Hinterzimmer
Das Bild, das Montaigne im Kapitel *„Von der Einsamkeit“* prägt, um den inneren Rückzugsort zu bezeichnen, den jeder sich *„völlig frei“* bewahren soll – geschützt vor jedem äußeren Zugriff. Es ist der Ort der *„wahren Freiheit“*, an dem man mit sich selbst ein *„so vertrautes“* Gespräch führt, dass nichts Fremdes darin eindringt. Frauen, Kinder, Besitz, Gesundheit: Man kann sie haben, doch ohne sich so sehr an sie zu binden, dass *„unser Glück davon abhängt“*. Die *Hinterstube* ist der Teil des Selbst, den kein Verlust erreichen kann.
Il se faut reserver une arriereboutique toute nostre, toute franche, en laquelle nous establissons nostre vraye liberté et principale retraicte et solitude.
Das Bild ist das des Ladenbesitzers, der hinter dem zum Handel geöffneten Geschäft einen hinteren Raum bereithält, in den kein Kunde Zutritt hat. Montaigne macht daraus das Modell des for intérieur: ein Raum, „ganz unser, ganz frei“, den man niemandem preisgibt. Die Einsamkeit, die er empfiehlt, ist keine räumliche – man kann sie in der Menge mit sich tragen –, sondern eine Unabhängigkeit des Urteils gegenüber allem, was nicht in unserer Macht steht.
Die Argumentation ist stoischen Ursprungs. Frauen, Kinder, Besitz, Gesundheit: „man soll“ all das „haben können; aber sich nicht so daran binden, dass unser Glück davon abhängt“. Sich darin zu üben, „ohne Frau, ohne Kinder und ohne Besitz“ zu leben, heißt zu lernen, „wenn der Fall ihres Verlusts eintritt“, innerlich nicht beraubt zu sein. Das Hinterzimmer ist dieses unantastbare Kapital, das man „an einem Ort versteckt, wo niemand hinkommt“.
Doch Montaigne hütet sich, daraus eine Stätte der Trägheit zu machen: Er weigert sich, dort „in lästiger Untätigkeit zu versumpfen“, denn die Seele, „in sich selbst wandelbar“, leistet sich dort aktive Gesellschaft. Eben das unterscheidet sie von der Flucht: Das Hinterzimmer ist kein Verzicht auf die Welt, sondern ein Rückzugsraum mitten im weltlichen Leben. Hinterzimmer ≠ Anachorese, der Rückzug aus der Welt der Stoiker und Mönche: Die eine verlässt die Welt, die andere richtet sich darin eine Kammer ein, ohne aufzuhören, in ihr zu leben.