English · Abendländische Philosophie

Pas-Encore (Not-Yet)

das Noch-Nicht — le Pas-Encore ; das Noch-Nicht-Bewußte / le non-encore-conscient ; das Noch-Nicht-Gewordene / le non-encore-advenu

Ontologische Kategorie, geprägt von Ernst Bloch: Das Wirkliche ist nicht abgeschlossen, sondern ausgerichtet, gespannt auf eine Zukunft, die noch nicht eingetreten ist. Das *Noch-Nicht* hat zwei Seiten. Auf der Bewusstseinsseite das *Noch-Nicht-Bewusste*: nicht ein verdrängtes Vergrabenes, sondern eine nach vorn gewandte Morgenröte, eine Ahnung dessen, was aufsteigt – eine neue Klasse von Bewusstsein, die Bloch Begriff für Begriff dem Unbewussten der Psychoanalyse entgegensetzt. Auf der Weltseite das *Noch-Nicht-Gewordene*: die Materie des Wirklichen selbst als unvollendeter Prozess, schwanger mit einem *Novum*, mit dem, was noch nie gewesen ist. Die beiden Seiten entsprechen einander: Das antizipierende Bewusstsein zielt im Subjekt auf das, woran die Welt zu werden arbeitet. Das Wissen, das diese Ausrichtung begleitet, nennt Bloch *docta spes*, die gelehrte Hoffnung.

That is: a relatively still Unconscious disposed towards its other side, forwards rather than backwards.
Ernst Bloch, The Principle of Hope, Introduction, « Summary Transition » (sur le Not-Yet-Conscious). Basil Blackwell / MIT Press · trans. Neville Plaice, Stephen Plaice, Paul Knight

Bloch durchbricht eine Denkgewohnheit. Von Leibniz bis Freud, so sagt er, habe man nur eine Richtung des Unbewussten erkundet: das backward dawning, die rückwärts gewandte Morgenröte, den Keller, in dem Erinnerung, Verdrängtes, Archaisches schlummern. Es fehlte die andere Seite. Das Noch-Nicht-Bewusste (Noch-Nicht-Bewußte) ist nicht das, was gewesen und vergessen wurde; es ist das, was niemals zuvor bewusst war und nun zu dämmern beginnt – eine Morgenröte nach vorn. Nicht der Keller, sondern die Front des Bewusstseins.

Dieser subjektiven Seite entspricht eine objektive: das Noch-Nicht-Gewordene (Noch-Nicht-Gewordene). Die Welt selbst ist kein vollendetes Faktum, sondern ein offener Prozess, geladen mit Novum, mit dem, was nicht von vornherein enthalten war. Bloch hält beides zusammen: »Das Noch-Nicht-Bewusste im Menschen gehört ganz zum Noch-Nicht-Gewordenen.« Das vorwegnehmende Bewusstsein und die werdende Welt rufen einander hervor. Daraus ergibt sich eine Ontologie nicht des Faktischen, sondern des Noch-Nicht – eine Ontologie des »noch nicht, aber vielleicht«.

Was Bloch docta spes, die gelehrte Hoffnung, nennt, ist das Wissen, das diese Ausrichtung begleitet: nicht blinde Emotion, sondern ein gerichteter Akt der Erkenntnis, der sich dem Licht zuwendet, in dem sich das Novum zeigt. Hier verbindet sich sein Prinzip Hoffnung – dessen ontologische Grundlage das Noch-Nicht ist.

Das Noch-Nicht ≠ das freudsche Unbewusste: Bloch stellt sie einander scharf gegenüber. Das Unbewusste der Psychoanalyse ist »nie ein Noch-Nicht-Bewusstes«; es besteht aus Regressionen, es erhellt nur das, was gewesen ist, und nichts Neues entsteht darin. Das Noch-Nicht hingegen ist eine Seite des Fortschritts, gespannt auf das, was niemals war. Das Noch-Nicht ≠ das Prinzip Hoffnung: Ersteres ist die ontologische Kategorie, die unvollendete Struktur des Wirklichen; Letzteres ist die Haltung – der gelehrte Affekt –, die es anvisiert und trägt.

← zurück zum Lexikon