Amour de soi
Bei Rousseau ist die *Selbstliebe* ein natürliches Gefühl, das jeder Gesellschaft vorausgeht und jedes Lebewesen dazu bringt, auf seine eigene Erhaltung bedacht zu sein. Sie ist an sich weder gut noch schlecht: geleitet von der Vernunft und gemäßigt durch das Mitleid, bringt sie Menschlichkeit und Tugend hervor. Sie gehört zum Naturzustand, in dem jeder nur auf sein eigenes Wohl bedacht ist, ohne sich mit anderen zu vergleichen. Sie ist die gesunde Wurzel der Selbsterhaltung – nicht zu verwechseln mit der *Eigenliebe*, ihrer durch das gesellschaftliche Leben entarteten Zwillingsschwester.
L’amour de soi-même est un sentiment naturel qui porte tout animal à veiller à sa propre conservation et qui, dirigé dans l’homme par la raison et modifié par la pitié, produit l’humanité et la vertu.
Rousseau leitet die berühmte fünfzehnte Anmerkung mit einer Warnung ein: »Man darf die Eigenliebe nicht mit der Selbstliebe verwechseln – zwei Leidenschaften, die sich in Wesen und Wirkung grundlegend unterscheiden.«
Der gesamte Discours gründet auf dieser Unterscheidung. Die Selbstliebe ist das erste der beiden Prinzipien, die der Mensch vor der Vernunft empfängt: »ein natürliches Gefühl, das jedes Lebewesen dazu bringt, für seine eigene Erhaltung zu sorgen.« Sie richtet sich nur auf sich selbst – nicht, um sich anderen vorzuziehen, sondern weil sie die anderen noch nicht als Rivalen kennt.
Dieses Gefühl hat nichts Egoistisches im modernen Sinne. Sich selbst überlassen, wäre es blind; doch die Natur hat ihm das Mitleid beigegeben, diesen Widerwillen, den Mitmenschen leiden zu sehen, »das in jedem Einzelnen die Aktivität der Selbstliebe mäßigt« und sie auf die gegenseitige Erhaltung der Art lenkt. Von der Vernunft geleitet, wird die Selbstliebe zur Quelle der Menschlichkeit und der Tugend. Nichts von Vergleich, Eitelkeit oder dem Wunsch, bevorzugt zu werden.
Zu unterscheiden davon ist die Eigenliebe, die nicht ihre Fortsetzung, sondern ihre gesellschaftliche Verfälschung ist: Während die Selbstliebe nur leben will, will die Eigenliebe überragen. Die erste ist absolut, sie bezieht sich auf sich selbst; die zweite ist relativ, sie existiert nur im Blick der anderen. Indem die Gesellschaft die Selbstliebe entstellt, bringt sie die Eigenliebe hervor – und mit ihr die moralische Ungleichheit.