Propaganda

Ein Wort, geboren im Schatten der Altäre, zum Banner der Regime geworden. Seine ursprüngliche, seelsorgerische und verbreitende Bedeutung hat sich in eine Maschine ideologischer Manipulation verkehrt. Die Karte zeigt, dass diese Verkehrung kein Zufall des Deutschen ist: Andere Sprachen haben dieselbe Geste an dasselbe Objekt geheftet, ohne sich abzusprechen.

Propaganda
Pietro Longhi (Pietro Falca) — Die Begegnung (1746). Metropolitan Museum of Art, CC0.

Propaganda: Das Wort trägt den Geruch von Wachs und Tinte, von Kanzeln und Tribünen. Es entstand in den Gängen des Vatikans, wo man das göttliche Wort säte wie einen Garten. Dann kippte es um, mitgerissen vom Jahrhundert der Massen und Maschinen, und wurde zum Lieblingswerkzeug jener Regime, die gefügige Massen den freien Geistern vorziehen. Es ist kein bloßer Bedeutungswandel: Es ist ein Raub der Sinne, eine Umdeutung, bei der man ein Wort nimmt, um daraus eine Waffe zu schmieden.

Der Sinn unter dem Wort

Das lateinische propagare – ausbreiten, vermehren, wie man einen Steckling vermehrt – diente zunächst dazu, das Wirken der Kongregation de Propaganda Fide zu benennen, die 1622 zur Verbreitung des Katholizismus gegründet wurde. Das Wort bezeichnete damals eine Mission: eine als universal geltende Wahrheit durch Überzeugung und Vorbild zu verbreiten. Nichts schien weiter entfernt von politischer Manipulation. Und doch ist es diese Wurzel, die den Nährboden bildete, auf dem das Wort erneut keimte – diesmal als Instrument weltlicher Macht.

Die Genealogie der Verkehrung

Der Umschlag vollzieht sich im 19. Jahrhundert, als Propaganda die Seminare verlässt und in die Ministerien einzieht. Das Wort, zunächst neutral, lädt sich mit einer pejorativen Konnotation auf: Es geht nicht mehr darum, einen Glauben zu verbreiten, sondern eine Doktrin durchzusetzen. Die Autoren von Aus dem Wörterbuch des Unmenschen zeigen, wie sich diese Wende im Deutschen kristallisierte, wo Propaganda schließlich eine ideologische Kriegsmaschinerie bezeichnete, geschaffen, um Geister zu formen, statt sie zu erleuchten. Ihr Zitat ist unmissverständlich:

Bevor aus der kirchlichen die weltliche Propaganda wurde, hat das Wort schon einen bemerkenswerten philosophischen Salto geschlagen.

Sternberger, Storz & Süskind, Aus dem Wörterbuch des Unmenschen , Buch Aus dem Wörterbuch des Unmenschen, § 104  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, dtv, München, 1962 (© Claassen, 1957), trad. viasophia

Der „philosophische Salto“, den sie beschreiben, ist kein Bild: Es ist eine Umkehrung. Das verdeckte Objekt ist nicht mehr die Wahrheit, sondern ihr Trugbild; die Natur der Verkehrung nicht mehr die Verbreitung, sondern die systematische Umkehrung des Sinns. Das Wort, einst Träger einer geistlichen Mission, wird zum Namen einer Technik der Herrschaft.

Derselbe Schleier, von Sprache zu Sprache

Diese Verkehrung ist kein Monopol des Deutschen. Andere Sprachen haben, unabhängig voneinander, dieselbe Geste an dasselbe Objekt geheftet: ein Wort, das mit der Verbreitung einer Idee verbunden war, zur Etikette organisierter Manipulation umzufunktionieren. Die folgende Tabelle zeichnet die Karte:

Langue Forme du mot Attestation
Französisch propagande
Englisch propaganda
Deutsch Propaganda
Spanisch propaganda
Italienisch propaganda
Russisch пропаганда propaganda
Türkisch propaganda
Chinesisch 宣传 xuānchuán

Gleiche Natur (Sinnumkehr) und gleicher Gegenstand (organisierte ideologische Manipulation) durch muttersprachliche Quellen im Deutschen und Türkischen belegt. Beleglücke (kein Fehlen) im Französischen, Englischen, Spanischen, Italienischen, Russischen, Chinesischen.

attesté par un dévoileur natif · lacune (non encore sourcé) — jamais « absent »

Für das Türkische hat das Wort propaganda einen ähnlichen Weg genommen. Aus dem Europäischen entlehnt, bewahrte es zunächst seine neutrale Bedeutung als Verbreitung von Ideen, bevor es unter dem Einfluss autoritärer Regime des 20. Jahrhunderts eine ebenso toxische Konnotation annahm. Tanıl Bora belegt diese Verwandlung in Zamanın Kelimeleri:

Doch untergräbt nicht gerade die Propaganda- und Agitationssprache, die fast alle Übel des Kapitalismus der AKP zuschreibt, diese Opposition selbst in ihrem Wesen?

Tanıl Bora, Zamanın Kelimeleri , Buch Zamanın Kelimeleri, Kap. Propaganda  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, İletişim, 2018, trad. viasophia

Die Parallele zum Deutschen ist frappierend: In beiden Fällen wurde das Wort seiner ursprünglichen Substanz entleert, um zum Synonym für eine Unternehmung der Massenlenkung zu werden. Der Unterschied liegt weniger im Mechanismus als in der politischen Geschichte, die ihn ermöglicht hat.

Ein Wort, zwei Gesichter

Propaganda: Das Wort trägt zwei Geschichten in sich. Die eine, heilige, erzählt von Saat und Ernte; die andere, profane, von Lügen und Ketten. Die Enthüllung besteht nicht darin, zwischen beiden zu wählen, sondern zu sehen, wie die eine der anderen als Maske diente. Die verbleibende Frage ist einfach: Wenn ein Wort die Seiten wechselt – verrät es dann sich selbst, oder diejenigen, die es gebrauchen?

Zitierte Quellen

  • Sternberger, Storz & Süskind, Aus dem Wörterbuch des Unmenschen, Ausg. dtv, München, 1962 (© Claassen, 1957).
  • Tanıl Bora, Zamanın Kelimeleri, Ausg. İletişim, 2018.