Attention
προσοχή (prosochè) / sati / νῆψις (nēpsis)
Bei Simone Weil ist die Aufmerksamkeit kein Akt der Konzentration, sondern ihr Gegenteil: das Aussetzen des Denkens, das sich verfügbar macht, leer, bereit, den Gegenstand zu empfangen. Man sucht nicht, man wartet; man ergreift nicht, man nimmt auf. In ihrem höchsten Grad – *„absolut unvermischt“* – wird sie zum Gebet. Doch ein und dasselbe Wort umfasst gegensätzliche Haltungen je nach Tradition: die wachsame Anspannung des Stoikers, die nackte Gegenwart des Buddhisten, die *Aufnahme* der Leere bei Weil.
L’attention absolument sans mélange est prière.
Hier ist die Übersetzung:
Das Wort, das Weil umkehrt, ist effort. Echte Aufmerksamkeit entsteht für sie nicht durch Zusammenbeißen der Zähne. »Falsche Art zu suchen: Aufmerksamkeit, die sich an ein Problem klammert«, schreibt sie; das verbissene Streben nach Lösung ist nur verkappte Angst vor der Leere. Die rechte Aufmerksamkeit ist negativ: Sie setzt das Denken aus, hält es in der Schwebe, verfügbar, und erlegt dem Gegenstand nichts auf. Man greift die Wirklichkeit nicht an, man lässt sie kommen. Deshalb besteht sie aus demselben Stoff wie das Warten – eine bewohnte Leere, keine Inbesitznahme.
Daher der Sprung: Auf ihren Höhepunkt getrieben, ohne jede Beimischung von Gier oder Ziel, fällt diese reine Verfügbarkeit mit dem Gebet zusammen. Nicht, dass man zusätzlich zum Aufmerken betet: Die absolute Aufmerksamkeit ist bereits der religiöse Akt, weil sie aufgehört hat zu wollen und sich ganz dem hingibt, was sich schenkt.
Zu unterscheiden von der stoischen Prosochē, die Anspannung des Subjekts auf seine eigenen Urteile ist – eine Wachsamkeit, die überwacht und zurechtrückt. Und von der buddhistischen Sati, der erinnernden Präsenz, die Phänomene beobachtet, ohne sie zu ergreifen. Die Prosochē korrigiert, Sati stellt fest, die weil’sche Aufmerksamkeit wartet. Drei Gesten unter einem Wort: Die Wachsamkeit spannt sich an, die Präsenz wacht, die Aufmerksamkeit entleert sich.