Die Kommodifizierung der ökologischen Katastrophe: zwischen technokratischer Illusion und ontologischem Widerstand

Zwei Stimmen, um zu unterscheiden, bevor man zusammenfindet

Die Kommodifizierung der ökologischen Katastrophe: zwischen technokratischer Illusion und ontologischem Widerstand
Nicolas Poussin — Blind Orion auf der Suche nach der aufgehenden Sonne (1658). Metropolitan Museum of Art, CC0.

Die ökologische Katastrophe ist kein neutraler Gegenstand. Sie stellt sich als Kraftfeld dar, in dem Logiken aufeinandertreffen, die, bevor sie sich bekämpfen, zunächst unterschieden werden müssen. Zwei Stimmen, zwei Geographien des Denkens: Edgar Morin und Ailton Krenak. Der eine bearbeitet die Komplexität wie ein Gewebe, das zu flicken ist, der andere wie eine Wunde, die man nicht zu schnell schließen darf. Ihre Worte antworten einander nicht, doch sie graben denselben Boden auf – jenen, auf dem die Kommodifizierung der Welt behauptet, sogar ihre eigene Negation in sich aufnehmen zu können.

Die Komplexität als Zähmung: Morin und der Geist in der Welt

Morin schlägt eine Erkenntnistheorie vor, in der Geist und Welt sich umschlingen, ohne ineinander aufzugehen. Der grüne Kapitalismus ist aus dieser Perspektive keine Monstrosität, sondern eine adaptive Komplexität – ein System, das seine eigenen Widersprüche integriert, um zu überleben. Die Vernunft ist hier kein Herrschaftsinstrument, sondern ein Mittel, um sich im Gewirr von Ursachen und Wirkungen zurechtzufinden.

Die Bedingungen der Erkenntnis – Eingebundenheit-Trennung-Kommunikation Der Geist ist in der Welt, die in dem Geist ist Die Wirklichkeit der Wirklichkeit Die erkennbare Welt Die Zone kognitiver Angemessenheit

Edgar Morin, La Methode , Buch La Methode, Kap. II  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, Seuil 1993 (mit Anne Brigitte Kern), trad. viasophia

Diese Zeilen beschreiben keine Methode, sondern eine Haltung. Der Geist steht nicht außerhalb der Welt: Er entsteht aus ihr und formt sie im Gegenzug. Die Kommodifizierung der ökologischen Katastrophe wird so zu einem Phänomen, das in seiner Gesamtheit zu begreifen ist – einschließlich seiner Versuche, sich selbst zu reformieren. Der grüne Kapitalismus ist keine Verrat, sondern eine Entwicklung – ein Versuch der Maschine, sich selbst zu regulieren. Morin billigt ihn nicht, doch er erkennt seine innere Logik an: eine Anpassung, die das Ganze am Leben erhält, sei es auch um den Preis neuer Entfremdungen.

Die hier erwähnte „Zone kognitiver Angemessenheit“ ist kein fester Ort. Sie ist jener bewegliche Raum, in dem die menschliche Vernunft versucht, eine Wirklichkeit zu erfassen, die sie übersteigt. Der grüne Kapitalismus fügt sich darin ein als Versuch, das Ökonomische und das Ökologische in Einklang zu bringen – nicht aus Altruismus, sondern aus Notwendigkeit. Es geht weniger darum, den Planeten zu retten, als das System zu retten, das ihn zerstört. Morin verurteilt diesen Widerspruch nicht; er stellt ihn ins Zentrum seiner Reflexion. Die Komplexität ist kein Problem, das es zu lösen gilt, sondern eine Bedingung, die es zu bewohnen gilt.

Die Maschine als Gewalt: Krenak und das geleugnete Dasein

Krenak spricht nicht von Komplexität, sondern von der Maschine. Eine Maschine, die sich nicht damit begnügt, Gegenstände herzustellen, sondern auch Abwesenheiten produziert – Völker, Ökosysteme, Existenzweisen, die unsichtbar gemacht werden, weil sie sich nicht assimilieren lassen. Der grüne Kapitalismus ist keine Anpassung, sondern eine Fortsetzung: eine neue Farbschicht auf einer Struktur, die im Kern extraktiv bleibt.

DIE MASCHINE, DIE DINGE MACHT – Text entstanden aus dem Live-Gespräch Conversa Selvagem mit Ailton Krenak und Marcelo Gleiser, 17. April.

Ailton Krenak, A vida n o til , Buch A vida não é útil, § Texto elaborado a partir de live Conversa Selvagem  — Ausg. nach der portugiesischen Originalausgabe, Companhia das Letras, São Paulo, 2020, trad. viasophia

Diese Worte bezeichnen keine Wirtschaftsordnung, sondern eine Ontologie. Die Maschine ist kein Werkzeug, sondern eine Weise, in der Welt zu sein, die alles auf seinen Gebrauchswert reduziert. Sie kommodifiziert nicht nur die Natur: Sie leugnet die Existenz dessen, was sich nicht in eine Ressource verwandeln lässt. Indigene Völker, Urwälder, Flüsse – alles, was sich der Quantifizierung widersetzt, wird zum Hindernis, das nicht aus Bosheit, sondern aus Logik beseitigt werden muss.

Krenak schlägt keine Reform vor. Er benennt eine tiefere Gewalt: jene, die darin besteht, die Möglichkeit anderer Welten zu leugnen. Der grüne Kapitalismus ist in dieser Sicht keine Lösung, sondern eine Illusion – eine Weise, vorzutäuschen, die Maschine könne sich selbst regulieren, während sie doch nur ihre eigenen Existenzbedingungen reproduziert. Die ökologische Katastrophe ist kein Fehlfunktionieren, sondern eine Konsequenz: das Ergebnis eines Systems, das nur existieren kann, indem es alles zerstört, was es übersteigt.

Unterscheiden, um nicht zu verwechseln

Morin und Krenak stehen sich nicht frontal gegenüber. Sie bewegen sich in unterschiedlichen Registern: Der eine spricht von Erkenntnis, der andere von Existenz. Für Morin ist die Kommodifizierung der Katastrophe ein Phänomen, das in seiner Komplexität zu begreifen ist; für Krenak ist sie eine Gewalt, die in ihrem Prinzip zurückzuweisen ist. Der eine sucht, die Maschine durch Vernunft zu zähmen, der andere, ihren Betrug aufzudecken.

Ihre Divergenz ist kein Dissens, sondern eine Notwendigkeit. Bevor man nach Übereinstimmungen sucht, muss man unterscheiden, was Anpassung ist und was Negation. Morin zeigt, dass der grüne Kapitalismus ein Versuch der Maschine ist, sich selbst zu überleben; Krenak erinnert daran, dass dieses Überleben um den Preis der Auslöschung alles dessen geschieht, was nicht sie selbst ist.

Was sich der Kommodifizierung widersetzt

Keiner von beiden bietet eine fertige Lösung an. Morin deutet an, dass die Komplexität bewohnbar sein könnte, ohne Erfolgsgarantie; Krenak behauptet, die Maschine lasse sich nicht reformieren, sondern nur überwinden. Ihre Stimmen treffen nicht zusammen, doch sie weisen auf denselben blinden Fleck hin: das, was in der Welt der Kommodifizierung widersteht.

Vielleicht liegt hier der gemeinsame Gipfel – nicht als Synthese, sondern als Frage: Wie lässt sich denken, was in uns und außerhalb von uns der Logik der Maschine entgeht? Morin würde mit der komplexen Vernunft antworten; Krenak mit der nicht-nützlichen Existenz. Beide jedoch weigern sich, die Welt auf ein Rechenobjekt zu reduzieren.

Die ökologische Katastrophe ist nicht nur ein Problem, das es zu lösen gilt. Sie ist auch – und vielleicht vor allem – eine Einladung, in ihr zu unterscheiden, was der Maschine angehört und was sich ihr widersetzt.

Zitierte Quellen

  • Edgar Morin, La Methode, Ausg. Seuil, 1993 (avec Anne Brigitte Kern).
  • Ailton Krenak, A vida n o til, Ausg. Companhia das Letras, São Paulo, 2020, Übers. trad. maison (du portugais).