Die Natur als politisches Subjekt: zwischen moderner Fabel und yanomamischer Kosmologie

Zwei Stimmen für eine gemeinsame, verwobene Welt

Die Natur als politisches Subjekt: zwischen moderner Fabel und yanomamischer Kosmologie
Nicolas Poussin — Blind Orion auf der Suche nach der aufgehenden Sonne (1658). Metropolitan Museum of Art, CC0.

Die Erde ist kein Bühnenbild mehr. Kein Ressourcenreservoir, keine Kulisse für menschliche Belange. Sie handelt, sie antwortet, sie fordert. Zwei Stimmen, die eine aus den europäischen Sozialwissenschaften, die andere aus dem amazonischen Regenwald, sagen es auf ihre Weise. Ohne sich zu kennen, ohne sich zu zitieren, zeichnen sie die Umrisse derselben Verschiebung: jener, die die Natur vom Status des Objekts zu dem des politischen Subjekts überführt. Doch ihre Wege trennen sich, bevor sie sich wiederfinden. Erst unterscheiden, um besser zu verstehen, was sie verbindet.

Die Natur als zu dekonstruierende Fiktion

Bruno Latour stellt eine Diagnose: Die Moderne hat sich auf einer fiktiven Trennung zwischen Menschen und Nicht-Menschen aufgebaut. Diese Grenze bröckelt heute. Die ökologischen Krisen zeigen, dass die Nicht-Menschen – Klimata, Böden, Viren – keine passiven Elemente sind, sondern vollwertige Akteure des Kollektivs. Ihre Präsenz erzwingt eine Neugestaltung der politischen Kategorien.

deutlich erkennbar weit über die Grenze der Stratigraphie hinaus ist, dass der Name dieser geohistorischen Periode zum philosophischen, religiösen, anthropologischen und – wie wir gleich sehen werden – politischen Konzept werden kann, das am ehesten geeignet ist, sich endgültig von den Vorstellungen des „Modernen“ abzuwenden

Bruno Latour, Face Ga a  — Ausg. nach der französischen Ausgabe, trad. viasophia

Was Latour „Gaia“ nennt, ist keine metaphysische Entität, sondern ein Denkinstrument. Ein Werkzeug, um das Politische neu zu denken, indem man jene einbezieht, die bisher ausgeschlossen waren: die Nicht-Menschen. Die Natur ist kein Gegebenes mehr, sondern ein Geflecht von Beziehungen, die verhandelt werden müssen. Sie wird zum Rechtssubjekt, zum Partner bei der Gestaltung der gemeinsamen Welt.

Die Geister als lebendige Partner

Davi Kopenawa, Yanomami-Schamane, spricht von einem anderen Ort. Für ihn ist der Wald kein Gefüge physischer Kräfte, sondern ein Gewebe von Beziehungen zu den Xapiri, Geistern, die über das irdische Gleichgewicht wachen. Die Weißen, sagt er, sehen diese unsichtbaren Partner nicht. Sie ignorieren sie, zerstören sie und brechen so das Bündnis, das die Welt am Leben erhält.

Das System der Zuschreibung von Krankheiten und Todesfällen bildet den bevorzugten Ausdruck der politischen Beziehungen zwischen den yanomamischen Gemeinschaften; ihre Zuweisung an die schädlichen Wesen des Waldes stellt sozusagen deren „Nullpunkt“ dar.

Davi Kopenawa, La Chute du ciel , Buch 236" maison nomLangSource="Yanomami  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Bruce Albert, Plon, coll. Terre humaine, 2010

Bei den Yanomami ist Krankheit kein bloßes biologisches Versagen. Sie ist ein politisches Zeichen. Ein Ungleichgewicht in den Beziehungen zu den Geistern, ein Bruch des Pakts, der die Menschen mit dem Wald verbindet. Die Xapiri sind keine Metaphern, sondern konkrete Akteure des kollektiven Lebens. Ihr Zorn oder ihr Wohlwollen entscheiden über die Gesundheit der Gruppe. Sie nicht zu sehen, heißt, sich über die Bedingungen des Überlebens selbst zu täuschen.

Zwei Sprachen für dieselbe Verflechtung

Latour und Kopenawa sprechen nicht dieselbe Sprache. Der eine bedient sich der Werkzeuge der westlichen politischen Philosophie, der andere der einer indigenen Kosmologie. Dennoch laufen ihre Vorschläge auf dieselbe Intuition hinaus: Die Welt ist kein Bühnenbild, das die Menschen durchschreiten, sondern ein Netz von Beziehungen, in dem jedes Element zählt.

Für Latour wird die Natur zum politischen Akteur, wenn sie sich durch ihre Wirkungen bemerkbar macht – Dürren, Pandemien, Zusammenbrüche. Für Kopenawa war sie es immer schon, durch die Geister, die sie bevölkern. In beiden Fällen geht es darum, anzuerkennen, dass die Menschen nicht allein sind. Dass sie die Bühne mit anderen Wesen teilen, sichtbaren oder unsichtbaren, die verlangen, berücksichtigt zu werden.

Der Unterschied liegt vielleicht in der Art, wie diese Akteure benannt werden. Latour spricht von „Nicht-Menschen“, einer Kategorie, die alles umfasst, was nicht menschlich ist: Tiere, Pflanzen, Mineralien, klimatische Phänomene. Kopenawa hingegen spricht von Geistern, von Xapiri, Wesen mit Absicht und Stimme. Doch in beiden Fällen geht es darum, eine Sichtweise zu verlassen, in der der Mensch das einzige legitime Subjekt wäre.

Ein erweitertes Kollektiv

Der gemeinsame Vorschlag, so es ihn gibt, lässt sich so zusammenfassen: Das Politische kann nicht mehr gedacht werden, ohne jene einzubeziehen, die bisher ausgeschlossen waren. Ob man diese Ausgeschlossenen „Nicht-Menschen“ oder „Geister“ nennt, die Herausforderung ist dieselbe: den Kreis derer zu erweitern, mit denen wir die Welt gestalten.

Latour schlägt vor, dass diese Einbeziehung durch eine Reform der Institutionen, der Gesetze, der Repräsentationsformen erfolgen muss. Kopenawa zeigt, dass diese Einbeziehung bereits gelebte Realität ist, eine alltägliche Praxis, in der die Geister befragt, besänftigt, gehört werden. In beiden Fällen ist es keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Eine Frage bleibt offen: Wie lassen sich diese Intuitionen in politische Formen übersetzen, die weder die gewaltsame Verwestlichung indigener Kosmologien noch die Folklorisierung moderner Konzepte bedeuten? Vielleicht liegt die Antwort weniger in den Worten als in den Gesten. In der Art, wie wir die Welt bewohnen, in der Erkenntnis, dass wir nie allein sind.

Zitierte Quellen

  • Bruno Latour, Face Ga a, Ausg. .
  • Davi Kopenawa, La Chute du ciel, Ausg. Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits).