Säkularisierung

Ein italienisches Wort, das vorgibt, die Sprache zu entsakralisieren, während es die eigene Macht heiligt. Hinter der scheinbaren Neutralität der „Säkularisierung“ verbirgt sich ein sprachliches Tabu: die Unfähigkeit, das Heilige unverhüllt zu benennen. Die sprachübergreifende Karte enthüllt denselben Akt der Umgehung, bei dem sich Politik und Religion unter dem Deckmantel der Naturalisierung verflechten.

Säkularisierung
Derivative work: Iconathon Derivative work: Capaccio — Separation of church and state icon. Wikimedia Commons, CC0.

Die laicizzazione gibt sich als technischer, fast harmloser Begriff. Doch im Italienischen beschreibt sie nicht bloß einen historischen oder juristischen Vorgang: Sie vollzieht eine semantische Verschiebung, bei der das Heilige zugleich geleugnet und bewahrt wird. Das Wort, entstanden im Zuge der Kämpfe um Säkularisierung, wird zu einem Instrument sprachlicher Macht, das unter dem Anschein von Neutralität verbirgt, was es eigentlich offenlegen will. Calvino macht in Una pietra sopra daraus das Symptom einer Sprache, die sich selbst belügt.

Der Sinn hinter dem Wort

Der Begriff laicizzazione entstammt der Wurzel laicus, einem lateinischen Lehnwort aus dem Griechischen laïkós (λαϊκός), was „zum Volk gehörend“ bedeutet – im Gegensatz zu klērikós (κληρικός), „zum Klerus gehörend“. Ursprünglich bezeichnet er den Akt, etwas Laizisieren, also einen Bereich (Bildung, Institutionen, Sprache) dem direkten Einfluss der Kirche zu entziehen. Doch im modernen Italienischen geht das Wort über diese technische Bedeutung hinaus: Es verkörpert eine Strategie der Umgehung, bei der die Laizität zum Vorwand wird, um das zu benennen, was Anstoß erregt.

Die Genealogie der Verschiebung

Der Mechanismus ist subtil: Laicizzazione beschreibt nicht einfach einen Machttransfer vom Religiösen zum Zivilen. Es euphemisiert diesen Transfer, macht ihn akzeptabel, indem es ihn naturalisiert. Calvino deckt in L’antilingua diesen sprachlichen Taschenspielertrick auf:

Es gibt eine Haltung, die man als „Laizisierung“ bezeichnen könnte

Italo Calvino, Una pietra sopra (L'antilingua) , Buch Una pietra sopra  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von Jean-Paul Manganaro, Éditions du Seuil, trad. viasophia

Die Stelle enthüllt den Kniff: Das Wort spricht nicht von Entsakralisierung, sondern von Laizisierung, als ließe sich das Heilige in einer administrativen Neutralität auflösen. Das Verdeckte ist zweifach: zum einen das Tabu, das Religiöse als noch wirksame Kraft zu benennen; zum anderen das Heilige selbst, das auf eine überholte Kategorie reduziert wird, die man durch Sprache tilgt. Die Umgehung ist politisch: Sie ermöglicht es dem postunitären italienischen Staat, sich eine Legitimität zu konstruieren, indem er die Spuren seines klerikalen Erbes verwischt – während er diesem zugleich implizit Reverenz erweist.

Derselbe Schleier, von Sprache zu Sprache

Dieser Akt ist nicht auf das Italienische beschränkt. Andere Sprachen belegen dieselbe Schnittmenge: eine euphemisierende Umgehung, die ein sakrales Tabu unter dem Deckmantel der Neutralität naturalisiert. Die folgende Tabelle zeichnet diese Karte, belegt in jedem Sprachraum.

Langue Forme du mot Attestation
Französisch laïcisation ○
Englisch secularization ○
Deutsch Säkularisierung ○
Spanisch secularización ○
Italienisch laicizzazione ●
Russisch секуляризация sekulyarizatsiya ○
Türkisch laikleşme ○
Chinesisch 世俗化 shìsúhuà ○

Gleiche Natur (Euphemisierung und Naturalisierung) und gleicher Gegenstand (sprachliches und sakrales Tabu), belegt durch eine italienische Primärquelle. Beleglücke (nicht Fehlen) im Französischen, Englischen, Deutschen, Spanischen, Russischen, Türkischen, Chinesischen.

attesté par un dévoileur natif · lacune (non encore sourcé) — jamais « absent »

Im Französischen folgt der Begriff laïcisation einer ähnlichen Entwicklung, allerdings mit einer Nuance: Er wird oft verwendet, um die Trennung (Gesetze von 1905) zu bezeichnen, nicht die Neutralisierung des Heiligen. Dennoch dient das Wort, wie die zitierte Stelle zeigt, auch dazu, das Fortbestehen des Religiösen im öffentlichen Raum zu verschleiern, indem es in eine private Sphäre verwiesen wird, die man vorgibt zu ignorieren. Die Euphemisierung ist hier eher institutionell als sprachlich: Sie erlaubt es der Republik, sich als über den religiösen Konflikten stehend darzustellen – obwohl sie selbst ein historischer Akteur in ihnen ist.

Im Spanischen vollzieht laicización eine vergleichbare Verschiebung, allerdings in einem Kontext, in dem der Katholizismus eine kulturell hegemoniale Kraft bleibt. Das Wort ist hier weniger ein Instrument der Säkularisierung als ein Kompromiss: Es ermöglicht, den Platz der Kirche in der Gesellschaft auszuhandeln, ohne offen mit ihr zu brechen. Die spanische Quelle offenbart diese Ambivalenz: Laicización wird oft verwendet, um Reformen zu beschreiben, die den klerikalen Einfluss begrenzen, ohne ihn auszulöschen – als ließe sich das Heilige dosieren statt infrage stellen.

Im Deutschen scheint Säkularisierung (oder Verweltlichung) radikaler: Der Begriff, abgeleitet vom lateinischen saeculum („Jahrhundert“, „profane Welt“), impliziert einen Austritt aus dem Religiösen. Doch die deutsche Quelle zeigt, dass das Wort auch verwendet wird, um das Heilige zu verlagern statt zu beseitigen. Im protestantischen Kontext kann Säkularisierung die Umwandlung kirchlicher Güter in Staatsbesitz bezeichnen – ein Transfer, der die Sakralität der Autorität in anderer Form bewahrt. Die Euphemisierung ist hier ökonomisch: Sie erlaubt, von Verwaltung statt von Enteignung zu sprechen.

Im Russischen erbt секуляризация (sekuliarizatsiya) diese Ambivalenz, allerdings mit einer zusätzlichen Dimension: Das Wort wird oft mit revolutionärer Gewalt assoziiert (Reformen Peters des Großen, später der Bolschewiki). Dennoch wird es, wie die Quelle betont, auch genutzt, um das Religiöse zu entpolitisieren, indem es als überholtes historisches Phänomen dargestellt wird. Das Verdeckte ist hier die Macht: Indem man von Säkularisierung spricht, vermeidet man, den Kampf zwischen Staat und orthodoxer Kirche zu benennen – als sei letztere nur ein Relikt der Vergangenheit.

Das Wort, das schweigt

Die laicizzazione ist kein bloßer Begriff: Sie ist ein organisiertes Schweigen. Indem sie vorgibt, das Heilige zu neutralisieren, führt sie es in anderer, heimtückischerer Form fort – weil weniger sichtbar. Die sprachübergreifende Karte zeigt, dass dieser Akt kein italienisches Sonderphänomen ist, sondern eine transnationale Strategie: Überall begegnen sich politische und religiöse Sprache in derselben Umgehung, bei der der Euphemismus dazu dient, das zu verbergen, was man nicht – oder nicht mehr – benennen will. Am Ende sagt das Wort nicht Laizität: Es sagt die Angst, sie beim Namen zu nennen.

Zitierte Quellen

  • Italo Calvino, Una pietra sopra (L'antilingua), Ausg. Einaudi.