Enaction
énaction (français)
Konzept von Varela, Thompson und Rosch (*The Embodied Mind*, 1991) – im Englischen geprägt vom Verb *to enact* (in die Tat umsetzen, hervorbringen). Es bezeichnet die Idee, dass Erkennen nicht bedeutet, eine bereits vorhandene Welt abzubilden, sondern sie erst entstehen zu lassen: Kognition ist weder die Kopie einer vorgegebenen Außenwelt noch eine Projektion des Geistes, sondern das, was aus einer langen Geschichte der Kopplung zwischen einem Wesen und seiner Umgebung durch sensomotorisches Handeln hervorgeht. Geist und Welt entstehen darin gemeinsam, einer durch den anderen. *„Énaction“* ist lediglich ein hausgemachter französischer Lehnbegriff, als solcher gekennzeichnet.
Enaction: A history of structural coupling that brings forth a world.
Der Begriff stammt aus dem Englischen – enaction, vom Verb to enact, „spielen“, „in die Tat umsetzen“, „ins Dasein rufen“. Die Autor:innen prägen ihn mangels eines bestehenden Wortes: weder „Repräsentation“ (die eine bereits fertige Welt voraussetzt, die lediglich gespiegelt wird) noch „Konstruktion“ (die die Welt zur Erfindung des Geistes machen würde). „Énaction“ ist nur ein französischer Lehnbegriff, als solcher gekennzeichnet. Die Lücke, die er füllt, ist präzise: Er benennt ein Wissen, das weder Spiegel noch Traum ist, sondern Geste – eine Welt, die sich im Akt des Durchschreitens selbst erhebt.
Die Definitionszeile lautet: Kennen ist eine history of structural coupling that brings forth a world – „eine Geschichte struktureller Kopplung, die eine Welt hervorbringt“. Drei Wörter tragen alles. History: Nichts ist auf einmal gegeben, alles entspringt einer Vergangenheit von Wechselwirkungen. Coupling: Das Sein und seine Umgebung formen sich gegenseitig, keines existiert allein im Voraus. Brings forth: Die Welt wird nicht vorgefunden, sie wird ins Dasein gerufen. Anderswo drücken es die Autor:innen so aus: Kognition ist nicht „die Repräsentation einer vorgegebenen Welt durch einen vorgegebenen Geist“, sondern das gemeinsame Entstehen von Geist und Welt.
Diese Geste berührt – ohne sich damit zu decken – die buddhistische Leere, die das Buch ausdrücklich heranzieht: Die Welt der Enaction hat keinen ein für alle Mal gesetzten Grund in sich, sie ist leer von eigener Natur, abhängig von der Kopplung, die sie erscheinen lässt. Und sie hat eine Disziplin: die verkörperte Aufmerksamkeit, die wachsame Präsenz, durch die Erfahrung aufhört, abstrakte Theorie zu sein, und wieder zu dem wird, was gelebt wird.
Abzugrenzen ist sie vom Repräsentationalismus, für den Kognition eine vorgegebene Welt wie ein Spiegel die Natur widerspiegelt: Dort ist die Welt draußen, fertig, wiederzufinden; hier entsteht sie. Abzugrenzen ist sie auch vom Idealismus oder solipsistischen Konstruktivismus: Die Welt wird nicht vom Geist erfunden, sie entsteht aus einer Kopplung, in der die Umgebung genauso zählt wie das Lebendige. Weder vorgegebener Außenraum noch Projektion des Innen – dazwischen die Kopplung.