sich die Seele von jedem Verlangen – zu genießen, zu wissen, zu besitzen, zu sein – entleert, um zum *todo*, dem Alles Gottes, zu gelangen. Das *nada* ist keine erlittene Entbehrung, sondern eine erwählte Nacht: Man lässt jedes endliche »Etwas« wie eine Sprosse los, um zu dem aufzusteigen, was sich nicht wie eine Sache besitzen lässt. Das Nichts ist hier eine Schwelle, kein Ziel.
  • Nafs · نفس (nefs) — Sufismus · Arabic Arabisches Wort mit der Bedeutung *„Seele“*, jedoch im niederen Sinne: das begehrliche Ich, die fleischliche Seele, die fordert, besitzt und sich in den Mittelpunkt stellt. Es ist der innere Widersacher des sufischen Weges, der vor allem zu zähmen ist. Garcin de Tassy übersetzt es mit *„ungetreue Seele“*, *„begehrliche Seele“* – jene Instanz, die, wie ʿAṭṭār sagt, *„vernichtet“* werden muss, um in Sicherheit zu sein.

O

  • Ökosophie · ecosophy (angl., Arne Naess) — de oikos, la maisonnée, + sophia, la sagesse — Abendländische Philosophie · French Vom norwegischen Philosophen Arne Naess geprägter Begriff: keine Naturwissenschaft, sondern eine bewohnte Weisheit – eine Weltanschauung, die sich an den Bedingungen des Lebens in der Ökosphäre orientiert und die konkreten Entscheidungen dessen prägt, der sie vertritt. Die Ökologie beschreibt; die Ökosophie verpflichtet. Jeder entwirft seine eigene: Naess nennt seine Variante *„Ecosophy T“*, ohne zu behaupten, man müsse sie übernehmen.

P

  • Poser de bonnes questions — Abendländische Philosophie · French Die methodische Geste, mit der Vinciane Despret die Ethologie umkehrt: Bevor man fragt, was ein Tier kann, fragt man, ob die Frage, die man ihm stellt, die richtige ist. Eine Antwort liegt nicht fertig im Tier bereit; sie entsteht – oder auch nicht – je nach dem Aufbau, der sie aufnehmen soll. Falsch befragt, wirkt das Tier dumm; richtig befragt, wird es fähig. Die Frage beschreibt das Tier also nicht, sie verwandelt es – und verwandelt auch den, der sie stellt.

S

  • Sozialbeschleunigung — Abendländische Philosophie · French Bei Hartmut Rosa ist die soziale Beschleunigung nicht das individuelle Gefühl, der Zeit hinterherzulaufen, sondern die strukturelle Logik moderner Gesellschaften. Eine moderne Gesellschaft bleibt nur bestehen, indem sie unablässig wächst: Sie braucht wirtschaftliches Wachstum, technische Beschleunigung und ständige kulturelle Innovation, um ihr Gleichgewicht überhaupt zu halten. Diese drei Triebkräfte bedingen sich gegenseitig und geben schließlich den Takt des Lebens vor – bis das Subjekt jeder lebendigen Beziehung zur Welt entfremdet wird.

T

  • The ethic of care · l'éthique du care (ou du soin) — Abendländische Philosophie · English Von der Psychologin Carol Gilligan (*In a Different Voice*, 1982) geprägt – auf Englisch, ihrer Arbeitssprache. Sie bezeichnet damit eine moralische Haltung, die in Verantwortung, Verbundenheit und der konkreten Sorge um andere wurzelt, im Gegensatz zu einer Moral der Rechte, Regeln und abstrakten Gerechtigkeit. Gilligans „<em>andere Stimme</em>“ begreift das moralische Problem nicht als Konflikt von Rechten, der zu schlichten wäre, sondern als Geflecht von Beziehungen, das nicht beschädigt werden darf. *„L’éthique du care“* ist nur ein hausgemachter französischer Begriff dafür, entsprechend gekennzeichnet; das englische *care* umfasst sowohl Fürsorge als auch Sorge und Aufmerksamkeit.
  • The more-than-human world · le monde plus-qu'humain — Abendländische Philosophie · English Ausdruck von David Abram (*The Spell of the Sensuous*, 1996) – in Englisch, seiner Schreibsprache. Es bezeichnet das Wirkliche nicht als „die Natur“, ein uns gegenüberstehendes Objekt, sondern als ein Gewebe sinnlicher *Präsenzen* – Winde, Tiere, Pflanzen, Gelände, Steine –, in dem der Mensch nur ein Faden ist, nicht das Zentrum. Die Vorsilbe *„mehr-als-“* trägt die ganze Last: Die Welt ist nicht weniger als menschlich (ein roher, toter Stoff, den es auszubeuten gilt), sie ist *mehr als menschlich*, sie übersteigt und geht dem Menschen in jeder Hinsicht voraus. Abram, ein Phänomenologe, der durch die mündlichen Kulturen Indonesiens und Nepals geprägt wurde, dient hier als Brücke zwischen einer indigenen Erfahrung des belebten Lebens und dem westlichen Leser. *„Die mehr-als-menschliche Welt“* ist die hausgemachte französische Übertragung, als solche gekennzeichnet.

ʿ

  • ʿIshq · عشق (ʿishq) — « ischc » chez Garcin de Tassy — Sufismus · Arabic Arabisches Wort für die Liebe in ihrem glühenden Grad: nicht die Zuneigung, nicht die Neigung, sondern die Leidenschaft, die verzehrt. Im sufischen Vokabular ist der *ʿishq* die Kraft, die den Suchenden aus sich selbst heraus zu Gott schleudert, bis er darüber den Verstand verliert. *ʿAttâr* macht ihn zum zweiten der sieben Täler des Weges: Man tritt erst ein, indem man sich selbst zu Feuer macht.

Kein Begriff für diese Tradition.

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