German · Abendländische Philosophie

Anthropotechnique

Anthropotechnik

Peter Sloterdijks Konzept: Die Anthropotechniken sind die – geistigen und körperlichen – Übungsmethoden, durch die der Mensch an sich selbst arbeitet und sich formt. Der Mensch erscheint darin als ein Wesen der Übung, aufgehängt an einem Imperativ, den Sloterdijk in Rilkes Apollon-Büste liest: *„Du musst dein Leben ändern.“* Religionen, Ethiken, Askesen, Sport: allesamt Praxissysteme, die unter verschiedenen Namen derselben Selbstformung durch sich selbst zugehören.

By this I mean the methods of mental and physical practising by which humans from the most diverse cultures have attempted to optimize their cosmic and immunological status in the face of vague risks of living and acute certainties of death.
Peter Sloterdijk, You Must Change Your Life, Introduction, « On the Anthropotechnic Turn ». Polity Press, 2013 (orig. Du mußt dein Leben ändern, Suhrkamp, 2009) · trans. Wieland Hoban

Sloterdijk geht von einer Beobachtung aus: Der Mensch existiert nicht nur unter „materiellen Bedingungen“, sondern in „symbolischen Immunsystemen“ und „rituellen Hüllen“. Den Webstuhl dieser Hüllen bezeichnet er mit einem „kühl rationalen“ Begriff: Anthropotechnik. Das Wort war seit 1997 vom Diskurs über Gentechnik vereinnahmt worden – der biologischen Formung des Menschen durch andere. Sloterdijk nimmt es wieder auf, um etwas ganz anderes zu benennen: „die Arbeit an sich selbst“, das gewaltige Repertoire an Praktiken, durch die sich der Mensch seit jeher darin übt, sich zu verwandeln.

Daraus leitet er seine provokante These ab: „Religionen gibt es nicht.“ Was man Religion nennt, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein „System anthropotechnischer Praktiken“ – missverstanden als etwas anderes: Protokolle zur Regulierung des inneren und äußeren Verhaltens, gestufte Übungen, Disziplinen des Selbst. Der Mensch ist ein Wesen, das sich erheben kann, Homo immunologicus, ein Wesen der Askese im weiteren Sinne: nicht der leidende Asket, sondern der Übende, der einem vertikalen Imperativ folgt. Der Titel des Buches ist dieser Imperativ selbst: Du mußt dein Leben ändern.

Der Begriff wirft neues Licht auf verwandte Einträge: die Sorge um die Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeit der Stoiker, die Meditation des Todes – alles Übungen, die Sloterdijk als explizit anthropotechnische liest. Er bietet zudem eine Gegenposition zur Müdigkeitsgesellschaft Hans: Während Han ein Subjekt beschreibt, das sich in der Selbstoptimierung erschöpft, rehabilitiert Sloterdijk die formende Übung – vorausgesetzt, man unterscheidet beides.

Anthropotechnik ≠ Dressur / Eugenik: Keine Formung des Menschen durch einen anderen (Selektion, Gentechnik), gegen die Sloterdijk den Begriff gerade zurückerobert, sondern eine Übung des Selbst am Selbst.

Anthropotechnik ≠ technische externe Verbesserung: Es geht nicht darum, den Menschen durch äußere Vorrichtungen zu steigern, sondern um eine „Arbeit an der eigenen Lebensform“, eine Selbstbildung durch Praxis und Gewohnheit (die bona consuetudo, die gute eingeübte Haltung).

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