Der Gott singt »ich«
In den von Chiri Yukie aufgezeichneten ainu-yukar ist das Epos kein Bericht über Tiere: Es ist die Eule, der Frosch, der Schwertwal, der selbst von seinem Besuch in der Welt der Menschen erzählt – in der ersten Person, mit dem Wort »ich«.
Ein Mann liegt auf dem Rücken nahe der Feuerstelle, schlägt mit der Hand den Takt auf seine Brust, und eine Stimme erhebt sich. Sie sagt »ich«. Doch dieses »ich« ist nicht das seine: Es ist das eines Frosches, einer Fischereule, eines Schwertwals. In den Gesängen, die Chiri Yukie mit neunzehn Jahren 1922 aus dem Ainu aufzeichnete, ist der Erzähler fast nie ein Mensch. Die Titel kündigen es unmissverständlich an: Die Eule singt von sich selbst, Der Frosch singt von sich selbst. Wer spricht, ist das Tier – und das Tier ist ein Gott.
Englisch (Übers. aus dem Ainu) “Toororo hanrok, hanrok!” One day I was spending time amusing myself hop-hopping where the dense weeds grow, when I looked and there was a house […] In this way I am now about to die a mean death, an awful death, and so you frogs who come after me, make sure you do not play evil tricks on the humans. With these words the frog with the bloated belly died.
französisch »Toororo hanrok, hanrok!« Eines Tages, als ich lustig herumhüpfte, hopp, hopp, dort wo das Gras dicht wächst, blickte ich auf: Da stand ein Haus […] Nun werde ich eines elenden, eines schrecklichen Todes sterben; und ihr Frösche, die nach mir kommen werdet, hütet euch davor, den Menschen üble Streiche zu spielen. Mit diesen Worten starb der Frosch mit dem aufgeblähten Bauch.
Alles entscheidet sich am grammatischen Personenwechsel. Der Frosch erzählt von seinem eigenen Streich, seiner eigenen Strafe, bis zu seinem eigenen Tod: »nun werde ich eines elenden Todes sterben«. Das »ich« hält bis zum letzten Atemzug. Nur eine einzige Zeile am Ende wechselt in die dritte Person – Mit diesen Worten starb der Frosch mit dem aufgeblähten Bauch –, gerade lange genug, damit die menschliche Stimme wieder die Führung übernimmt und den Gesang beschließt. Alles Übrige gehört dem Tier. Das ist ein yukar: kein Bericht über das Tier, sondern das Tier, das sich selbst ausspricht.
Der Spezialist Donald Philippi, der die maßgebliche Übersetzung dieser Epen vorlegte, formuliert die Regel – aus einer Außenperspektive, doch auf Grundlage der Texte, die die Ainu selbst festhielten: Der gesamte Gesang sei ein »a monologue told by a single speaker« – ein Monolog, der von Anfang bis Ende von einem einzigen Sprecher gehalten wird, ohne dass eine Muse oder ein Geist des Gesangs dazwischentritt. Und in den kamui yukar ist dieser Sprecher der Gott selbst: Er erscheint, ergreift das Wort, und die Erzählung verlässt nie seinen Blickwinkel. Die Form veranschaulicht nicht den Glauben; sie vollzieht ihn. Um der Eule eine Stimme zu geben, bedurfte es einer Grammatik, in der die Eule »ich« sagen kann.
Chiri Yukie wusste das besser als jeder andere. Als erste Ainu, die die mündliche Literatur ihres Volkes aufzeichnete – keine von außen kommende Folkloristin –, hält sie in ihrem Vorwort keine Geschichten über Götter fest: Sie rettet Stimmen.
Englisch (Übers. aus dem Ainu) I who was born an Ainu and grew up with the Ainu language have written down with my halting brush just one or two very short pieces from among the sundry tales that our ancestors enjoyed relating on rainy evenings and snowy nights, whenever they had time to get together.
französisch Ich, die ich als Ainu geboren wurde und in der Ainu-Sprache aufwuchs, habe mit zögernder Feder zwei oder drei sehr kurze Stücke aus den Erzählungen aufgezeichnet, die unsere Vorfahren an Regenabenden und Schneenächten zu erzählen pflegten, wann immer sie Zeit fanden, sich zu versammeln.
Ihre »zögernde Feder« schreibt in lateinischen Buchstaben eine Sprache, die kein Alphabet kannte, um Gesänge festzuhalten, in denen der Gott seinen eigenen Mund behält. Die Geste ist präzise: Einen yukar aufzuschreiben heißt nicht, vom Frosch zu erzählen, sondern ihm erneut die Stimme zu leihen.
Darin liegt die Grenze, die es vor jedem Vergleich zu wahren gilt. Auch wir lassen Tiere sprechen – in der Fabel. Doch bei Äsop oder La Fontaine leiht der menschliche Dichter dem Tier seine Stimme, um vom Menschen zu sprechen: Rabe und Fuchs sind Masken, der Gegenstand der Erzählung bleiben wir, und das Tier ist nur ein Spiegel, den wir unseren Schwächen vorhalten. Der yukar kehrt es um. Der Mensch schweigt und hört zu; das Tier behält seine Stimme; und was es sagt, ist seine eigene Welt – sein Besuch, sein Streich, sein Tod, und sogar sein Gesetz, das es den Seinen hinterlässt: Hütet euch davor, den Menschen üble Streiche zu spielen. Der Spiegel hat sich gedreht. Nicht mehr das Tier wirft uns unser Bild zurück: Es ist das Tier, das uns ansieht – und das, indem es uns ansieht, sich entschließt, herabzusteigen und zu erzählen. Die Eule Nichokuans, auf ihrem Kiefernzweig vor dem Vollmond, wendet uns zwei runde Augen zu. Die Frage ist nicht, was sie ist. Sondern was sie sagen wird, wenn sie an der Reihe ist, »ich« zu singen.
Zitierte Quellen
- Chiri Yukie, Ainu shin'yōshū (Recueil des chants divins ainu), Ausg. Sarah M. Strong, Ainu Spirits Singing, University of Hawai'i Press, 2011 (manuscrit de 1922), Übers. Sarah M. Strong (de l'ainu et du japonais vers l'anglais) ; rendu français maison.
- Donald L. Philippi, Songs of Gods, Songs of Humans: The Epic Tradition of the Ainu, Ausg. University of Tokyo Press / Princeton University Press, 1979, Übers. Donald L. Philippi (regard extérieur) ; rendu français maison.