Die Souveränität: Illusion und Notwendigkeit
Drei Wahrheitsregime zwischen Fiktion, Entfremdung und Widerstand
Die Souveränität tritt zunächst als affektive Täuschung in Erscheinung. Spinoza entfaltet ihren Mechanismus in der Ethik: Was als frei imaginiert wird, ruft ein intensiveres Gefühl hervor als das, was als notwendig erkannt wird. Satz 49 des dritten Teils legt dieses Prinzip dar, das der vierte Teil auf mögliche oder kontingente Dinge ausweitet. Die zitierte Passage verdichtet diese Logik:
Das Gefühl gegenüber einer Sache, die wir als frei imaginieren, ist stärker als gegenüber einer notwendigen (gemäß Satz 49, Teil III), und folglich noch stärker als gegenüber einer, die wir als möglich oder kontingent betrachten (gemäß Satz 11, Teil IV).
In dieser Perspektive ist Souveränität kein reales Attribut, sondern eine Weise der Imagination. Sie nährt sich von der Illusion der Freiheit, die den Affekt verstärkt. Spinoza beschreibt keinen Sachverhalt, sondern ein Verhältnis: Das als frei imaginierte Ding wird zum Gegenstand eines gesteigerten Gefühls. Die Notwendigkeit hingegen mindert den Affekt, weil sie die Kluft zwischen Vorstellung und Wirklichkeit tilgt. Politische Souveränität funktioniert daher als Operator dieser Imagination. Sie verwandelt Determinationen in Scheinwahlen, Zwänge in Willensäußerungen. Das Gefühl, das sie erzeugt, ist nicht trügerisch – doch es entsteht aus einem Kategorienfehler: der Verwechslung von Freiheit mit dem, was nur deren Anschein trägt.
Spinoza verurteilt diese Illusion nicht. Er legt ihre Struktur bloß. Souveränität ist kein Irrtum, der zu berichtigen wäre, sondern ein Phänomen, das es zu begreifen gilt. Sie ist ein Effekt kollektiver Einbildungskraft, eine für die politische Ordnung notwendige Fiktion. Satz 49 zeigt, dass der Affekt proportional zur Distanz zwischen Wahrgenommenem und Wirklichem ist. Souveränität maximiert diese Distanz, indem sie sich als frei präsentiert. Sie ist daher definitionsgemäß ein Gefühlsüberschuss. Dieser Überschuss ist nicht nebensächlich – er ist die Bedingung ihrer Wirksamkeit. Ohne ihn verlöre die Souveränität ihre bindende Kraft. Sie hörte auf, ein Objekt des Begehrens zu sein, und würde zum bloßen Mechanismus.
Der vierte Teil präzisiert, dass mögliche oder kontingente Dinge ein geringeres Gefühl hervorrufen. Damit die Souveränität ihre Intensität bewahrt, muss sie sich daher als frei darstellen, das heißt als jeder Determination entzogen. Sie muss ihre eigenen Entstehungsbedingungen tilgen. Spinoza enthüllt so, dass Souveränität eine performative Fiktion ist: Sie erzeugt die Affekte, die sie nur widerzuspiegeln vorgibt. Sie ist kein Gegebenes, sondern ein Prozess. Ein Prozess, der auf der aktiven Verkennung von Notwendigkeit beruht.
Der Hochmut als metaphysische Wurzel
Schopenhauer nähert sich der Souveränität aus einem anderen Blickwinkel: dem des Hochmuts. In den Aphorismen zur Lebensweisheit schreibt er:
Da der Hochmut in der Überzeugung wurzelt, ist er, wie jede Vorstellung, außerhalb unseres freien Willens.
Hochmut ist kein Entschluss, sondern eine Überzeugung. Er gründet in einer Gewissheit, die jedem Abwägen vorausgeht. Schopenhauer spricht hier nicht von politischer Souveränität, sondern von ihrer subjektiven Bedingung. Der Hochmut ist das, was die Idee der Souveränität überhaupt erst möglich macht. Er ist die metaphysische Wurzel einer Illusion: der einer freien, von Determinationen unabhängigen Willens.
Für Schopenhauer ist Souveränität zunächst eine Frage der Überzeugung. Sie beruht auf der Vorstellung, dass etwas – ein Individuum, ein Staat, ein Wille – den Gesetzen entgeht, die den Rest der Welt regieren. Diese Überzeugung ist nicht rational, sondern affektiv. Sie ist eine Form des Wissens, das sich dem Beweis entzieht. Der Hochmut, insofern er eine Überzeugung ist, ist daher eine Entfremdung. Er entfremdet den, der ihn trägt, von einem Selbstbild, das in der Wirklichkeit keinen Grund hat.
Schopenhauer präzisiert, dass diese Überzeugung „außerhalb unseres freien Willens“ liegt. Souveränität ist somit kein Akt der Freiheit, sondern eine Determination. Sie ist das Produkt einer psychologischen Notwendigkeit, nicht einer Wahl. Der Hochmut als Wurzel der Souveränität ist daher ein Gefängnis. Er schließt den, der von ihm befallen ist, in eine Vorstellung von sich selbst ein, die ihn übersteigt. In dieser Perspektive ist Souveränität keine Befreiung, sondern eine Knechtschaft. Eine Knechtschaft unter einem Bild, einer Fiktion.
Politische Souveränität erbt bei Schopenhauer diese Struktur. Sie ist die kollektive Ausweitung einer individuellen Überzeugung. Sie beruht auf der Vorstellung, dass eine Gruppe, eine Nation, ein Volk sich den Gesetzen entziehen kann, die für andere gelten. Diese Überzeugung ist ebenso illusorisch wie der individuelle Hochmut. Sie ist eine metaphysische Entfremdung, eine Verkennung der Notwendigkeit, die die Welt regiert.
Schopenhauer schlägt keinen Ausweg aus dieser Illusion vor. Er legt ihren Mechanismus bloß. Souveränität ist wie der Hochmut eine Überzeugung, die jedem Willen vorausgeht. Sie ist unvermeidlich, aber auch nicht auf einen bloßen Irrtum reduzierbar. Sie ist eine Bedingung politischen Denkens, eine für die soziale Ordnung notwendige Fiktion. Doch eine Fiktion, die, weil sie im Hochmut wurzelt, auch eine Entfremdung ist.
Die xapiri und der ontologische Widerstand
Davi Kopenawa nähert sich der Souveränität in Der Fall des Himmels aus einer ganz anderen Perspektive. Die zitierte Passage spricht nicht direkt von Souveränität, sondern von den xapiri, jenen Geistern, die die Kosmologie der Yanomami bevölkern:
Zu den xapiri der Erde der weißen Ahnen siehe die Kapitel XVIII und XX.
Die xapiri sind keine politischen Entitäten, sondern ontologische Kräfte. Sie sind die Hüter einer Ordnung, die menschlichen Konstruktionen vorausgeht und sie übersteigt. Der Verweis auf die „xapiri der Erde der weißen Ahnen“ deutet eine Konfrontation zwischen zwei Wahrheitsregimen an. Auf der einen Seite die Souveränität der Staaten, Nationen, Gesetze. Auf der anderen die xapiri, die nicht dem menschlichen Willen unterliegen, sondern einer kosmischen Notwendigkeit.
Für Davi Kopenawa ist Souveränität kein Trugbild oder eine Entfremdung, sondern Widerstand. Widerstand gegen eine Ordnung, die sich als universal aufzwingen will. Die xapiri sind keine Souveräne, sondern Wächter. Sie beschützen eine Welt, die der Souveränität nicht bedarf, um zu bestehen. Ihre Gegenwart erinnert daran, dass menschliche Souveränität stets lokal, stets begrenzt ist. Sie ist ein Versuch, das zu beherrschen, was sie ihrem Wesen nach übersteigt.
Der Hinweis auf die Kapitel XVIII und XX zeigt, dass diese Konfrontation ein zentrales Thema des Buches ist. Die xapiri der weißen Ahnen sind keine yanomamischen Geister, sondern Kräfte, die domestiziert und in Machtinstrumente verwandelt wurden. Souveränität ist in dieser Perspektive der Versuch, sich anzueignen, was sich nicht aneignen lässt. Sie ist eine Gewalt an der kosmischen Ordnung. Doch eine Gewalt, die, weil sie lokal ist, auch zerbrechlich bleibt.
Davi Kopenawa verwirft die Souveränität nicht. Er enthüllt ihre Grenzen. Die xapiri sind keine Gegner der Souveränität, sondern Zeugen ihrer Unzulänglichkeit. Sie erinnern daran, dass menschliche Souveränität stets unvollständig ist, stets bedroht von dem, was sie übersteigt. Sie sind eine Form ontologischen Widerstands, eine Weise, daran zu erinnern, dass die Welt sich nicht auf politische Konstruktionen reduzieren lässt.
Für Davi Kopenawa ist Souveränität kein Trugbild oder eine Entfremdung, sondern ein Kampf. Ein Kampf, um eine Ordnung zu bewahren, die ihrer nicht bedarf, um zu bestehen. Die xapiri sind keine Souveräne, sondern Wächter. Sie beschützen eine Welt, in der Souveränität keine Notwendigkeit, sondern eine Ausnahme ist.
Die Souveränität als unauflösbare Spannung
Diese drei Stimmen fügen sich nicht zusammen. Sie bilden keine Synthese. Spinoza beschreibt Souveränität als affektive Fiktion, Schopenhauer als metaphysische Entfremdung, Davi Kopenawa als ontologischen Widerstand. Dennoch offenbaren sie eine gemeinsame Spannung: Souveränität ist niemals eindeutig.
Spinoza zeigt, dass Souveränität ein Effekt der Imagination ist. Sie beruht auf der Verkennung von Notwendigkeit. Schopenhauer macht sie zu einer Überzeugung, die jedem Willen vorausgeht. Davi Kopenawa stellt sie als Versuch dar, das zu beherrschen, was sie übersteigt. Diese drei Ansätze schließen einander nicht aus. Sie ergänzen sich, indem sie enthüllen, dass Souveränität stets schon geteilt ist.
Souveränität ist keine Illusion, die es aufzulösen, noch eine Notwendigkeit, die es zu feiern gilt. Sie ist ein komplexes Phänomen, das sich nicht auf eine einzige Deutung reduzieren lässt. Spinoza enthüllt ihre affektive Dimension, Schopenhauer die metaphysische, Davi Kopenawa die ontologische. Keine dieser Dimensionen genügt für sich allein. Keine lässt sich ignorieren.
In dieser Perspektive ist Souveränität eine Spannung. Eine Spannung zwischen dem, was sie verspricht, und dem, was sie verbirgt. Zwischen der Freiheit, die sie zur Schau stellt, und der Notwendigkeit, die sie leugnet. Zwischen dem Hochmut, der sie begründet, und den xapiri, die sie bedrohen. Sie ist weder ganz Illusion noch ganz Notwendigkeit. Sie ist beides zugleich.
Diese drei Stimmen bieten keine Lösung an. Sie legen eine Problematik dar. Souveränität ist kein Gegenstand, den es zu definieren gilt, sondern ein Kraftfeld, das es zu erkunden gilt. Ein Feld, in dem sich Affekt, Überzeugung und Widerstand kreuzen. Ein Feld, in dem Wahrheit niemals gegeben, sondern stets zu konstruieren ist.
Zitierte Quellen
- Baruch Spinoza, ethique, Ausg. Wikisource (trad. Charles Appuhn, 1913), Übers. Charles Appuhn.
- Arthur Schopenhauer, Aphorismes sur la sagesse dans la vie, Ausg. , Übers. Jean-Alexandre Cantacuzène.
- Davi Kopenawa, La Chute du ciel, Ausg. Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits).