Märtyrer
Vom Zeugen zum geheiligten Fall: Das türkische Wort »şehit« verschleiert politische Gewalt unter dem Glorienschein des Opfers. Dieser Umschlag ist kein Einzelfall – andere Sprachen verklären denselben Tod aus denselben staatlichen Gründen. Die folgende Karte legt eine Geographie des Schweigens frei, in der jede Sprache ihre Konflikte unter heiligen Vokabeln begräbt.
Şehit. Das Wort durchschneidet die Luft wie eine Klinge, doch ihre Schneide ist zweischneidig: Es benennt den, der unter Kugeln fällt, und tilgt zugleich die Kugeln selbst. Im Türkischen bleibt nur der Glanz des Opfers, ein Tod, der sich in Hingabe verwandelt. Dieser Akt ist nicht der Sprache Atatürks vorbehalten. Überall, wo die Macht Gewalt rechtfertigen muss, entstehen Wörter, die sie in Heiligkeit hüllen. »Şehit« ist eines davon – und es steht nicht allein.
Der Sinn unter dem Wort
Das türkische şehit wurzelt im arabischen šahīd, das seinerseits auf die semitische Wurzel š-h-d zurückgeht, die das Sehen, das Bezeugen meint. Ursprünglich ist der šahīd derjenige, der etwas bezeugt, der einen Blick auf die Tatsachen wirft – ein Zeuge im juristischen oder geistlichen Sinn. Der Koran erhebt ihn zu einem Status: Der Märtyrer ist der, dessen Tod unter Zwang oder im Kampf zum Beweis seines Glaubens wird. Doch das Wort spricht noch nicht vom Krieg; es spricht zunächst von Anwesenheit, von Unwiderlegbarkeit. Erst mit den Jahrhunderten und den Konflikten gleitet der šahīd auf das Schlachtfeld, wo der gewaltsame Tod zum höchsten Zeugnis wird.
Die Genealogie der Verschiebung
Die Verkehrung vollzieht sich in einer doppelten Bewegung: Naturalisierung und Sakralisierung. Zuerst wird der Tod im Konflikt zur fast biologischen Notwendigkeit, zu einem unausweichlichen Schicksal naturalisiert. Dann wird diese Notwendigkeit sakralisiert, indem sie in einen göttlichen Akt verwandelt wird, bei dem das vergossene Blut zum Samen der Legitimität wird. Tanıl Bora zeigt diese Verdrehung in Zamanın Kelimeleri auf:
Wissen Sie, dass die Wörter şehit (Märtyrer) und şahit (Zeuge) denselben Ursprung haben?
Die Verwandtschaft zwischen şehit (Märtyrer) und şahit (Zeuge) ist kein Zufall: Sie enthüllt den sprachlichen Vorgang. Das Wort bezeichnet nicht mehr die erlittene Gewalt, sondern den Akt des Sehens – oder vielmehr: des Sehens-Lassens. Der Tod ist kein politisches Ereignis mehr, sondern ein heiliges Schauspiel, in dem der Körper des Verstorbenen zum Beweis für die Richtigkeit einer Sache wird. Das Verdeckte – der gewaltsame Tod in einem Konflikt – wird von einer Bedeutungsschicht überlagert, die seine Brutalität leugnet. Der şehit wird nicht getötet; er bezeugt, und sein Tod wird zu einer Erzählung, die sich die Macht aneignen kann.
Derselbe Schleier, von Sprache zu Sprache
Dieser Mechanismus ist kein türkisches Spezifikum. Andere Sprachen, die vor derselben Notwendigkeit stehen, staatliche Gewalt zu legitimieren, haben Wörter geprägt, die denselben Kunstgriff vollziehen. Die folgende Karte verzeichnet sie, mit Quellen in jeder Sprache.
| Langue | Forme du mot | Attestation |
|---|---|---|
| Französisch | martyr | ○ |
| Englisch | martyr | ● |
| Deutsch | Märtyrer | ○ |
| Spanisch | mártir | ○ |
| Italienisch | martire | ○ |
| Russisch | павший pavshiy | ○ |
| Türkisch | şehit | ● |
| Chinesisch | 烈士 lièshì | ○ |
Gleiche Natur (Naturalisierung und Sakralisierung) und gleiches Objekt (gewaltsamer Tod in politischem Konflikt) im Englischen und Türkischen belegt. Ohne Nachweis dieser genauen Verkehrung im Französischen, Deutschen, Spanischen, Italienischen, Russischen und Chinesischen.
attesté par un dévoileur natif · lacune (non encore sourcé) — jamais « absent »
Für das Englische folgt das Wort martyr einer ähnlichen Bahn. Aus dem Griechischen mártys (Zeuge) stammend, bezeichnet es zunächst den, der seinen Glauben bezeugt, oft um den Preis seines Lebens. Doch wie şehit gleitet es in den politischen Bereich, wo der gewaltsame Tod als Opfer umgedeutet wird. George Orwell enthüllt in Nineteen Eighty-Four dessen Funktion in der Neusprache:
Dann fuhr er weniger heftig fort: »Das Erste, was Sie hier begreifen müssen, ist, dass es an diesem Ort keine Märtyrertode gibt.«
Der martyr ist nicht mehr der, der für einen Glauben stirbt, sondern der, dessen Tod der bestehenden Ordnung dient. Orwells Zitat zeigt, wie das Wort, seiner subversiven Kraft beraubt, zum Kontrollinstrument wird: Das Leiden wird zur Loyalitätsbekundung umgedeutet, der Aufstand zum Ritual. Das Verdeckte – die politische Gewalt – wird so vom Sprachgebrauch absorbiert, der es in ein Symbol der Unterwerfung verwandelt.
Zeugen wider Willen
Das Wort şehit lügt nicht: Es sagt durchaus die Wahrheit, doch eine verstümmelte. Es spricht von Zeugenschaft, wo es von Mord sprechen müsste. Diese Verdrehung ist kein Irrtum; sie ist eine Notwendigkeit für diejenigen, die präsentable Tote brauchen. Die Karte der Sprachen, in denen sich dieser Vorgang wiederholt, zeigt eines: Das Heilige ist oft nur der Vorwand des Politischen. Bleibt eine Frage, die das Wort selbst nicht stellen kann: Wer bezeugt hier eigentlich – und für wen?
Zitierte Quellen
- Tanıl Bora, Zamanın Kelimeleri, Ausg. İletişim, 2018.
- George Orwell, Nineteen Eighty-Four (The Principles of Newspeak), Ausg. Penguin.