Drei Perspektiven auf das Verhältnis zum Lebendigen

Drei Perspektiven auf das Verhältnis zum Lebendigen
Unbekannter Künstler — Stundenbuch (Gebrauch von Metz) Fol. 27r, Verzierte Initialen. Wikimedia Commons, Public Domain (CC0).

Jedes der hier ausgewählten Fragmente enthält eine Kritik an dem, was man – mangels besserer Bezeichnung – die Illusion menschlicher Herrschaft über das Lebendige nennen könnte. Die drei Autoren, die einander nicht kannten und keine gemeinsame Sprache teilten, schlagen Wege vor, dieses Verhältnis anders zu denken. Ihre Ansätze decken sich nicht, doch sie zeichnen gemeinsam eine Grenze: die eines Anthropozentrismus, der in verschiedenen Formen die Stellung des Menschen in einer größeren Ordnung leugnet.

Spinoza: Die Notwendigkeit als Recht

Spinoza formuliert ein Gesetz, das keine Ausnahme duldet: „Jedes Ding existiert nach dem höchsten Recht der Natur, und folglich tut jedes nach dem höchsten Recht der Natur das, was aus der Notwendigkeit seiner eigenen Natur folgt; und so urteilt jedes nach dem höchsten Recht der Natur, was gut, was schlecht ist, oder richtet sich nach seinem Nutzen gemäß seiner Verfasstheit.“ Diese Passage beschreibt kein Ideal, sondern eine Tatsache: Jedes Wesen, ob Mensch oder nicht, handelt gemäß dem, was seine Natur ihm vorschreibt. Das hier angesprochene Recht ist keine Konzession, sondern eine direkte Folge des Daseins.

Der Anspruch, das Lebendige zu beherrschen, entstünde demnach aus einer Unkenntnis dieser Notwendigkeit. Wenn der Mensch glaubt, das, was ihn umgibt, beherrschen zu können, dann deshalb, weil er nicht erkennt, dass jedes Ding – Pflanze, Tier, Stein – seinem eigenen Gesetz folgt, das ebenso unabänderlich ist wie das seine. Das menschliche Urteil über Gut und Böse, über Nützlich und Schädlich, ist nichts weiter als ein Ausdruck seiner Verfasstheit, das heißt seiner besonderen Beschaffenheit. Es handelt sich nicht um eine universelle Wahrheit, sondern um eine Perspektive unter anderen, so legitim und so begrenzt wie die eines Baumes oder eines Flusses.

Spinoza verurteilt diese Illusion nicht, er löst sie auf. Herrschaft ist kein zu eroberndes Vermögen, sondern eine aufzugebende Fiktion. Das Lebendige ist kein Objekt der Unterwerfung, sondern ein Geflecht von Kräften, die nach ihrem eigenen Recht wirken. Der Mensch ist nur ein Glied in dieser Kette von Notwendigkeiten, und sein Irrtum besteht darin, sich für deren Mittelpunkt zu halten.

Dōgen: Körper und Geist in Bewegung

Dōgen schreibt: „body and flap the brain, freely turn the: See turn the body and flap the brain, freely“. Diese Worte bilden keinen Satz im herkömmlichen Sinne, sondern eine Aufforderung, anders wahrzunehmen. Körper und Geist sind keine festen Entitäten, sondern Bewegungen, die sich unablässig verflechten. Flap, turn: Die Verben deuten auf eine Freiheit hin, die nicht die des Willens ist, sondern die eines Tanzes, in dem jede Geste die nächste hervorbringt.

Die Illusion menschlicher Herrschaft über das Lebendige nimmt hier eine andere Gestalt an: die einer Trennung zwischen Betrachtendem und Betrachtetem. Wenn Körper und Geist sich ständig umwenden, dann ist der Mensch kein Subjekt, das auf die Welt einwirkt, sondern ein Teil der Welt, der sich in ihr regt. Die Unterscheidung zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem löst sich in dieser Bewegung auf. Ein Baum wächst nicht einfach – er flap und turn, ebenso wie der Geist, der ihn betrachtet.

Dōgen bietet keine Theorie an, sondern eine Praxis. Körper und Geist sich frei umwenden zu sehen, heißt, die Vorstellung von Kontrolle aufzugeben. Das Lebendige ist kein Objekt der Manipulation, sondern ein Strom, an dem man teilhat. Herrschaft ist keine Beherrschung, sondern ein Zusammenfallen: einfach da zu sein, mitten in der Bewegung, ohne sie lenken zu wollen.

Kopenawa: Die Klingen der Geister

Davi Kopenawa sagt: „Die scharfen Klingen, die die xapiri besitzen, wie die Geister Ara, Papagei und Kaiman, sind ebenfalls aus diesem Metall 898 gefertigt.“ Die xapiri, diese Geister, die die Welt der Yanomami bevölkern, sind keine Symbole oder Metaphern, sondern ebenso greifbare Realitäten wie die Menschen. Ihre Klingen, ihre Gesänge, ihre Handlungen gehören einer Ordnung an, in der alles lebendig und bewusst ist.

Die Illusion menschlicher Herrschaft erhält hier eine politische Dimension. Die Nicht-Menschen – Tiere, Pflanzen, Geister – sind keine Ressourcen zur Ausbeutung, sondern Subjekte, mit denen man sich arrangieren muss. Das Metall 898 ist kein technisches Detail, sondern der Beweis, dass die xapiri Werkzeuge besitzen, die ebenso real sind wie die der Menschen. Diese Realität zu leugnen, heißt, ihre Existenz selbst zu verneinen.

Kopenawa spricht nicht von Unwissenheit, sondern von Gewalt. Der Anspruch, das Lebendige zu beherrschen, ist kein Wahrnehmungsfehler, sondern ein Akt der Negation. Die Geister Ara, Papagei und Kaiman sind keine Wesen, die man unterwerfen könnte, sondern Partner, mit denen die Menschen leben müssen. Ihr Metall, ihre Klingen, ihre Handlungen sind Elemente einer Welt, in der der Mensch keinen privilegierten Platz einnimmt.

Konvergenz der Verweigerungen

Die drei Autoren lehnen die Idee einer menschlichen Überlegenheit ab, doch ihre Kritiken decken sich nicht. Spinoza sieht in der Illusion der Herrschaft ein Verkennen universeller Gesetze; Dōgen eine Unkenntnis der unaufhörlichen Bewegung von Körper und Geist; Kopenawa eine Gewalt, die die Subjektivität des Nicht-Menschlichen leugnet.

Doch ihre Vorschläge treffen sich in einem Punkt: Der Mensch ist kein Herrscher, sondern ein Teilnehmender. Spinoza verortet ihn in einem Netz von Notwendigkeiten, Dōgen in einem Strom von Bewegungen, Kopenawa in einer Welt voller Geister. Keiner weist ihm eine zentrale Stellung zu. Herrschaft ist keine Möglichkeit, sondern eine Fiktion, die es aufzugeben gilt.

Das Lebendige ist bei allen dreien kein Objekt der Kontrolle, sondern eine Wirklichkeit, der man angehört. Spinoza spricht vom Naturrecht, Dōgen vom freien Umwenden, Kopenawa von den Klingen der Geister. Ihre Sprachen unterscheiden sich, doch ihre Weigerung ist dieselbe: die einer Trennung zwischen dem Menschen und dem, was nicht er selbst ist.

Jedes Ding existiert nach dem höchsten Recht der Natur, und folglich tut jedes nach dem höchsten Recht der Natur das, was aus der Notwendigkeit seiner eigenen Natur folgt; und so urteilt jedes nach dem höchsten Recht der Natur, was gut, was schlecht ist, oder richtet sich nach seinem Nutzen gemäß seiner Verfasstheit.

, , ch. IV, Proposition 37, Scholium 2  — éd. nach der französischen Übersetzung von Charles Appuhn, 1913
Japanisch
français

body and flap the brain, freely turn the: See turn the body and flap the brain, freely

,  — éd. nach der englischen Übertragung in *Treasury of the True Dharma Eye*, hg. von Kazuaki Tanahashi

Die scharfen Klingen, die die xapiri besitzen, wie die Geister Ara, Papagei und Kaiman, sind ebenfalls aus diesem Metall 898 gefertigt.

,  — éd. nach der französischen Ausgabe von Bruce Albert, Plon, coll. Terre humaine, 2010

Zitierte Quellen

  • Baruch Spinoza, Éthique, Ausg. , Übers. Charles Appuhn (1913).
  • Dōgen, dogen-shobogenzo-treasury-true-dharma-eye-tanahashi, Ausg. .
  • Davi Kopenawa, La Chute du ciel, Ausg. Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits).