Béatitude
beatitudo
Bei Spinoza ist die *Seligkeit* kein Lohn, der nach dem Tod versprochen wird, noch die Folge eines tugendhaften Lebens: Sie ist die Tugend selbst, gleichgesetzt mit der intellektuellen Liebe zu Gott. Es ist der Zustand der Seele, die die Dinge durch die dritte Erkenntnisart – die intuitive Erkenntnis – erkennt und die in diesem Akt vollkommen tätig, frei und mächtig ist. Die Seligkeit krönt nicht die Anstrengung; sie ist ihr *Stoff*.
La Béatitude n'est pas le prix de la vertu, mais la vertu elle-même ; et cet épanouissement n'est pas obtenu par la réduction de nos appétits sensuels, mais c'est au contraire cet épanouissement qui rend possible la réduction de nos appétits sensuels.
Das lateinische Wort beatitudo verweist bei Spinoza auf etwas Präzises und zugleich Paradoxes. Die meisten Menschen, schreibt er im Scholium zu Proposition 42, „scheinen zu glauben, Moral und Religion seien Lasten, von denen sie nach dem Tod befreit zu werden hoffen, um den Lohn ihrer Knechtschaft zu empfangen“. Diese Weltsicht – ertragene Tugend, erhoffter Lohn – ist genau das, was Spinoza umkehrt.
Die Glückseligkeit liegt nicht am Ende des Weges. Sie ist der Weg selbst, insofern die Seele darin tätig ist. Sein Beweis ist stringent: Die Glückseligkeit besteht in der Liebe zu Gott (was Appuhn auch als „intellektuelle Liebe zu Gott“ übersetzt); diese Liebe entspringt der dritten Erkenntnisart, der intuitiven Erkenntnis der Einzeldinge; ein Erkenntnisakt aber ist ein Akt der Seele, sofern sie handelt, nicht sofern sie leidet – er ist also per definitionem Tugend. Nichts zu erwarten, nichts zu verdienen: adäquat zu erkennen ist bereits Aufblühen.
Daraus ergibt sich eine entscheidende Umkehrung: Nicht indem man zunächst seine Begierden einschränkt, gelangt man zur Glückseligkeit, sondern die Glückseligkeit – das Wachstum der Handlungsmacht – ermöglicht erst diese Einschränkung. Die Askese geht der Freiheit nicht voraus; sie ist deren Wirkung.
Glückseligkeit ≠ Freude. Die spinozistische Freude ist ein Übergang, ein Überschreiten der Machtschwelle; sie ist dynamisch, sie wird durchschritten. Die Glückseligkeit ist ein stationärer Zustand des Weisen, eine erworbene Erkenntnis, die nicht mehr mit äußeren Ursachen schwankt. Der Unwissende, sagt Spinoza im abschließenden Scholium, „hört auf zu sein, sobald er aufhört zu leiden“; der Weise „hört niemals auf zu sein und besitzt die wahre Zufriedenheit“. Die Glückseligkeit ist dieser Zustand kontinuierlichen Seins, unabhängig vom Schicksal.