Das Gedächtnis als atmende Erde
N. Scott Momaday und die Kunst, den kiowa-Geist neu zu verwurzeln
Die Reise als Metapher des Seins
Für N. Scott Momaday ist der Weg nach Rainy Mountain kein bloßer geographischer Pfad. Es ist vor allem die Spur eines kollektiven Bewusstseins, das das Vergessen verweigert. Der kiowa-Autor beschreibt diese Wanderung als eine grundlegende Erfahrung, bei der jeder Schritt der Ahnen eine sich stets wandelnde Identität geformt hat. Was er wiedergibt, ist keine lineare Chronik, sondern ein lebendiges Erleben, in dem Vergangenheit und Gegenwart sich verflechten. Das Gedächtnis ist hier kein Museum: Es ist ein Atemzug, der noch immer die durchquerten Hügel und Flüsse belebt.
Momaday beobachtet, dass diese Wanderung den Kiowas half, ein Bild von sich selbst zu formen – eine „gute Vorstellung“ ihres Daseins. Diese Vorstellung, so sagt er, entspringt der Sprache, den mündlich überlieferten Erzählungen. Auch wenn diese Erzählungen mit der Zeit zerfielen – zu Mythen, Legenden oder Wissenssplittern reduziert –, bleibt ihr Wesen unversehrt. Entscheidend ist nicht die Genauigkeit der Einzelheiten, sondern die Kraft der Vorstellungskraft, die sie bei jeder Erinnerung neu entfacht. Sich zu erinnern bedeutet für Momaday, die Reise erneut zu vollziehen, als könnte der Geist die Zeit zurückverfolgen und das Staunen der Ursprünge wiedererleben.
Englisch From the beginning the migration of the Kiowas was an expression of the human spirit, and that expression is most truly made in terms of wonder and delight: “There were many people, and oh, it was beautiful.
französisch Von Anfang an war die Wanderung der Kiowas Ausdruck des menschlichen Geistes, und dieser Ausdruck verwirklichte sich am wahrhaftigsten in Staunen und Entzücken: Es gab so viel Welt, und oh, wie schön war sie.
Das Gedächtnis als Akt des Widerstands
Für Momaday ist Erinnerung kein nostalgischer Rückzugsort, sondern eine aktive Kraft. Indem er die Reise nach Rainy Mountain in Erinnerung ruft, tut er mehr, als eine Geschichte zu erzählen: Er belebt eine Gegenwart. Die Ahnen sind keine fernen Gestalten, sondern Wesen, die noch immer in den Landschaften wohnen, die sie durchquerten. Die Erde ist in dieser Sicht kein bloßer Hintergrund, sondern ein heiliger Raum, in dem jeder Stein, jeder Fluss die Spuren vergangener Generationen trägt.
Diese Auffassung von Erinnerung als lebendigem Akt widerspricht der Vorstellung einer abgeschlossenen Vergangenheit. Momaday betont, dass die Reise weitergeht, jedes Mal, wenn sie erzählt, jedes Mal, wenn die Vorstellungskraft sie ergreift. Das Gedächtnis wird hier zur Brücke zwischen den Zeiten, zu einem Mittel, dem Vergessen zu widerstehen. Es bewahrt eine Weltsicht, in der Mensch und Erde eins sind, in der Geschichte nicht eine Abfolge von Ereignissen ist, sondern ein geteiltes Erleben des Geistes.
Die Landschaft als heiliger Text
Die Reise nach Rainy Mountain ist zugleich eine Meditation über die Landschaft. Für Momaday ist sie kein bloßer Schauplatz, sondern ein zu lesender Text, eine in die Erde selbst eingeschriebene Erzählung. Berge, Ebenen, Flüsse sind Kapitel einer größeren Geschichte – der des Menschen in Beziehung zur Welt. Die Schönheit dieser Orte ist nicht nur ästhetisch: Sie ist geistig, mit Bedeutung aufgeladen.
Der Autor hebt hervor, dass diese Schönheit untrennbar mit der menschlichen Erfahrung verbunden ist, die sie durchdrungen hat. Die Kiowas verwandelten durch ihre Wanderung diese Räume in Orte, die von ihrer Gegenwart durchdrungen sind. Die Erde ist für sie kein zu eroberndes Territorium, sondern ein Partner, den es zu hören und zu ehren gilt. Indem Momaday dieses Verhältnis beschreibt, zeigt er, dass Erinnerung nicht nur Erzählung ist, sondern eine Weise, die Welt neu zu verzaubern und ihr ihre heilige Dimension zurückzugeben.
Die Vorstellungskraft als Erbe
Die Stärke von The Way to Rainy Mountain liegt in der Erkenntnis, dass Erinnerung untrennbar mit der Vorstellungskraft verbunden ist. Momaday strebt nicht danach, die Vergangenheit getreu zu rekonstruieren, sondern sie durch den Geist neu zu beleben. Die von ihm beschriebene Reise ist keine historische Rekonstruktion, sondern ein inneres Erlebnis, in dem jedes Detail – eine Landschaft, eine Emotion, ein Wort – zum Fragment einer größeren Wahrheit wird.
Dieser Ansatz verwandelt Erinnerung in einen schöpferischen Akt. Sich zu erinnern heißt nicht nur, sich zu vergegenwärtigen: Es heißt, neu zu erschaffen, neu zu erfinden, neu zu verzaubern. Für Momaday ist es diese Fähigkeit zum Staunen, diese Gabe, die Schönheit der Welt zu sehen, die die Tradition lebendig hält. So verstanden ist Erinnerung keine Last, sondern eine Quelle der Freude, ein Weg, sich mit dem zu verbinden, was uns übersteigt.
Schluss: Das Gedächtnis als atmende Erde
N. Scott Momaday erinnert uns daran, dass Erinnerung kein bloßer Akt des Erinnerns ist, sondern ein Akt der Verwurzelung. Indem er die Reise nach Rainy Mountain beschwört, zeigt er: Sich zu erinnern heißt, die Seele der Orte und Ahnen neu zu beleben, heißt, einer Weltsicht neues Leben einzuhauchen, in der Mensch und Erde eins sind. Das Gedächtnis ist in dieser Perspektive eine atmende Erde, ein heiliger Raum, in dem Vergangenheit und Gegenwart sich begegnen.
Was Momaday uns schenkt, ist eine Lektion des Widerstands: Widerstand gegen das Vergessen, gegen die Zersplitterung der Zeit, gegen die Vorstellung, die Vergangenheit sei unwiederbringlich verloren. Indem er die Erinnerung zu einem lebendigen Akt macht, verwandelt er sie in ein heiliges Wort, in eine Kraft, die die Welt neu verzaubern kann.
Zitierte Quellen
- N. Scott Momaday, The Way to Rainy Mountain, Ausg. University of New Mexico Press, 1969 (éd. de poche 1976), Übers. texte original anglais ; rendu français maison.