Medien

Ein italienisches Wort, das die Schrift als Wissenswerkzeug bezeichnet – doch Calvino entdeckt darin eine List: Dieselbe Schrift wird zum Instrument unsichtbarer Macht. Die Karte zeigt, dass diese Umdeutung kein Einzelfall ist: Andere Sprachen verschleiern die Kontrolle unter demselben Euphemismus.

Medien
Alexandre-Jean Oppenordt — Kleiner Sekretär mit Klapptisch (bureau brisé) (um 1685). Metropolitan Museum of Art, CC0.

Werkzeug der Information: Das Wort klingt nach einem Versprechen. Im Italienischen ruft es zunächst einen neutralen, fast technischen Gegenstand auf – ein Mittel, Wissen zu denen zu tragen, die es entbehren. Doch Calvino entdeckt darin eine dunklere Operation: Was sich als schlichtes Werkzeug präsentiert, ist in Wahrheit ein Hebel der Macht. Die Umdeutung liegt nicht im Wort selbst, sondern in seinem Gebrauch, der die Schrift in einen Kontrollmechanismus verwandelt. Die folgende Karte zeigt, dass diese Zweideutigkeit kein italienisches Spezifikum ist.

Der Sinn hinter dem Wort

Etymologisch reicht strumento zurück auf das lateinische instrumentum, das bezeichnet, was zum Ausrüsten, zum Handeln dient. Der Begriff trägt keine negative Konnotation in sich: Er verweist auf die Idee eines Mittels, eines Trägers. Informazione wiederum stammt vom lateinischen informatio (das Formen, das Gestalten) ab, ohne direkten Bezug zur Macht. Doch sobald sich beide Wörter verbinden, tragen sie eine Spannung in sich: Das Werkzeug kann ebenso erhellen wie einschränken.

Die Genealogie der Verschiebung

In Una pietra sopra beobachtet Calvino, wie sich die geschriebene Sprache bei Manzoni verdoppelt. Sie ist zugleich strumento d’informazione – das, was informiert – und strumento di potere – das, was unterwirft. Die Verschiebung vollzieht sich durch Euphemisierung: Indem die Schrift als bloßer Wissensvermittler dargestellt wird, verschleiert man ihre Funktion der Herrschaft. Das Zitat bringt es unverhüllt ans Licht:

Im Universum von Renzo und Lucia zeigt sich das geschriebene Wort in doppelter Gestalt: als Machtinstrument und als Informationswerkzeug.

Italo Calvino, Una pietra sopra (L'antilingua) , Buch Una pietra sopra, § L'antilingua  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Jean-Paul Manganaro, Einaudi, trad. viasophia

Was hier besticht, ist die Doppelbödigkeit der Geste. Die Schrift ist nicht nur ein Mittel zur Weitergabe von Fakten; sie ist auch ein Filter, ein Rahmen, der eine bestimmte Version der Welt aufzwingt. Die Macht gibt sich nicht als solche zu erkennen – sie tarnt sich mit den Attributen der Objektivität, der Neutralität. Der Euphemismus wirkt wie ein Schleier: Unter dem Vorwand zu informieren, kontrolliert er.

Derselbe Schleier, von Sprache zu Sprache

Dieser Mechanismus ist keine italienische Besonderheit. Andere Sprachen, andere Kulturen haben Wörter geprägt, die dieselbe Realität unter ähnlichen Fassaden verbergen. Die folgende Tabelle zeichnet die Karte:

Langue Forme du mot Attestation
Französisch médias ●
Englisch media ○
Deutsch Informationsinstrument ○
Spanisch medio de comunicación ○
Italienisch strumento d’informazione ●
Russisch средство массовой информации sredstvo massovoy informatsii ○
Türkisch bilgi aracı ○
Chinesisch 舆论工具 yúlùn gōngjù ○

Gleiche Natur (Euphemisierung von Macht) und gleicher Gegenstand (Kontrolle durch die dominierende Schrift) durch muttersprachliche Quellen im Französischen und Italienischen belegt. Beleglücke (kein Fehlen) im Englischen, Deutschen, Spanischen, Russischen, Türkischen, Chinesischen.

attesté par un dévoileur natif · lacune (non encore sourcé) — jamais « absent »

Für das Französische übernimmt das Wort médias eine analoge Rolle. Ursprünglich bezeichnet es lediglich Verbreitungsmedien – Presse, Radio, Fernsehen. Doch wie Éric Hazan in LQR zeigt, wird der Begriff zum Euphemismus für ein System der Kontrolle durch Schrift und Bild. Das Zitat bestätigt es:

Die Regierung selbst versucht, über die Medien oder direkt die Vorstellung einer Zivilgesellschaft zu fördern, die ihr als Gegengewicht dienen soll.

Éric Hazan, LQR. La propagande du quotidien , Buch LQR. La propagande du quotidien, Kap. Die alltägliche Propaganda  — Ausg. nach der französischen Ausgabe, Raisons d'agir, 2006, trad. viasophia

Auch hier verbirgt sich die Macht hinter einer technischen Funktion. Die Medien sind nicht nur Kanäle; sie sind Apparate, die Wahrnehmungen formen, Meinungen lenken und so eine unsichtbare Herrschaft ausüben. Die Natur der Umdeutung ist dieselbe: beschönigen, um desto wirksamer zu beherrschen.

Das Werkzeug und sein Schatten

Das Wort strumento d’informazione wirft eine Frage auf: Wann wird aus dem Werkzeug eine Waffe? Die Antwort liegt nicht im Wort selbst, sondern in seinem Gebrauch. Calvino lädt uns ein, hinter die Fassaden zu blicken – dorthin, wo die Schrift unter dem Vorwand zu dienen auch knechten kann. Die Sprachenkarte beweist es: Diese Umdeutung ist ein transversaler Akt, eine List, die Grenzen überschreitet. Bleibt zu fragen, wer heute das Werkzeug in Händen hält – und zu welchem Zweck.

Zitierte Quellen

  • Italo Calvino, Una pietra sopra (L'antilingua), Ausg. Einaudi.
  • Éric Hazan, LQR. La propagande du quotidien, Ausg. Raisons d'agir, 2006.