Die Sprache als lebendige Emanation der Erde

Stimmen des Nicht-Menschlichen und sensorische Wechselseitigkeit

Die Sprache als lebendige Emanation der Erde
Nicolas Poussin — Blind Orion auf der Suche nach der aufgehenden Sonne (1658). Metropolitan Museum of Art, CC0.

Wahrnehmung und Traum. Zwei Weisen, das zu betrachten, was die Welt an uns richtet – zwei Antworten auf eine Rede, die nicht zuerst die unsere ist. Die eine hält sich an Rhythmen, an Klangfarben, an Texturen; die andere an die Geister, die das Bild des Träumenden davontragen. Diese Stimmen vermischen sich nicht, doch sie teilen dieselbe Forderung: die eines Hörens, das jeder Deutung vorausgeht.

Die Stimmung der Rhythmen

Wahrnehmung ist in diesem Sinne eine Abstimmung oder Synchronisation zwischen meinen eigenen Rhythmen und denen der Dinge selbst, ihren eigenen Klangfarben und Texturen:

David Abram, The Spell of the Sensuous  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, trad. viasophia

Wahrnehmung ist hier kein passives Empfangen. Sie ist eine Angleichung, eine Synchronisation zwischen unseren eigenen Bewegungen und denen der Dinge. Der Wind in den Blättern, die Maserung einer Rinde unter den Fingern, das Licht, das am Horizont schwindet – diese Phänomene sind keine leblosen Objekte, sondern Präsenzformen, die ihren eigenen Takt vorgeben. Sich auf sie einzustimmen, bedeutet anzuerkennen, dass die sinnliche Welt ihre eigene Stimme hat, ihre eigenen Modulationen. Dieses Hören ist keine Metapher: Es beansprucht den ganzen Körper, seine Atemrhythmen, seine Art, sich zu bewegen.

Abram spricht nicht von einer undifferenzierten Verschmelzung, sondern von einer Begegnung, in der jeder seine Eigenheit bewahrt. Die „Klangfarben und Texturen“ der Dinge lösen sich nicht in einer menschlichen Subjektivität auf; sie bestehen als Andersheit fort, mit der es sich zu verbinden gilt. Die Wahrnehmung wird so zum Dialog, zu einer Antwort auf das, was uns vorausgeht und übersteigt.

Das von Geistern fortgetragene Bild

Der schamanische Traum (der „Traumwert der Geister“, xapiri pë në mari) entsteht, wenn die Geister xapiri das Bild des Träumenden auf ihre Reise mitnehmen.

Davi Kopenawa, La Chute du ciel  — Ausg. nach der französischen Ausgabe Plon, coll. Terre humaine, 2010" maison langSource="yanomami

Hier ist die Rede der Welt nicht nur eine Frage von Rhythmen oder Texturen. Sie wird von Geistern getragen, den xapiri, die das Bild des Träumenden mit sich nehmen, um es anderswohin zu tragen. Der Traum ist kein individuelles Erzeugnis, sondern eine geteilte Reise, eine Expedition, bei der der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt steht, sondern zum Mitreisenden wird. Die Geister „repräsentieren“ nicht einfach die Welt; sie bewohnen sie, durchqueren sie und enthüllen Dimensionen, die einer gewöhnlichen Wahrnehmung unzugänglich bleiben.

Kopenawa beschreibt keine Theorie, sondern eine gelebte Erfahrung, in der die Grenze zwischen Träumendem und Geträumtem verschwimmt. Das Bild des Träumenden ist keine mentale Projektion, sondern eine konkrete Entität, die von Kräften fortgetragen wird, die sie übersteigen. Diese schamanische Rede verlangt ein rituelles Hören, eine Offenheit für das, was von anderswo kommt, ohne es zu domestizieren.

Unterscheiden, bevor man konvergieren lässt

Diese beiden Stimmen decken sich nicht. Abram spricht von einer Synchronisation mit sinnlichen Rhythmen, einem Hören, das im Körper und seinen Wahrnehmungen wurzelt. Kopenawa hingegen beschreibt eine von Geistern getragene Rede, eine Erfahrung, in der der Mensch aus sich selbst herausversetzt, von etwas jenseits seiner selbst fortgetragen wird. Der eine hält sich an das unmittelbar Wahrnehmbare; der andere an das, was sich im Traum und im Ritual offenbart.

Doch durchzieht beide eine gemeinsame Spannung: die eines Hörens, das nicht zuerst Deutung ist, sondern Antwort. Bei Abram vollzieht sich diese Antwort durch die Angleichung der Rhythmen; bei Kopenawa durch die Hingabe an unsichtbare Kräfte. In beiden Fällen geht es nicht darum, die Welt zu verstehen, sondern sich ihr anzupassen, sich von dem, was uns widerfährt, verwandeln zu lassen.

Die Erde als lebendige Emanation

Wenn die Sprache eine Emanation der Erde ist, so lässt sie sich weder auf eine menschliche Grammatik noch auf eine abstrakte Symbolik reduzieren. Sie ist zunächst eine Präsenz, eine Stimme, die sich durch die Elemente, die Geister, die Rhythmen kundtut. Abram und Kopenawa bieten uns zwei Weisen, sie zu vernehmen: der eine durch die Sinne, der andere durch den Traum. Doch in beiden Fällen verlangt dieses Hören Wechselseitigkeit. Die Welt gibt sich nicht dem preis, der sie beherrschen will; sie offenbart sich dem, der sich von ihr tragen lässt.

Diese Wechselseitigkeit ist keine Verschmelzung, sondern eine Beziehung. Die Rhythmen der Dinge, die wandernden Geister: Es sind Kräfte, die uns vorausgehen und auf die wir antworten. Die Sprache ist dann kein Werkzeug mehr, sondern ein Tanz – eine Weise, sich mit dem zu bewegen, was uns umgibt, ohne es zu vereinnahmen.

Zitierte Quellen

  • David Abram, The Spell of the Sensuous, Ausg. .
  • Davi Kopenawa, La Chute du ciel, Ausg. Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits).