Latin · Abendländische Philosophie

Amicitia

amicitia

Für Cicero ist die *amicitia* kein Geschäft von Gefälligkeiten, sondern die vollkommene Übereinstimmung zweier Seelen, verbunden durch gegenseitige Zuneigung, und ihr einziges Fundament ist die Tugend: ohne sie gibt es keine wahre Freundschaft. Sie entsteht nicht aus unserer Schwäche – sie füllt keine Lücke – sondern aus einer Neigung der Natur, die die Rechtschaffenheit im anderen erkennt. Daher seine Formel: Der Freund ist »ein anderes Ich«, und die wahre Freundschaft ist, weil die Natur sich nicht ändert, ewig.

L'amitié n'est autre chose que le parfait accord de deux âmes sur les choses divines et humaines, avec une bienveillance et une affection mutuelles.
Cicéron, Lélius, ou de l'Amitié, ch. VI. Œuvres complètes (Le Clerc), Lefèvre, 1821 · trans. Gallon la Bastide · source

Der lateinische Begriff amicitia leitet sich von amare (lieben) ab: „Aus dem Lieben stammt das Wort der Freundschaft“, bemerkt Cicero. Das Wort bezeichnet also zunächst eine Zuneigung, keine Interessenallianz. Sein Gegenstand, der amicus, wird als alter idem gedacht – ein anderes Ich, ein zweites Selbst, in dem man sich wiedererkennt. „Einen Freund zu haben, heißt, ein anderes Selbst zu besitzen“: Die Formel macht den Freund zu einem Teil dessen, der liebt, nicht zu einem nützlichen Helfer, der neben ihm steht.

Grundlage einer solchen Freundschaft ist allein die Tugend. Cicero stellt dies unmissverständlich fest: „Ohne Tugend kann es keine wahre Freundschaft geben.“ Freundschaft entspringt „eher der Natur als unserer Schwäche“: Sie gleicht kein Mangel aus, sondern verbindet diejenigen, die bereits in sich selbst ihre Kräfte finden und gerade deshalb am fähigsten sind zu lieben. Aus diesem Ursprung erwächst ihre Beständigkeit: „Wenn das Interesse den Knoten der Freundschaft knüpfte, müsste es sie auch lösen, sobald es sich ändert. Doch die Natur ist unveränderlich – wahre Freundschaft ist ewig.“

Drei Dinge, die ein und dasselbe Wort umfassen kann und die man auseinanderhalten muss. Die ciceronische amicitia – aus Tugend geboren, in der der Freund das Leben so ergänzt, dass sein Verlust „der Welt die Sonne nehmen“ würde – ist nicht die Freundschaft des Interesses, jener „Handel“, der mit dem Vorteil endet, der ihn entstehen ließ; sie ist auch nicht ganz die Freundschaft des stoischen Weisen, der sich für sein Glück selbst genügt und Freunde nur sucht, um seine Tugend zu üben – hier übersteigt der Freund eine bereits erfüllte Seele, statt sie zu ergänzen (siehe apatheia, beatitudo). Freundschaft-Tugend ≠ Freundschaft-Interesse ≠ Freundschaft-Überschuss des Weisen: ein Wort, drei Weisen zu lieben.

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