Aeternitas
aeternitas
Die klassische Definition der Ewigkeit, geprägt von Boethius im fünften Buch: der vollständige und gleichzeitige Besitz eines Lebens ohne Abfolge, ohne Anfang, Mitte oder Ende. Sie steht im Gegensatz zur zeitlichen Dauer, die niemals ganz besessen wird – das Morgen fehlt noch, wenn das Gestern schon verloren ist. Die Ewigkeit ist kein sehr langer Zeitraum: Es ist eine Seinsweise, in der alles auf einen Schlag umfasst wird. Zu unterscheiden von der [*distentio animi*](/lexique/distentio-animi) Augustins, der erlebten Zeit als Dehnung und Zerstreuung der Seele; und von einer bloßen unendlichen Dauer, denn eine endlose Abfolge bleibt eine Abfolge, kein gleichzeitiger Besitz.
L’éternité est la possession entière et parfaite d’une existence qui n’a ni commencement, ni milieu, ni fin.
Aeternitas. Boethius versucht zu begreifen, wie Gott die Zukunft erkennt, ohne die Freiheit aufzuheben, und muss dazu zunächst bestimmen, was göttliche Ewigkeit ist. Seine Antwort – interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio – prägt die gesamte nachfolgende Theologie. Die Formel gipfelt in einem Schlüsselwort: Besitz. Das Ewige erleidet seine Dauer nicht, es hält sie; es durchmisst sie nicht, es umgreift sie in einem einzigen Akt.
Der Kontrast zum zeitlich Existierenden ist unmittelbar. Boethius sagt es unmissverständlich: Nichts, was in der Zeit lebt, kann »alle Augenblicke seiner Dauer zugleich umfassen«. Wir besitzen nie das ganze Leben; wir haben nur diesen dünnen Faden der Gegenwart, »diesen schnellen, flüchtigen Moment«, eingeklemmt zwischen einer verlorenen Vergangenheit und einem Morgen, den wir noch nicht halten. In der Zeit zu existieren heißt, sich selbst stets zu entbehren.
Daher eine Korrektur, die Boethius gegen Platon und Aristoteles anbringt: Mag die Welt auch keinen Anfang gehabt haben und niemals enden – ewig ist sie deshalb nicht, nur unaufhörlich. Endlos zu währen heißt noch immer, von Augenblick zu Augenblick zu schreiten, ohne je das Ganze zu besitzen. Ewigkeit ist keine ins Unendliche verlängerte Linie: Sie ist ein Punkt, der alles enthält.
In diesem Punkt weicht die aeternitas von Augustins distentio animi ab. Bei Augustin misst die menschliche Seele die Zeit, weil sie sich dehnt, sich zwischen Erwartung und Erinnerung zerstreut; die Zeit ist dieser innere Riss. Boethius beschreibt das genaue Gegenteil: ein geballtes, ungeteiltes, nicht gedehntes Leben. Das eine ist die Zerstreuung eines Wesens, das verrinnt; das andere die Fülle eines Wesens, das sich hält.