Die Xawara oder die Epidemie als Zorn des Waldes
Betrachtungen über die Krankheit der Weißen nach Davi Kopenawa
ie Epidemien sind für Davi Kopenawa keine Zufälle der Natur. Sie sind Botschaften. Dichte, beißende Rauchschwaden, genannt Xawara, die die Geister des Waldes zu den Menschen blasen, wenn diese das Gleichgewicht der Welt verletzen. Seiner Auffassung nach treffen diese Krankheiten nicht willkürlich: Sie antworten auf die Gewalt der Weißen, auf ihre Gier nach Gold, auf ihre Maschinen, die die Erde aufreißen. Die Xawara ist kein Mikrobe, sondern ein Zorn – eine Antwort der Ahnen und der unsichtbaren Wesen, die Bäume, Flüsse und Berge bevölkern.
Davi Kopenawa beobachtet, dass die Weißen diese Heimsuchungen „Epidemien“ nennen und sie wie Feinde bekämpfen – mit Medikamenten und Zahlen. Für ihn ist dieser Ansatz eine Illusion. Die Krankheiten der Weißen sind keine isolierten Phänomene, sondern Symptome einer größeren Unordnung. Sie brechen dort aus, wo der Wald verletzt wird, wo die Garimpeiros mit ihren Maschinen die Erde aufgraben, wo Gesundheitsstationen errichtet werden, ohne die Gesetze des Landes zu verstehen. Die Xawara, sagt er, ist die Stimme der Geister, die sich gegen diesen Eingriff auflehnen.
Xamat h ari: Bezeichnung der westlichen Yanomami durch die östlichen Yanomami (Waika).
Die Krankheit als Sprache
Nach Davi Kopenawa ist die Xawara kein bloßer Krankheitserreger. Sie ist ein lebendiges Wesen, fast eine Person. Sie bewegt sich wie Rauch, vom Wind getragen, und lässt sich dort nieder, wo die Menschen den Bund mit dem Wald gebrochen haben. Die Geister, erzürnt über die Wunden, die der Erde zugefügt werden, senden diesen Rauch aus, um den Menschen ihre Abhängigkeit vom lebendigen Kosmos in Erinnerung zu rufen. Die Krankheit ist daher keine Strafe, sondern eine Folge: Sie zeigt an, dass etwas in der Beziehung zwischen den Menschen und ihrer Umwelt zerbrochen ist.
Die Weißen, erklärt er, sehen in Epidemien nur Probleme, die es mit Technik zu lösen gilt. Sie zählen die Toten, suchen nach Heilmitteln, bauen Krankenhäuser. Doch sie vergessen zuzuhören, was die Krankheit ihnen sagt. Für Davi Kopenawa ist es, als wolle man ein Feuer löschen, indem man in die Flammen bläst, ohne zu sehen, dass das Holz weiterbrennt. Die Xawara wird nicht verschwinden, solange die Zerstörung des Waldes anhält.
Das Gold und der Rauch
Die Xawara ist untrennbar mit dem Gold verbunden. Davi Kopenawa beschreibt, wie die Garimpeiros – diese Goldsucher – die Erde mit Gier aufreißen und hinter sich klaffende Löcher und vergiftete Flüsse zurücklassen. Diese Taten bleiben nicht ohne Antwort. Die Geister des Waldes, Zeugen dieser Gewalt, entfesseln die Xawara, um diejenigen zu bestrafen, die ihr Reich entweiht haben. Die Krankheiten, die dann die Yanomami treffen – und manchmal auch die Weißen selbst –, sind sichtbare Zeichen dieses unsichtbaren Zorns.
Für ihn ist Gold nicht nur ein kostbares Metall. Es ist eine Falle. Die Weißen begehren es, doch indem sie es ausgraben, wecken sie Kräfte, die sie nicht verstehen. Die Xawara ist eine dieser Kräfte. Sie breitet sich wie ein Lauffeuer aus und reißt all jene mit sich, die – direkt oder indirekt – an der Zerstörung beteiligt sind. Davi Kopenawa spricht hier nicht von Aberglauben, sondern von einer Ökologie der Beziehungen: Jede Handlung hat eine Wirkung, jede der Erde zugefügte Wunde findet ein Echo im Körper der Menschen.
Ein Denken des Lebendigen
Was Davi Kopenawa vorschlägt, ist eine andere Art, Krankheit zu denken. Für ihn ist eine Epidemie kein isoliertes Ereignis, sondern ein Glied in einer Kette von Ursachen und Wirkungen, die die Menschen mit ihrer Umwelt verbinden. Die Xawara ist kein Feind, den es zu besiegen gilt, sondern ein Bote, den es zu hören gilt. Sie erinnert daran, dass die Gesundheit der Menschen von der Gesundheit des Waldes abhängt und dass jede Heilung die Wiederherstellung dieses Gleichgewichts voraussetzt.
Diese Sichtweise steht in scharfem Kontrast zu der der Weißen, die Körper und Natur, Krankheit und Kontext trennen. Für Davi Kopenawa ist eine solche Trennung eine gefährliche Illusion. Die Xawara zeigt, dass alles miteinander verbunden ist: die Erde, die Geister, die Menschen, die Krankheiten. Wer diese Verbindungen leugnet, setzt sich noch größeren Katastrophen aus.
Der Sturz des Himmels
Schon der Titel seines Werks, Der Sturz des Himmels, evoziert die Vorstellung eines umfassenderen Zusammenbruchs. Wenn die Menschen weiterhin die Warnungen des Waldes ignorieren, wenn die Weißen weiter graben, verschmutzen, zerstören, dann wird schließlich der Himmel selbst einstürzen. Die Xawara ist nur ein erstes Zeichen. Sie kündigt einen tieferen Bruch an, ein Ende der Zeiten, in dem die Gesetze, die die lebendige Welt regieren, unwiderruflich zerbrechen werden.
Davi Kopenawa spricht hier nicht als Prophet, sondern als Zeuge. Er hat gesehen, wie Krankheiten sein Volk trafen, wie die Garimpeiros in das Land der Yanomami eindrangen, wie die Geister sich nach und nach zurückzogen und den Wald stumm und krank zurückließen. Für ihn ist die Xawara ein Warnruf. Sie sagt, dass es Zeit ist, den Weg zu ändern, aufzuhören, die Natur als auszubeutende Ressource zu betrachten, und sie als lebendiges Wesen anzuerkennen, mit dem man in Dialog treten muss.
Eine politische Medizin
Die Heilung von der Xawara, so Davi Kopenawa, erfordert mehr als Medikamente. Sie verlangt eine radikale Veränderung der Art und Weise, wie die Menschen die Welt bewohnen. Zuerst muss die Zerstörung aufhören. Aufhören zu graben, zu verschmutzen, die Gesetze des Waldes zu missachten. Dann muss der Dialog mit den Geistern wiederhergestellt werden, diesen unsichtbaren Hütern des Landes. Das bedeutet, die Riten zu achten, den Ältesten zuzuhören, die heiligen Stätten zu schützen.
Dieser Ansatz ist zutiefst politisch. Er stellt die Vorstellung von „Entwicklung“, wie sie die Weißen verstehen, infrage. Für Davi Kopenawa ist Gesundheit keine Frage der Technik, sondern der Gerechtigkeit. Solange die Yanomami ihres Landes beraubt werden, solange der Wald verwüstet wird, wird die Xawara weiter wüten. Die Heilung, wenn sie möglich ist, wird aus der Rückkehr zum Gleichgewicht kommen – aus der Erkenntnis, dass die Menschen nicht die Herren der Welt sind, sondern ein Teil von ihr.
Epilog: Dem Rauch lauschen
Die Xawara ist am Ende eine Einladung. Eine Einladung, zuzuhören, was der Wald zu sagen hat. Davi Kopenawa bietet keine magische Lösung, sondern eine Umkehr des Blicks. Er fordert uns auf, die Krankheit nicht als Feind, sondern als Sprache zu begreifen. Zu verstehen, dass jede Epidemie eine Botschaft ist – und dass diese Botschaft uns alle angeht.
Vielleicht liegt hier die größte Herausforderung: anzuerkennen, dass Gesundheit sich nicht nur an Sterberaten oder der Wirksamkeit von Behandlungen misst, sondern an der Qualität unserer Beziehungen zur lebendigen Welt. Die Xawara erinnert uns daran, dass wir nicht allein sind. Dass wir diese Erde mit sichtbaren und unsichtbaren Wesen teilen und dass unser Überleben davon abhängt, in Harmonie mit ihnen zu leben.
Und wenn die nächste Epidemie ein neuer Rauch, ein neuer Schrei des Waldes wäre? Werden wir ihn hören?
Zitierte Quellen
- Davi Kopenawa, La Chute du ciel, Ausg. Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits).