French · Abendländische Philosophie

Sozialbeschleunigung

Bei Hartmut Rosa ist die soziale Beschleunigung nicht das individuelle Gefühl, der Zeit hinterherzulaufen, sondern die strukturelle Logik moderner Gesellschaften. Eine moderne Gesellschaft bleibt nur bestehen, indem sie unablässig wächst: Sie braucht wirtschaftliches Wachstum, technische Beschleunigung und ständige kulturelle Innovation, um ihr Gleichgewicht überhaupt zu halten. Diese drei Triebkräfte bedingen sich gegenseitig und geben schließlich den Takt des Lebens vor – bis das Subjekt jeder lebendigen Beziehung zur Welt entfremdet wird.

Une société est moderne si elle n’est en mesure de se stabiliser que de manière dynamique, c’est-à-dire si elle a besoin, pour maintenir son statu quo institutionnel, de la croissance (économique), de l’accélération (technique) et de l’innovation (culturelle) constantes – telle est ma définition d’une société moderne.
Hartmut Rosa, Rendre le monde indisponible, Chapitre 1, « Le monde comme point d’agression ». La Découverte, 2020 · trans. Olivier Mannoni

Hartmut Rosa stellt eine gängige Intuition auf den Kopf: Wenn uns die Zeit fehlt, liegt das nicht an mangelnder Organisation, sondern daran, dass die moderne Gesellschaft strukturell unfähig ist, stillzustehen. Sie stabilisiert sich nur dynamisch – wie ein Fahrrad, das nur im Fahren das Gleichgewicht hält. Um ihr institutionelles Gleichgewicht zu wahren, muss sie wachsen, beschleunigen und unablässig innovieren. Wachstum ist kein Wahl, sondern eine Überlebensbedingung: Verlangsamen hieße, zusammenzubrechen.

Rosa unterscheidet drei Motoren, die sich gegenseitig verstärken. Die technische Beschleunigung – Verkehr, Kommunikation, Produktion – sollte Zeit freisetzen; stattdessen verschlingt sie mehr davon, denn sie beschleunigt den sozialen Wandel selbst: Berufe, Wissen, Beziehungen altern immer schneller. Daraus folgt eine Beschleunigung des Lebensrhythmus: Wir handeln schneller, tun mehrere Dinge gleichzeitig und fühlen uns trotzdem ständig im Rückstand. Der Kreis schließt sich: Jeder Geschwindigkeitsgewinn erzeugt den Anspruch auf noch mehr Geschwindigkeit.

Diese Spirale hat einen Preis, der nicht nur in Müdigkeit besteht. Indem sie die Welt als Reservoir von Punkten behandelt, die in kürzester Zeit zu erreichen sind, macht sie sie stumm: Menschen und Dinge hören auf, zu uns zu sprechen, und werden nur noch zu Hindernissen, die es zu überwinden gilt. Die soziale Beschleunigung ist bei Rosa somit die Matrix der Entfremdung – das genaue Gegenteil von Resonanz, die unkontrollierte Zeit und ein Stück Unverfügbarkeit verlangt.

Soziale Beschleunigung ≠ das bloße subjektive Gefühl, zu wenig Zeit zu haben: Sie ist ein Systemzwang, kein persönliches Organisationsversagen. Sie ≠ der neutrale technische Fortschritt, den man nach Belieben zähmen könnte: Die Technik ist hier einer der drei Motoren einer Dynamik, die sich unserem Zugriff entzieht. Und sie ≠ eine punktuelle Beschleunigung in diesem oder jenem Bereich: Es ist eine generalisierte, sich selbst verstärkende Eskalation, bei der Geschwindigkeit stets nach mehr Geschwindigkeit verlangt.

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