Der Utupë – Atem der Ahnen und widerständiges Gedächtnis
Was uns Davi Kopenawa über das unsichtbare Leben lehrt
Was Nicht-Indigene bisweilen als „Seele“ oder „Geist“ bezeichnen, reicht Davi Kopenawa nicht aus, um zu beschreiben, was Wesen belebt und sie mit den Ahnen verbindet. Er spricht vielmehr von einer zugleich greifbaren und ungreifbaren Substanz, einer Essenz, die zwischen Körpern, Bildern und Erzählungen zirkuliert. Diese Substanz nennt er je nach Zusammenhang: lebensspendenden Atem, Widerschein oder auch verkleinertes Abbild dessen, was war und weiterbesteht. Sie ist nicht in einem Einzelnen eingeschlossen, sondern breitet sich aus wie ein unsichtbares Gewebe, in dem sich die Stimmen der Vorfahren, die Gestalten mythischer Tiere und die Echos schamanischer Gesänge vermischen.
Der Atem als lebendiges Gedächtnis
Davi Kopenawa betont, dass diese Essenz sich nicht auf eine bloße Vorstellung beschränkt. Sie ist aktiv, beweglich und vor allem übertragbar. Die Schamanen heilen mit ihren Praktiken nicht nur kranke Körper: Sie greifen in diese Substanz selbst ein, die sie als von äußeren Kräften angegriffen wahrnehmen. Ihre Aufgabe besteht darin, sie zu schützen, wiederherzustellen oder zu befreien, wenn sie in krankheitsbringenden Objekten gefangen ist. Diese Handlung wird nicht als Metapher beschrieben, sondern als konkrete Realität, in der sich der Atem der Ahnen und der Lebenden verflechten.
Diese Sichtweise verwandelt den Begriff des Gedächtnisses. Für ihn sind die Bilder der Ahnen, ihre Gesänge und Erzählungen keine erstarrten Erinnerungen, sondern wirkmächtige Gegenwarten. Sie verschwinden nicht mit der Zeit, sondern verwandeln sich in schamanische Wesenheiten, die im Hier und Jetzt handeln können. Diese Wesen, hervorgegangen aus den Mythen, werden je nach Umständen zu Verbündeten oder Gegnern. Sie sind keine Symbole, sondern Kräfte, mit denen man sich auseinandersetzen, verhandeln oder gegen die man bisweilen kämpfen muss.
Die Prädation als Sprache der Welt
Davi Kopenawa hebt hervor, dass die Beziehungen zwischen Menschen, Nicht-Menschen und Geistern stets in Begriffen von Prädation und Rache gedacht werden. Eine Krankheit ist kein bloßer Funktionsfehler, sondern ein Angriff: Etwas oder jemand greift diese lebenswichtige Essenz an, verschlingt sie oder hält sie gefangen. Die Rolle des Schamanen besteht dann darin, zurückzuschlagen, den Angreifer zu vertreiben oder ihn zu zwingen, das Geraubte wieder auszuspucken. Diese Logik gilt auch für Konflikte zwischen Menschen, wo Gewalt stets eine Antwort auf vorangegangene Gewalt ist.
Diese Weltsicht trennt nicht zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Eine Epidemie, ein Krieg oder selbst das Eindringen Fremder in das Territorium sind Formen der Prädation, bei denen das Angegriffene eben jene Essenz ist, die die Lebenden mit den Ahnen verbindet. Die Schamanen heilen nicht nur: Sie stellen ein Gleichgewicht wieder her, erinnern daran, dass die Welt kein auszubeutendes Reservoir ist, sondern ein Geflecht von Beziehungen, in dem jede Handlung Folgen hat.
78 - Die größten Schamanen der Yanomami sollen in der Lage sein, krankheitserregende Objekte, die das körperliche Abbild/die lebenswichtige Essenz (utupë) oder das tierische Double (rixi) der Kranken befallen, auszuspucken (kahikɨ ho-, „ausspucken, erbrechen, durch den Mund ausstoßen“).
Widerstand gegen das Vergessen
Davi Kopenawa beschreibt diese Essenz als bevorzugtes Ziel der Kräfte, die sein Volk bedrohen. Epidemien, Invasionen oder Projekte, die das Territorium zersplittern, zerstören nicht nur Leben: Sie greifen dieses kollektive Gedächtnis an, diesen Atem, der die Stimmen der Ahnen trägt. Für ihn ist die Moderne nicht nur eine materielle Bedrohung, sondern ein Unternehmen der Auslöschung, das das Unsichtbare – Erzählungen, Gesänge, Verbindungen zu den Geistern – leugnet oder zum Schweigen bringt.
Doch diese Essenz widersteht. Sie besteht fort in den Gesängen, in den Träumen der Schamanen, in den Bildern, die den Wald bevölkern. Sie ist zugleich zerbrechlich und zäh, wie ein Echo, das sich weigert zu verstummen. Davi Kopenawa begnügt sich nicht damit, sie zu verteidigen: Er macht sie hörbar, lässt sie über sein Volk hinaus zirkulieren – als Einladung, neu zu bedenken, was „leben“ und „sich erinnern“ bedeutet.
Der Atem als Denken
Diese Essenz ist nicht nur Gedächtnis: Sie ist auch Sitz des Denkens. Davi Kopenawa unterscheidet mehrere Dimensionen des Bewusstseins, darunter eine, die Wille, Blick und Entscheidung umfasst. Doch dieses Denken ist nicht individuell: Es wird genährt von den Bildern der Ahnen, von den Geistern, die den Wald bevölkern, und von den Erzählungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Es ist nicht im Gehirn eingeschlossen, sondern zirkuliert, verwandelt sich und erneuert sich unablässig.
In diesem Sinne ist Widerstand nicht nur ein politischer oder territorialer Kampf: Es ist auch ein Ringen darum, diese Fähigkeit zu bewahren, anders zu denken, die Welt als Netz lebendiger Beziehungen zu sehen und nicht als Ansammlung auszubeutender Ressourcen. Für Davi Kopenawa ist die Verteidigung seines Volkes untrennbar mit der Verteidigung dieser Denkweise verbunden, denn für ihn gibt es das eine nicht ohne das andere.
Eine Einladung zum Zuhören
Was er anbietet, ist keine Belehrung, sondern eine Öffnung. Er verlangt nicht, dass man ihm aufs Wort glaubt, sondern lädt dazu ein, Aufmerksamkeit für das zu entwickeln, was in unseren eigenen Traditionen dieser lebenswichtigen Essenz ähneln könnte: jene unsichtbaren Kräfte, die Erzählungen, Landschaften und die Verbindungen zwischen Lebenden und Toten beleben. Vielleicht hat die Moderne nicht alles ausgelöscht, sondern diese Stimmen nur schwerer hörbar gemacht.
Für Davi Kopenawa ist der Atem der Ahnen kein Relikt der Vergangenheit: Er ist eine Kraft der Gegenwart, ein Gedächtnis, das wirkt, ein Denken, das widersteht. Und es ist diese Kraft, die er uns zu erkennen bittet – nicht als exotische Kuriosität, sondern als wesentlichen Bestandteil dessen, was es bedeutet, lebendig zu sein.
Zitierte Quellen
- Davi Kopenawa, La Chute du ciel, Ausg. Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits).