Der Atem der Worte: Shigeru Kayano und die Sprache als Widerstand

Wenn indigene Erzählungen koloniale Mythen zerbrechen

Der Atem der Worte: Shigeru Kayano und die Sprache als Widerstand
Anonym — Robe (19. Jahrhundert). Metropolitan Museum of Art, CC0.
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Die Stimme, die die Gespenster vertreibt

Shigeru Kayano zufolge wurde sein Volk lange auf eine Reihe von Fantasiebildern reduziert, die wie Mantras in Büchern und Reiseberichten wiederholt wurden. Diese Darstellungen, in der Zeit erstarrt, verwandelten die Seinen in gespenstische Figuren, in Relikte einer vermeintlich vergangenen Epoche. Doch in seinem Werk begnügt er sich nicht damit, diese Irrtümer zu korrigieren: Er zerschmettert sie. Er zeigt, wie diese Erzählungen – weit entfernt von Neutralität – dazu dienten, das Verschwinden einer Kultur, einer Sprache, einer Art, in der Welt zu sein, zu rechtfertigen. Seine Arbeit ist kein bloßer Lebensbericht, sondern ein Akt des Widerstands. Indem er das Wort ergreift, weigert er sich, sein Volk von anderen definieren zu lassen.

Shigeru Kayano stellt fest, dass diese Klischees – die sein Volk zu „Verschwundenen“, „Wilden“ oder exotischen Kuriositäten machten – keine harmlosen Fehler sind. Sie sind das Ergebnis eines Systems, das ihre Existenz leugnen wollte, das sie zu Reliquien degradierte. Seine Erzählung hingegen ist eine lebendige Antwort auf diese Gewalt. Es geht nicht um abstrakte Anerkennung, sondern darum, durch konkrete Beispiele zu zeigen, was es bedeutet, dieses Gedächtnis in sich zu tragen. Vor allem die Sprache nimmt dabei einen zentralen Platz ein. Sie ist kein bloßes Kommunikationsmittel, sondern das Vehikel einer kollektiven Geschichte, einer Art, die Welt zu denken und zu empfinden.

Die Erzählung als politischer Akt

Shigeru Kayano schildert, wie er in einem bestimmten Moment seines Lebens in eine Rolle gedrängt wurde, die er nicht gewählt hatte: die lokale Politik. Nicht aus persönlichem Ehrgeiz, sondern weil er der Letzte war, der sein Volk in einer Entscheidungsinstanz vertreten konnte. Seine Wahl, so bescheiden sie erscheinen mochte, war ein Symbol. Sie zeigte, dass die indigene Präsenz nicht länger ignoriert werden konnte – selbst in Räumen, aus denen sie systematisch getilgt worden war. Diese Geste, so schlicht sie war, riss eine Bresche in ein System, das lange ohne sie funktioniert hatte.

Doch sein Engagement beschränkte sich nicht auf dieses Amt. Shigeru Kayano beschreibt auch intimere Momente, in denen das Wort zum Akt der Überlieferung und der Trauer wird. Bei einer Beerdigung überrascht er sich dabei, Worte in der Sprache seiner Ahnen zu schreiben – nicht, um ein Ritual zu erfüllen, sondern weil diese Worte eine emotionale und spirituelle Last tragen, die das Japanische nicht auszudrücken vermag. Diese Sätze, in der Eile improvisiert, sind eine Hommage an eine verstorbene Frau, aber auch eine Erinnerung daran, dass diese Sprache, obwohl bedroht, noch immer lebendig ist. Sie gehört nicht der Vergangenheit an, sondern hallt in der Gegenwart nach.

Die Sprache als Atem des Gedächtnisses

Shigeru Kayano betont einen entscheidenden Punkt: Sprache ist nicht bloß ein Werkzeug, sondern der Atem des kollektiven Gedächtnisses. Sie birgt Erzählungen, Wissen, Arten, die Welt zu benennen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Wird diese Sprache angegriffen, verschwindet nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern eine ganze Sinnwelt. Die Versuche, sie auszulöschen – ob offen oder schleichend –, zielen darauf ab, die Bande zwischen den Lebenden und ihren Ahnen zu kappen, die Weitergabe dieses Gedächtnisses unmöglich zu machen.

Doch trotz dieser Bemühungen besteht die Sprache fort. Shigeru Kayano führt ein eindrückliches Beispiel an, wenn er von den Worten spricht, die er für diese Trauerfeier schrieb. Diese Worte, so unvollkommen sie waren, trugen eine Kraft in sich, die nur der Kontext offenbaren konnte. Sie waren keine bloße Übersetzung, sondern eine Reaktivierung dieses Gedächtnisses. Indem er sie aussprach, erwies er nicht nur der Verstorbenen Ehre: Er erinnerte auch daran, dass diese Sprache, obwohl an den Rand gedrängt, niemals aufgehört hat zu existieren. Sie ist da, bereit, wiederbelebt zu werden – vorausgesetzt, man gibt ihr den Raum zu atmen.

Eine Einladung zum Zuhören

Am Ende seiner Erzählung wendet sich Shigeru Kayano direkt an seine Leser. Er bittet sie nicht um Mitleid, nicht um Mitgefühl, sondern darum, Aufmerksamkeit zu schenken. Er lädt sie ein, anzuerkennen, dass das Überleben dieser Kultur nicht allein von den Seinen abhängt, sondern von allen, die bereit sind, zuzuhören. Diese Einladung ist keine Bitte, sondern ein Appell zur Verantwortung. Sie erinnert daran, dass Dekolonisation nicht nur durch Gesetze oder Politik geschieht, sondern durch einen Wandel des Blicks, durch aktives Zuhören.

Sein Werk ist in diesem Sinne ein Spiegel, den er denen vorhält, die lange glaubten, die Ainu seien nur noch eine Erinnerung. Es zeigt, dass diese Kultur, weit davon entfernt, tot zu sein, sich noch immer bewegt, sich immer wieder neu erfindet. Und dass die Sprache, weit mehr als ein Werkzeug, der Faden ist, der die Lebenden mit ihren Ahnen verbindet – und die Ahnen mit den kommenden Generationen.

Englisch

Dower author of War Without Mercy “The Ainu people of Japan have long haunted travelogue and anthropology textbooks alike in the guise of ‘the vanishing Ainu,’ ‘the hairy Ainu,’ and ‘the aborigines of Japan.’ In this slim volume, skillfully translated by the able motherdaughter team of Kyoko and Lili Selden, Kayano Shigeru banishes the mythical Ainu who never were.

französisch

Die Ainu Japans haben lange als „Ainu auf dem Weg zum Verschwinden“, als „behaarte Ainu“ oder „Ureinwohner Japans“ die Reiseberichte und anthropologischen Handbücher heimgesucht. In diesem schmalen Band, meisterhaft übersetzt vom effizienten Mutter-Tochter-Duo Kyoko und Lili Selden, zerstreut Kayano Shigeru den Mythos der Ainu, die es nie gegeben hat.

Shigeru Kayano, Our Land Was a Forest , Buch Our Land Was a Forest  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Sarah M. Strong, Ainu Spirits Singing, University of Hawai'i Press, 2011 (Manuskript von 1922, veröffentlicht 1923), trad. viasophia

Zitierte Quellen

  • Shigeru Kayano, Our Land Was a Forest, Ausg. Sarah M. Strong, Ainu Spirits Singing, University of Hawai'i Press, 2011 (manuscrit de 1922, publié en 1923), Übers. Sarah M. Strong (de l'ainu et du japonais vers l'anglais) ; rendu français maison.