Tsoai, der sprechende Fels: Erinnerung und Landschaft bei N. Scott Momaday
Wenn die Erde zur Erzählung wird und die Erzählung zur zweiten Haut
Die Reise als Geburtsakt
Für N. Scott Momaday beginnt die Geschichte der Kiowa mit einer Bewegung: einer Wanderung, die sie von den Quellen des Yellowstone zu den Wichita-Bergen führt, vorbei an den Black Hills. Es ist nicht nur eine geografische Verschiebung, sondern eine tiefgreifende Verwandlung. Unterwegs nehmen sie Pferde an, eine Spiritualität der Plains und eine neue Beziehung zum offenen Raum. Ihr Bündnis mit den Comanchen macht sie für ein Jahrhundert zu einer Macht im Süden der Plains. Doch jenseits der Fakten ist dieser Weg vor allem die Kristallisation einer Idee: des Selbstbildes eines Volkes. Momaday betont diesen Punkt: Diese Idee, so alt wie ihre Sprache, überdauert trotz der Erosion der Zeit. Die Erzählungen, die sie tragen – Mythen, Legenden, mündlich überliefertes Wissen – sind fragmentarisch geworden, doch das Wesentliche bleibt unversehrt. Jedes Mal, wenn die Vorstellungskraft sie aufgreift, beginnt die Reise von Neuem, so lebendig wie bei ihrer ersten Erzählung.
Was beeindruckt, ist die Art und Weise, wie sich diese Erzählung entfaltet. Es handelt sich nicht um eine lineare Chronologie, sondern um ein ganzheitliches Erleben, in dem sich historische Erinnerung und legendäres Gedächtnis, persönliche Erinnerungen und kulturelles Erbe vermischen. Die Landschaft spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie ist kein bloßer Hintergrund, sondern ein eigenständiger Akteur. Berge, Schluchten, Ebenen sind keine leblosen Orte, sondern mit Bedeutung aufgeladene Räume, in denen jedes Element eine vergangene Epoche und eine fortbestehende menschliche Präsenz evoziert.
Englisch Although my grandmother lived out her long life in the shadow of Rainy Mountain, the immense landscape of the continental interior lay like memory in her blood.
französisch Obwohl meine Großmutter ihr langes Leben im Schatten des Rainy Mountain verbrachte, lag die Weite der inneren Landschaft des Kontinents in ihrem Gedächtnis wie ein Blut.
Der Fels, der eine Geschichte trägt
Unter den Orten, die diese Reise säumen, nimmt Tsoai – der benannte Fels – einen besonderen Platz ein. Für Momaday ist er nicht bloß ein geografischer Orientierungspunkt, sondern eine Erzählung für sich. Der Gründungsmythos, den er heraufbeschwört, erzählt von einem Mann, der hungrig und verzweifelt in einer Schlucht auf ein rätselhaftes Wesen trifft. Diese Kreatur, halb Hirsch halb Vogel, bietet ihm ein Bündnis an: Im Austausch für seine Gesellschaft verspricht sie, die Kiowa zu ernähren. So tritt Tai-me, die heilige Gestalt, in ihre Geschichte ein. Von diesem Moment an sind die Kiowa nicht mehr nur ein um das Überleben kämpfendes Volk; sie werden zu einer kriegerischen, spirituellen Gemeinschaft, verbunden mit der Sonne.
Diese Erzählung ist keine bloße Legende. Sie ist eine Weise, die Welt zu begreifen, ein Schlüssel, um zu verstehen, wie sich ein Volk durch seine Beziehungen zur Erde, zu den Tieren und den unsichtbaren Mächten definiert. Der Fels Tsoai ist kein abstraktes Symbol: Er ist der Ankerpunkt einer kollektiven Identität, ein Ort, an dem sich Erinnerung, Sprache und Spiritualität kreuzen. Für Momaday ist dieser Fels ein greifbarer Beweis dafür, dass Geschichte nicht nur in Büchern geschrieben, sondern in die Landschaft selbst eingraviert ist.
Das Gedächtnis als lebendige Sprache
Die Stärke von The Way to Rainy Mountain liegt in dieser Idee: Erinnerung ist kein bloßer Rückblick, sondern eine Sprache in Bewegung. Momaday beobachtet, dass die mündlich überlieferten Erzählungen der Kiowa den Verwüstungen der Zeit ausgesetzt waren. Dennoch bewahren sie, trotz ihrer Fragmentierung, eine ungebrochene Kraft. Jede Erzählung ist eine Neuschöpfung, ein Akt der Vorstellungskraft, der der Vergangenheit neues Leben einhaucht. Die Reise zum Rainy Mountain ist kein Pilgerweg zu einem festen Ort, sondern eine stets erneuerte Erkundung, in der die Landschaft zum Träger eines sich ständig neu erfindenden Gedächtnisses wird.
Diese Auffassung von Erinnerung als lebendiger Erzählung hat eine zutiefst persönliche Dimension. Momaday erinnert an seine Großmutter, die nie den Schatten des Rainy Mountain verließ, deren Geist jedoch durch die Erzählungen der Crows oder der Black Hills wanderte. Für ihn sind diese Geschichten keine fernen Märchen, sondern gelebte Wahrheiten, so real wie die Berge, die er durchquerte. Indem er selbst diese Reise antritt, versucht er zu sehen, was seine Großmutter mit den Augen des Geistes betrachtete: eine Welt, in der jeder Ort eine Seite der Geschichte ist und jede Geschichte ein Teil der Landschaft.
Die Landschaft als Spiegel der Seele
Die Verbindung zwischen dem Volk der Kiowa und seinem Territorium ist so tief, dass sie fast organisch wirkt. Momaday beschreibt die Landschaften des Yellowstone als eine Region tiefer Seen und dunkler Wälder, in der der Horizont stets nah erscheint, wie zwischen den Mauern der Berge eingeschlossen. Doch trotz dieser Schönheit empfindet er eine Art Beklemmung: Die Freiheit, die er dort findet, ist die der Adler, nicht die der Menschen. Diese Beobachtung offenbart eine größere Wahrheit: Die Landschaft ist nicht neutral. Sie trägt die Spuren der Leben, die sie durchquert haben, der Träume, die in ihr aufblühten, der Kämpfe, die sich in ihr abspielten.
Für die Kiowa ist die Erde kein Besitz, sondern ein Gegenüber, das es zu hören gilt. Ihre Wanderung, ihr Bündnis mit Tai-me, ihre Beziehung zu den Plains: All dies fügt sich in eine Vision, in der Menschliches und Nicht-Menschliches nicht getrennt sind, sondern in einem fortwährenden Dialog stehen. Der Fels Tsoai ist kein Objekt, sondern ein Gesprächspartner. In diesem Sinne ist das Gedächtnis der Kiowa kein Archiv, sondern ein fortlaufendes Gespräch mit der Welt.
Die Geschichte neu verzaubern
Was Momaday vorschlägt, ist eine Weise, die Geschichte neu zu verzaubern. Nicht, indem man sie romantisiert, sondern indem man sie auf ihre konkreteste Dimension zurückführt: die einer Erzählung, die sich in Raum und Zeit entfaltet, getragen von Stimmen, die sich über Generationen hinweg antworten. Die Reise zum Rainy Mountain ist kein Akt der Nostalgie, sondern ein Akt des Widerstands. Indem Momaday diese Geschichten erzählt und sie in der Landschaft verankert, gibt er denen eine Stimme zurück, die zum Schweigen gebracht wurden.
Das Gedächtnis ist für ihn keine Last, sondern eine Kraft. Es ist das, was es ermöglicht, eine von Vergessen bedrohte Identität zurückzugewinnen. In diesem Sinne ist The Way to Rainy Mountain weit mehr als ein Buch: Es ist eine Einladung, die Welt anders zu sehen, den Erzählungen zu lauschen, die Steine, Flüsse und Winde tragen. Und vielleicht, durch sie, einen Teil von uns selbst wiederzufinden, den wir vergessen hatten.
Zitierte Quellen
- N. Scott Momaday, The Way to Rainy Mountain, Ausg. University of New Mexico Press, 1969 (éd. de poche 1976), Übers. texte original anglais ; rendu français maison.