French · Querdenken

Précarité

precarity

Bei Anna Tsing ist Prekarität kein zufälliges Schicksal, das nur den Ärmsten vorbehalten ist, sondern die Grundbedingung jeder Existenz: verletzlich gegenüber anderen zu sein, nie die Kontrolle zu haben – nicht einmal über sich selbst. Eine prekäre Welt ist eine Welt ohne Teleologie – ohne die Verheißung eines Fortschritts, der ein kollektives Happy End garantieren würde. Weit davon entfernt, nur eine Bedrohung zu sein, ist diese Unbestimmtheit auch das, was Leben überhaupt erst möglich macht: Ohne sie gäbe es keine verwandelnden Begegnungen, keine unerwarteten Kooperationen zwischen Arten.

La précarité désigne la condition dans laquelle on se trouve vulnérable aux autres. Chaque rencontre imprévue est l'occasion d'une transformation : nous n'avons jamais le contrôle, même pas de nous-mêmes. Pris dans l'impossibilité de nous fier à une structure communautaire stable, nous sommes projetés dans des agencements fluctuants qui nous refabriquent en même temps que les autres. Nous ne pouvons nous appuyer sur aucun statu quo : tout est toujours en mouvement, y compris notre capacité à survivre. Penser avec la précarité change l'analyse sociale. Un monde précaire est un monde sans téléologie.
Anna Tsing, Le Champignon de la fin du monde, Chapitre 1, p. 37-38. Éditions La Découverte, Paris, 2017 · trans. Philippe Pignarre

Tsing stellt einen Reflex auf den Kopf. Instinktiv ordnen wir Prekarität der Ausnahme zu – einem Unfall, der die Ärmsten trifft, während die Welt andernorts „mehr oder weniger funktioniert“. Sie macht daraus vielmehr die Grundbedingung: Niemand beherrscht den Lauf des eigenen Lebens, niemand kann sich auf eine stabile Struktur verlassen, die hält, während man sich darauf ausruht. Was wir Stabilität nennen, war nie mehr als eine Atempause.

Diese Diagnose zielt auf ein konkretes Ziel: die Modernisierungs- und Fortschrittsmythen, die das ganze 20. Jahrhundert hindurch einen roten Faden lieferten – Wachstum, Wissenschaft, sichere Arbeit, ein kollektives Happy End. Tsing verwirft sie nicht aus Prinzip; sie stellt fest, dass der Faden gerissen ist und man nun ohne ihn denken muss. Eine Welt ohne Teleologie ist keine Welt ohne punktuelle Richtung, sondern eine, die keine Gesamtausrichtung mehr verspricht.

Die Stärke des Buches liegt darin, nicht beim düsteren Befund stehenzubleiben. Prekarität, so sagt sie, ermöglicht auch Leben: Gerade weil nichts feststeht, können unvorhergesehene Begegnungen – zwischen einem Pilz, einem toten Baum, einer Gemeinschaft vertriebener Sammler – lebensfähige Welten hervorbringen. Haraways Chthuluzän und die Sympoiesis teilen diese Annahme: Welt entsteht nur im Miteinander, im Geflecht, nie in Autarkie.

Tsing’s Prekarität ≠ der Kollaps der Kollapsologie. Die Kollapsologie bleibt eine umgekehrte Teleologie: Sie ersetzt die Fortschrittsverheißung durch einen Bruch als Endpunkt, behält aber die Struktur einer Erzählung, die weiß, wohin die Welt steuert. Prekarität hingegen verweigert genau dieses Wissen – sie prophezeit weder Rettung noch Untergang, sondern beschreibt eine permanente Unbestimmtheit, in der man lernt, Stück für Stück zu leben, ohne je eine Garantie für das Kommende zu erhalten.

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