Der tanzende Tisch

Marx beschreibt die Ware in der Sprache der Theologie. Das alte Heilmittel der Weisen — weniger begehren — richtet hier nichts aus.

Der tanzende Tisch
Pieter Claesz — Stilleben mit Schädel und Schreibfeder (1628). The Metropolitan Museum of Art, CC0.

Sobald ein Holztisch aufhört, ein Möbelstück zu sein, und zur Ware wird, beginnt er zu tanzen, schreibt Marx. Das Bild taucht an der trockensten Stelle des Kapitals auf, dort, wo der materialistischste Denker nur von Wert, Arbeit und messbaren Größen hätte sprechen sollen. Stattdessen ruft er Gespenster herbei. Eine Ware, sagt er, erscheine auf den ersten Blick als »etwas Triviales und Selbstverständliches«; die Analyse enthülle das Gegenteil – eine Sache, »voll metaphysischer Spitzfindigkeiten und theologischer Haarspaltereien«.

Die Form des Holzes zum Beispiel verändert sich, wenn man daraus einen Tisch macht. Dennoch bleibt der Tisch Holz, ein gewöhnlicher, sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand. Doch sobald er als Ware auftritt, wird daraus etwas ganz anderes. Zugleich greifbar und ungreifbar, genügt es ihm nicht mehr, mit seinen Füßen auf dem Boden zu stehen; er richtet sich, sozusagen, auf seinen hölzernen Kopf auf, stellt sich den anderen Waren gegenüber und gibt sich Launen hin, die noch seltsamer sind, als würde er zu tanzen beginnen.

Karl Marx, Le Capital, Livre I , Buch Erstes Buch, § 4  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Joseph Roy, Maurice Lachâtre 1872, trad. viasophia

Das Holz hat sich nicht verändert. Derselbe Klotz, behauen, trägt dieselben Gegenstände. Was hinzugekommen ist, sieht man nicht, wiegt man nicht, berührt man nicht – und doch beherrscht es alles: ein Preis, ein Wert, ein Platz in der unsichtbaren Ordnung, in der jede Sache so viel wert ist wie eine andere. Diesen unfassbaren Überschuss nennt Marx, methodischer Atheist, nur mit dem Vokabular der Religion. Launen, wolkige Region, phantastische Gestalt, und das Wort, das der Seite ihren Titel gibt: Fetischismus.

Die Wahl des Wortes ist kein stilistischer Schnörkel. Der Fetisch ist der gemachtefacticius – Gegenstand, den sein Hersteller schließlich anbetet, als stamme seine Kraft aus ihm selbst. Marx beschreibt genau diese Verkehrung: Produkte menschlicher Hände, die sich den Menschen entgegenstellen und ihnen ihr Gesetz diktieren. Bleibt die Frage, wo der Zauber sitzt.

Nur ein bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis der Menschen untereinander nimmt hier für sie die phantastische Form eines Verhältnisses der Dinge untereinander an. Um eine Analogie zu diesem Phänomen zu finden, muss man sie in der wolkigen Region der religiösen Welt suchen.

Karl Marx, Le Capital, Livre I , Buch Erstes Buch, § 4  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Joseph Roy, Maurice Lachâtre 1872, trad. viasophia

Was meint Marx mit dem »Fetischcharakter der Ware«?

Keine optische Täuschung, keinen Irrtum, den man durch einen klaren Blick korrigieren könnte. Der Fetischismus ist für Marx die Tatsache, dass Verhältnisse zwischen Personen – wer für wen arbeitet, wer sich abmüht und wer kassiert – das Aussehen von Verhältnissen zwischen Dingen annehmen: so viel Leinwand ist so viel Rock wert, als sei der Wert eine Eigenschaft des Stoffes wie seine Farbe. Die Verbindung zwischen den Menschen ist in die Gegenstände gewandert und scheint dort fest verankert. Daher seine Formel: »der den Arbeitsprodukten anklebtende Fetischismus«, ein Fetischismus, der »untrennbar von dieser Produktionsweise« ist. Untrennbar: Man vertreibt ihn nicht durch Einsicht, denn er sitzt nicht im Kopf dessen, der hinschaut. Er steckt in der Form, die die Sache annimmt, sobald man für den Verkauf produziert.

Hier stößt eine uralte Weisheit an Marx – und man hüte sich, sie zu vermengen.

Denn auch die Alten kannten eine Magie der Güter. Doch sie verorteten sie anderswo. Für sie lag der Zauber nicht im Gegenstand: Er lag in der Seele, die ihn begehrt. Seneca, in seinem zweiten Brief an Lucilius, flüstert seinem Freund ein Mittel zu, das er, wie er gesteht, »im feindlichen Lager« gestohlen habe – bei Epikur:

Nicht der Besitz von wenigem, sondern das Verlangen nach mehr macht arm.

Seneca, Briefe an Lucilius , Kap. II  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Joseph Baillard, Hachette 1914, trad. viasophia

Das ganze Heilmittel liegt darin, und es ist gewaltig: Armut ist keine Menge, sondern eine Spannung der Seele. Verschiebe das Maß vom Schatz zum Begehren, besänftige das Begehren, und der Reichtum hört auf, dir verwehrt zu sein – er wird gegenstandslos. Die Alten rechneten das Begehren zu dem, was von uns abhängt: ein Terrain, das uns niemand nimmt, wo jeder durch Disziplin den Bann brechen kann. Sieh klar, will weniger, und der Zauber der Güter zerbricht.

Marx widerspricht dem nicht. Er sagt etwas anderes, das daneben geht. Senecas Weiser, von aller Begierde gereinigt, durchschreitet den Markt, ohne berührt zu werden – gut. Doch der Markt selbst bleibt unberührt. Der Tisch tanzt weiter. Der Fetisch haftete nicht an seiner Gier; er haftet an der gesellschaftlichen Form der Sache, und diese Form steht aufrecht, ob man begehrt oder nicht. Man kann in sich jeden Appetit erstickt haben: Der Wert der Waren regelt sich trotzdem, hinter seinem Rücken, durch ein Verhältnis, das keine Askese erreicht, weil es nie dort saß, wo die Askese wirkt. Innere Freiheit befreit eine Seele. Sie lässt den Fetisch unangetastet.

Zwei Diagnosen desselben Übels also, und zwei Orte für das Leiden. Das eine im Subjekt, das begehrt – und das ein Leben heilen kann. Das andere in der Sache und ihrem gesellschaftlichen Schatten, den keine Umkehr des Blicks löst. Keiner von beiden irrt in seiner Sprache. Doch der älteste Rat der Weisheit – begehre weniger – stößt hier auf eine Mauer, die er nicht vorausgesehen hatte: einen Zauber, der nichts von unserem Herzen erwartet, um zu wirken.

Der Tisch aber dreht sich weiter – ob jemand im Raum ihn noch begehrt oder nicht. Das ist das Neue, das weder Epikur noch Seneca kommen sahen: ein Begehren, das in die Gegenstände selbst übergegangen ist und unseres nicht mehr bedarf, um seinen Tanz fortzusetzen.

À lire aussi

Zitierte Quellen