Souveränität als Weltverhältnis: drei Machtregime

Technische Herrschaft, kosmisches Gleichgewicht, politische Illusion

Souveränität als Weltverhältnis: drei Machtregime
User:CSvBibra — Krone, Schwert und Reichsapfel Ungarns. Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Die Souveränität ist nicht eins. Sie zerfällt in Machtregime, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen. Bevor man ihre mögliche Verknüpfung erwägt, gilt es, sie zunächst in ihrer Eigenständigkeit zu unterscheiden. Drei Stimmen treten hier hervor, jede mit einer eigenen Modalität des Weltverhältnisses: die technische Beherrschung bei Spinoza, wo sich Souveränität am Maßstab menschlicher Macht misst; das kosmische Gleichgewicht bei Kopenawa, in dem sie sich in eine nicht-menschliche Ordnung einfügt; schließlich die politische Illusion bei Mbembe, in der sie sich in transnationalen Strömen auflöst. Diese drei Entwürfe treten noch nicht in Dialog. Sie behaupten sich zunächst als Unvereinbares.

Souveränität als Macht: Spinoza und die Affektion der Welt

Spinoza spricht nicht von Souveränität als solcher. Er spricht von Affektion, von Macht, von dem, was sich in menschlichen Handlungen durchsetzt oder nicht. Souveränität ist bei ihm kein politischer Begriff, sondern eine Frage des Kräfteverhältnisses. Sie entscheidet sich daran, ob eine Affektion die anderen dominiert, ob sie sich als bestimmendes Prinzip des Handelns durchsetzt.

Daher ist die Affektion, die sich auf eine als abwesend gedachte Sache bezieht, nicht von solcher Art, dass sie über die anderen Handlungen und die Macht des Menschen obsiegt (vgl. dazu die betreffenden Propositionen).

Baruch Spinoza, Éthique , Buch IV, § Prop. (unvollständig)  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Charles Appuhn (1913), trad. viasophia

Die Abwesenheit der Sache hebt ihre Macht nicht auf. Sie verschiebt sie, verwandelt sie, tilgt sie aber nicht. Die spinozistische Souveränität ist also eine Frage von Anwesenheit und Abwesenheit, von dem, was trotz Ferne fortbesteht. Sie bemisst sich an der Fähigkeit einer Affektion, den Menschen zu bestimmen, seine Macht auszurichten. Setzt sich eine Affektion gegen die anderen durch, wird sie souverän. Sie setzt ihr Gesetz durch.

Diese Souveränität ist kein Attribut des Staates, sondern eine Eigenschaft der Körper und Geister. Sie ist immanent, stets im Spiel, stets umkämpft. Sie wird nicht dekretiert; sie wird im Widerstreit der Kräfte errungen. Die menschliche Macht ist nie absolut: Sie bleibt stets relativ zu dem, was sie bestimmt, was sie übersteigt. Souveränität ist hier ein prekärer Ausgleich, eine Herrschaft, die stets von anderen Affektionen, anderen Mächten bedroht wird.

Spinoza entwirft keine Theorie politischer Souveränität. Er entwirft eine Ontologie der Macht, in der Souveränität eine Frage der Kräfteverhältnisse ist. Sie ist kein anzustrebendes Ideal, sondern ein faktischer Zustand, stets vorläufig, stets in Frage gestellt.

Souveränität als Harmonie: Kopenawa und die Macht Omamas

Bei Davi Kopenawa ist Souveränität keine Frage der Beherrschung, sondern des Gleichgewichts. Sie entspringt nicht menschlicher Macht, sondern einer kosmischen Ordnung, in der der Mensch nur ein Akteur unter anderen ist. Souveränität ist hier eine Angelegenheit der Beziehungen, der Entsprechungen, dessen, was die Harmonie der Welt aufrechterhält.

Mit ihr schlägt Omama die bösen Wesen des Waldes und die Wesen der Seuche in die Flucht.

Davi Kopenawa, La Chute du ciel , Kap. unbenannt  — Ausg. nach der französischen Ausgabe (Plon, coll. Terre humaine, 2010), trad. viasophia

Omama ist kein Souverän im politischen Sinne. Er ist eine Kraft, eine Macht, die durch die Welt wirkt, sie beschützt, ihr Gleichgewicht bewahrt. Souveränität ist bei Kopenawa keine Herrschaft, sondern ein Schutz. Sie ist das, was der Welt das Fortbestehen ermöglicht, was sie den zerstörerischen Kräften widerstehen lässt.

Die bösen Wesen des Waldes, die Wesen der Seuche: Es sind Mächte, die die kosmische Ordnung bedrohen. Omama bezwingt sie nicht durch rohe Gewalt, sondern durch eine Macht, die sie in die Flucht schlägt. Souveränität ist hier keine Frage der Kontrolle, sondern des Widerstands, der Bewahrung. Sie ist das, was verhindert, dass die Welt ins Chaos stürzt.

Diese Souveränität ist nicht menschlich. Sie ist kosmisch, geteilt zwischen den Wesen, den Geistern, den Kräften, die die Welt bevölkern. Der Mensch ist nicht ihr Zentrum, sondern ein Teilhaber. Seine Macht ist nicht souverän; sie bleibt relativ zu der anderer Wesen, zu der Omamas. Souveränität ist bei Kopenawa eine Angelegenheit der Beziehungen, dessen, was die Welt am Leben erhält.

Sie ist kein Attribut, sondern ein Prozess. Sie wird nicht besessen; sie wird gelebt, geteilt. Sie ist keine Herrschaft, sondern eine Harmonie, stets fragil, stets bedroht.

Souveränität als Illusion: Mbembe und das Weltbürgerrecht

Achille Mbembe spricht nicht von Souveränität als einer Realität, sondern als einer Fiktion. Einer notwendigen Fiktion vielleicht, aber einer Fiktion dennoch. Souveränität ist bei ihm ein politischer Begriff, der an der Wirklichkeit transnationaler Ströme, kommerzieller Beziehungen und grenzüberschreitender Kräfte scheitert.

Die Vorstellung der Welt als einer von Handelsbeziehungen durchzogenen Fläche, die die Grenzen der Staaten durchqueren und deren Souveränität zu obsoletem machen drohen, ist in vielerlei Hinsicht zeitgleich mit der Entstehung des Völkerrechts, des Zivilrechts und des Weltbürgerrechts entstanden, deren Ziel es ist, den „ewigen Frieden“ zu gewährleisten.

Achille Mbembe, Critique de la raison n gre , Kap. unbenannt  — Ausg. nach dem französischen Original, trad. viasophia

Die staatliche Souveränität ist eine Illusion, denn die Welt ist kein Nebeneinander abgeschlossener Territorien mehr. Sie ist eine Fläche, durchzogen von Strömen, Austauschbeziehungen, Verbindungen, die Grenzen ignorieren. Das Völkerrecht, das Zivilrecht, das Weltbürgerrecht: Diese juristischen Konstruktionen entstanden, um dieser Wirklichkeit zu begegnen, sie zu regulieren, zu zähmen. Doch sie offenbaren zugleich die Obsoleszenz staatlicher Souveränität.

Der ewige Friede ist hier kein Ideal, sondern ein Horizont. Ein Horizont, der sich stets entzieht, denn die Handelsbeziehungen, die transnationalen Ströme, die ökonomischen Kräfte lassen sich nicht in rechtliche Rahmen zwängen. Souveränität ist bei Mbembe eine Fiktion, die der Wirklichkeit der Austauschprozesse, der Zirkulationen, der Abhängigkeiten kaum standhält.

Sie ist keine Macht, sondern ein fragiles Konstrukt, stets bedroht von dem, was sie übersteigt. Sie ist keine Harmonie, sondern ein Versuch der Beherrschung, stets unvollständig, stets umstritten. Souveränität ist hier eine politische Illusion, eine notwendige Fiktion, aber eine Fiktion dennoch.

Mbembe schlägt nicht vor, sie zu verwerfen. Er schlägt vor, sie als das zu sehen, was sie ist: eine Konstruktion, ein Werkzeug, eine Fiktion, die es erlaubt, die Welt zu denken – ohne sie jedoch vollständig zu erfassen. Souveränität ist keine Realität, sondern ein Machtregime, eine Weise, die Beziehungen zwischen Staaten, Individuen und Strömen zu denken.

Drei Machtregime, eine unauflösbare Spannung

Spinoza, Kopenawa, Mbembe: drei Stimmen, drei Entwürfe. Souveränität als Macht, als Harmonie, als Illusion. Drei Machtregime, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen.

Bei Spinoza ist Souveränität eine Frage der Kräfteverhältnisse, dessen, was sich gegen andere Affektionen durchsetzt. Sie ist immanent, stets im Spiel, stets umkämpft. Sie ist kein Attribut, sondern ein faktischer Zustand, eine stets vorläufige Herrschaft.

Bei Kopenawa ist Souveränität eine Frage des kosmischen Gleichgewichts, dessen, was die Welt am Leben erhält. Sie ist nicht menschlich, sondern geteilt zwischen den Wesen, den Geistern, den Kräften, die die Welt bevölkern. Sie ist keine Herrschaft, sondern eine Harmonie, stets fragil.

Bei Mbembe ist Souveränität eine politische Fiktion, eine Konstruktion, die versucht, eine sie übersteigende Wirklichkeit zu erfassen. Sie ist keine Macht, sondern eine Illusion, ein stets unvollständiger Versuch der Beherrschung.

Diese drei Entwürfe treten noch nicht in Dialog. Sie behaupten sich zunächst als Unvereinbares. Die spinozistische Macht lässt sich nicht auf die kopenawasche Harmonie reduzieren, noch auf die mbembesche Illusion. Das kosmische Gleichgewicht entzieht sich den Kategorien technischer Herrschaft ebenso wie denen politischer Fiktion. Souveränität als Illusion vermischt sich nicht mit Souveränität als Macht oder Souveränität als Harmonie.

Doch diese drei Stimmen berühren sich in einem: Sie teilen dieselbe Spannung – die eines Weltverhältnisses, das sich nicht in einer einzigen Definition fassen lässt. Souveränität ist bei Spinoza, Kopenawa und Mbembe stets eine Frage der Beziehungen, dessen, was widersteht, was fortbesteht, was sich entzieht.

Spinoza entwirft Souveränität als Macht, doch als eine stets relative, stets umkämpfte Macht. Kopenawa entwirft Souveränität als Harmonie, doch als eine stets fragile, stets bedrohte Harmonie. Mbembe entwirft Souveränität als Illusion, doch als eine notwendige, stets im Spiel befindliche Illusion.

Diese drei Entwürfe münden nicht in eine Synthese. Sie bleiben Unvereinbares, verschiedene Weisen, das Weltverhältnis zu denken. Doch sie eröffnen eine Spannung, eine Frage: Wie lässt sich Souveränität denken, ohne sie auf eine dieser drei Modalitäten zu reduzieren? Wie lassen sich Macht, Harmonie und Illusion zusammenhalten?

Die Antwort liegt vielleicht nicht in der Konvergenz, sondern in der Spannung selbst. In der Anerkennung dieser drei Machtregime, ihrer Unvereinbarkeit, ihrer Unvergleichbarkeit. Souveränität ist nicht eins. Sie ist vielfältig, zersplittert, stets im Spiel. Sie ist Macht, Harmonie, Illusion. Und in dieser Vielfalt entfaltet sie sich.

Zitierte Quellen

  • Baruch Spinoza, Éthique, Ausg. , Übers. Charles Appuhn (1913).
  • Davi Kopenawa, La Chute du ciel, Ausg. Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits).
  • Achille Mbembe, Critique de la raison n gre, Ausg. .