Anachoresis
ἀναχώρησις (anachôrêsis)
Die *Anachorese* ist der Rückzug – doch bei Mark Aurel ein Rückzug ohne Ort: das Sich-Zurückziehen der Seele in sich selbst, wo auch immer man sich befindet. Statt Hof, Stadt oder Menge zu fliehen, zieht man sich in den inneren Bereich zurück, den niemand erreichen kann. Dieser Rückzug steht jederzeit zur Verfügung und verlangt keine Ortsveränderung.
Nulle part, en effet, l’homme ne peut goûter une retraite plus sereine ni moins troublée que celle qu’il porte au dedans de son âme
Das griechische Wort anachōrēsis bezeichnet den Rückzug, das Sich-Zurückziehen – ein militärischer und geographischer Begriff, bevor er spirituell wurde. Marc Aurel kehrt dessen Bedeutung im Buch IV um: Die Menschen suchen sich abgelegene Rückzugsorte auf dem Land, am Meer, in den Bergen, obwohl sie zu jeder Stunde in sich selbst eine Zuflucht finden können. Der wahre Rückzug findet nicht an einem Ort statt, sondern in der Seele.
Der innere Rückzug ist keine Flucht, sondern eine Rückkehr. Man erneuert sich darin „fortwährend“, wie Marc Aurel sagt, indem man dort einige kurze, feste Grundsätze wiederfindet, die sofort Gelassenheit schenken. Es ist das Gegenteil der Wachsamkeit: Die Prosochē hält die Seele im Umgang mit der Welt in Bereitschaft, die anachōrēsis führt sie in ihre Festung zurück, damit sie sich dort sammelt und „frei von jeder Bitterkeit“ daraus hervorgeht.
Zu unterscheiden ist sie von der christlichen Mönchsklausur, von der das Wort zwar direkt abstammt. Die Wüstenväter – die Anachoreten – verlassen tatsächlich die Stadt für die ägyptische Wüste; ihr Rückzug ist ein Ort, eine geographische Einsamkeit, ein Bruch mit der Welt. Marc Aurels Rückzug verändert nichts am Aufenthaltsort des Körpers: Der Kaiser bleibt im Palast, mitten in den Geschäften. Rückzug in die Wüste ≠ rückzugsloser Rückzug.