Freude ist kein Lohn

Für Aurobindo ist ānanda das Entzücken des Seins – niemals verloren, nur verhüllt – und zu entdecken. Für Spinoza ist die Seligkeit nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst – und zu erringen. Zwei Wege, um aufzuhören, die Freude ans Ende zu verschieben.

Freude ist kein Lohn
Govardhan, »Akbar mit einem Löwen und einem Kalb«, Folio aus dem Schah-Dschahan-Album (Rückseite um 1630). The Metropolitan Museum of Art, CC0.

Man stellt die Freude gewöhnlich ans Ende. Ans Ende der Anstrengung, ans Ende des Erfolgs, ans Ende eines erfüllten Lebens: Sie käme danach, wie der Lohn für eine Mühe, die Krönung eines Verdienstes. Man erwartet sie, man schiebt sie auf, man lernt, ohne sie auszukommen, um sie zu verdienen – und das Ende rückt in dem Maße weiter, wie man voranschreitet. Zwei Denkweisen, die fast alles trennt, halten, jede auf ihre Weise, den umgekehrten Faden fest: Die Freude ist nicht das, was man am Ende berührt, sondern das, worin man bereits ist.

Für Sri Aurobindo trägt das, worin man ist, einen Namen: ānanda, die Seligkeit. Kein Gefühl, das von außen zum Wesen hinzutritt, sondern das Gewebe des Wesens selbst – der dritte Begriff in Satchidānanda, Existenz, Bewusstsein, Seligkeit, drei Namen einer einzigen Wirklichkeit.

Dieses Spiel ist das Universum, und diese Glückseligkeit ist der einzige Grund, der einzige Antrieb und das einzige Ziel der kosmischen Existenz.

Sri Aurobindo, La Vie divine , Buch Kap. 16  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, Feedbooks 2012 (Original 1939–1940), trad. viasophia

Das Entzücken ist also kein Produkt der Welt, nichts, was die Maschine nebenbei hervorbrächte: Es ist das, wofür es eine Welt gibt. Die Schwierigkeit ist sofort offenkundig, und Aurobindo weicht ihr nicht aus: Wenn der Grund des Daseins Freude ist, woher kommen dann Schmerz, Langeweile, das Knirschen der Tage? Seine Antwort leugnet nichts vom Leiden; sie setzt es neu ein. Lust, Schmerz und Gleichgültigkeit sind die ungleichen Antworten eines verengten Bewusstseins auf die Stöße der Wirklichkeit – „Schaum oder Wellen dieser unendlichen Tiefe“. Dasselbe Entzücken, übersetzt von einem zu engen Instrument.

Was ist ānanda?

Im Vedānta ist ānanda die Seligkeit, die nicht als Gefühl, sondern als Natur des Seins verstanden wird. Seine sanskritische Wurzel nand- bedeutet „sich freuen“; das Präfix ā- macht daraus eine Fülle. Es ist das Entzücken, das das Dasein daran findet, zu existieren, der einzige Grund, von dem Lust und Schmerz nur oberflächliche, mehr oder weniger treue Übersetzungen sind.

Daraus ergibt sich eine Konsequenz, die den Sinn des spirituellen Weges vollständig umkehrt. Diese Freude wird nicht hergestellt, denn sie ist bereits da, darunter, verdeckt durch die Zusammenziehung des Ego; sie wird auch nicht verdient. Sie enthüllt sich. Das Festhalten am Leben, der hartnäckige Wille zu sein, sind ihre verkehrten Zeichen: Niemand würde am Dasein hängen, wenn Dasein nicht im Grunde Freude wäre. Aurobindo zitiert gern die alte Formel der Weisen:

Aus dem Ānanda, sagt die Upanishad, entstehen alle Existenzen, durch den Ānanda bestehen sie fort und wachsen, zum Ānanda kehren sie zurück.

Sri Aurobindo, La Vie divine (zitiert die Taittirīya-Upanishad) , Buch Kap. 12  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, Feedbooks 2012 (Original 1939–1940), trad. viasophia

Man kommt von ihr, man besteht durch sie, man kehrt zu ihr zurück: zu keinem Zeitpunkt verlässt man sie wirklich. Die Freude liegt nicht vor uns, zu erringen; sie liegt unter uns, zu erkennen.

Weit davon entfernt, ohne Upanishaden oder kosmisches Entzücken, allein durch den Gang der Vernunft, gelangt Spinoza zu einer verwandten Umkehrung. Am Ende der Ethik, nachdem er Stück für Stück die Mechanik der Leidenschaften zerlegt hat, verwirft er die hartnäckigste Vorstellung: dass die Glückseligkeit der Lohn eines rechten Wandels wäre, die Prämie für die Selbstüberwindung.

Die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst; und diese Entfaltung wird nicht durch die Zügelung unserer sinnlichen Begierden erreicht, sondern umgekehrt: Erst diese Entfaltung ermöglicht die Zügelung unserer sinnlichen Begierden.

Baruch de Spinoza, Ethik , Buch V, § Lehrsatz 42  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Charles Appuhn, Garnier Frères, 1913, trad. viasophia

Die gewohnte Ordnung kehrt sich in diesem Satz vollständig um. Man glaubte: Ich entsage, ich bessere mich, und am Ende werde ich glücklich sein. Spinoza liest das Gegenteil: Gerade weil die Freude des Verstehens bereits da ist – die Seligkeit, die nichts anderes ist als die intellektuelle Liebe zu Gott, der Geist, der sich als Teil der ewigen Notwendigkeit erkennt –, wird man fähig, seine Begierden zu zügeln. Die Glückseligkeit krönt nicht die Anstrengung; sie ist ihr Gewebe. Der Weise ist nicht enthaltsam, um glücklich zu sein; er ist enthaltsam, weil er es ist.

Es wäre bequem, daraus zu schließen, „es sei dasselbe“. Dem ist nicht so. Spinozas Glückseligkeit wird erworben: Sie ist die seltene Frucht der dritten Erkenntnisart, und das Buch schließt mit dem Eingeständnis ihrer Schwierigkeit – „alles Schöne ist ebenso schwer wie selten“. Sie ist ein Gipfel, am Ende eines Aufstiegs durch das Denken. Aurobindos ānanda hingegen wird nicht erworben, denn man war nie von ihm getrennt: kein Gipfel, den man erklimmen müsste, sondern ein Boden, den man unter seinen Füßen entdeckt. Der eine erringt, was zu verdienen ist, um es zu begreifen; der andere enthüllt, was niemals fehlte. Entgegengesetzte Methoden: die geometrische Vernunft hier, das Eintauchen diesseits des Ego dort.

Und doch brechen beide dieselbe Illusion von zwei Seiten auf. Beide verwerfen die Rechnung des Lohns – Freude nach Verdienst, Glück nach Entsagung. Für den einen ist die Freude der Grund, aus dem man kommt, für den anderen der Akt des Verstehens selbst; niemals ist sie die Belohnung, die am Ende winkt. Die Freude hört auf, eine Schuld zu sein, die das Leben uns schuldet und die es säumig zahlt. Sie wird wieder zu dem, was sie unter der Rechnung war: nicht der Preis des Lebens, sondern das volle Leben selbst.

Es bleibt nur eine einzige Geste, und sie ist kein Warten. Aufhören, sie ans Ende zu setzen. Die Hand, die sich öffnet, empfängt nicht später, was sie erwartete: Sie bemerkt, dass sie schon immer nur dies gehalten hat.

Zitierte Quellen