Freude ist ein Übergang

Für Spinoza ist Freude kein Zustand, sondern das Zeichen einer wachsenden Macht

Freude ist ein Übergang
Anonym — Porträt des Benedictus de Spinoza (um 1665), Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel. Wikimedia Commons, CC0.

Wir sprechen von der Freude, als wäre sie ein Ort, an dem man verweilt: in Freude sein, Freude finden, sie verlieren. Die Alltagssprache macht daraus eine Stimmung, eine Färbung der Seele, etwas, das man besitzt oder dem man beraubt ist. Spinoza definiert sie anders – und die Verschiebung ist radikaler, als es den Anschein hat.

Die Freude ist der Übergang des Menschen von einer geringeren zu einer größeren Vollkommenheit. Die Traurigkeit ist der Übergang des Menschen von einer größeren zu einer geringeren Vollkommenheit.

Benedictus de Spinoza, Ethik , Buch III, § déf. des affections, 2 et 3  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Charles Appuhn, Garnier Frères, 1913, trad. viasophia

Das Wort, das das ganze Gebäude trägt, ist Übergang. Spinoza selbst hält in der Erklärung seiner Definitionen inne: »Ich sage Übergang. Denn die Freude ist nicht die Vollkommenheit selbst.« Wären wir von Geburt an vollkommen, empfänden wir keine Freude – wir wären einfach vollkommen, ohne es zu wissen. Freude ist kein Ruhepunkt; sie ist das Überschreiten einer Schwelle. Man besitzt sie nicht, man durchschreitet sie. Sobald man vorgibt, sich in ihr einzurichten, ist sie bereits vergangen.

Daraus ergibt sich eine kontraintuitive Folgerung. Freude belohnt nicht das Verdienst; sie begleitet, fast mechanisch, jede Steigerung unserer Handlungsmacht. Spinoza formuliert es unumwunden:

Freude und Traurigkeit sind nun Leidenschaften, durch welche die Macht eines jeden oder sein Streben, im Dasein zu verharren, vermehrt oder vermindert, gefördert oder gehemmt wird.

Benedictus de Spinoza, Ethik , Buch III, § dém. de la prop. 57  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Charles Appuhn, Garnier Frères, 1913, trad. viasophia

Jedes Wesen, so Spinoza, strebt danach, in seinem Sein zu verharren; das ist seine Natur, keine moralische Wahl. Freude ist nichts anderes als das innere Erleben dieses Gelingens – dass wir ein wenig mehr vermögen. Traurigkeit ist das gegenteilige Gefühl: »der Akt, durch den die Handlungsmacht des Menschen vermindert oder gehemmt wird.« Sie ist weder Schuld noch verdienstvolle Prüfung noch Tiefe. Sie ist eine Verringerung. Etwas in uns kann weniger.

Der Philosoph zieht daraus kühl die notwendigen Schlüsse. Wenn Traurigkeit unsere Macht mindert, dann schwächt uns alles, was uns betrübt – ausnahmslos, gleich wie edel es erscheinen mag. Eine Moral, eine Frömmigkeit, eine Ordnung, die unsere Traurigkeit brauchen, die sich von unserer Schuld, unserer Angst oder unserem Ressentiment nähren, arbeiten eben dadurch daran, uns handlungsunfähiger zu machen. Spinoza nannte den vierten Teil der Ethik »Von der Knechtschaft des Menschen«: Ein Sklave zu sein bedeutet für ihn genau das – von Affekten geleitet zu werden, die man nicht versteht, und sie für das Wesen der Dinge zu halten.

Unsere Zeit hat aus den traurigen Leidenschaften eine Ressource gemacht, fast eine Industrie. Der endlose Vergleich, die geschürte Alarmstimmung, das Gefühl des Ungenügens halten die Aufmerksamkeit nicht zufällig fest: Sie halten sie fest, weil sie schwächen – und ein geschwächtes Wesen sucht unablässig nach Reparatur dort, wo man sie ihm gegen Bezahlung verspricht. Spinoza antwortet darauf nicht mit Ablenkung, die nur eine weitere, verkleidete Traurigkeit wäre. Er antwortet mit Einsicht: Eine Traurigkeit, deren Ursachen man durchschaut, hört auf, eine ganz und gar erlittene Leidenschaft zu sein.

Dabei darf man die Freude, von der er spricht, nicht mit Euphorie oder einfachem Vergnügen verwechseln. Spinoza trennt sorgfältig die Freude des ganzen Wesens von dem, was er Kitzel nennt – die Befriedigung eines Teils von uns auf Kosten des Übrigen, die sehr wohl mit einer Verminderung des Ganzen einhergehen kann. Die Freude im starken Sinne steigert die Macht des ganzen Wesens; deshalb stimmt sie mit der Vernunft überein, und deshalb kann sie uns niemand von außen nehmen wie ein Gut, das man uns wieder entzieht. Sie ist kein Besitz.

Freude ist also nichts, das man hat. Sie ist der Name, den von innen betrachtet eine Zunahme unserer Existenzkraft annimmt. Man sucht sie nicht wie einen Ort; man erkennt sie im Nachhinein an diesem einfachen Zeichen: dass man nun ein wenig mehr vermag als zuvor.

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Zitierte Quellen