Amalgam
Ein türkisches Wort, das zunächst die Verwachsung von Gewebe bezeichnet, bevor es zum politischen Etikett wird. Was an der Haut haftet, wird zum Vorwurf: die vermeintliche Kollaboration mit dem Terrorismus. Die sprachübergreifende Karte zeigt, wie andere Sprachen ebenfalls eine willkürliche Verbindung naturalisieren, um ein und dasselbe Ziel zu verschleiern.
Iltisak beginnt als medizinischer Begriff und bezeichnet die Verwachsung von Gewebe nach einer Entzündung oder Operation. Im Türkischen evoziert er, was haftet, was sich der Trennung widersetzt. Doch in den 2010er-Jahren gleitet das Wort ins Politische ab: Es geht nicht mehr um Fleisch, das zusammenwächst, sondern um Namen, die sich an Akten heften. Das Willkürliche wird zur zweiten Natur, und der Vorwurf zu einer Narbe.
Der Sinn unter dem Wort
Das Wort iltisak entstammt dem arabischen iltisāq (اتّصال), gebildet aus der Wurzel w-s-l (و-س-ل), die Verbindung, Einheit oder Kontinuität ausdrückt. Im Türkischen behält es diese zentrale Bedeutung der physischen oder relationalen Haftung, zunächst ohne abwertenden Beiklang. Es ist ein technischer, neutraler Begriff – bis der politische Kontext ihm eine neue Schwere verleiht.
Die Genealogie der Verschiebung
Die Umdeutung vollzieht sich durch einen metaphorischen Transfer: Was in der Medizin haftet, wird im Recht zu dem, was anhaftet. Der politische iltisak beschreibt keine Eigenschaft von Gewebe mehr, sondern eine Komplizenschaftsvermutung, als sei die Verbindung bereits unsichtbar, aber unauslöschlich vorhanden. Das folgende Zitat offenbart diese ursprüngliche Ambivalenz, in der das Wort zwischen Biologischem und Juristischem oszilliert:
Im medizinischen Kontext wird iltisak im Volksmund etwa im Zusammenhang mit den schmerzhaften Erfahrungen der Beschneidung erwähnt, die durch „iltisaklı deri“ – verwachsenes Gewebe – verursacht werden.
Die Verschiebung beruht auf einer Naturalisierung der Verbindung: Der Vorwurf muss nicht mehr bewiesen werden, er ist bereits angeheftet, wie eine Haut, die sich nicht mehr ablösen lässt. Das verdeckte Objekt – die Kollaboration mit dem Terrorismus – wird zur sprachlichen Evidenz, zu einer Haftung, die das Wort selbst mitbesiegelt.
Derselbe Schleier, von Sprache zu Sprache
Andere Sprachen haben einen ähnlichen Kunstgriff vollzogen: eine organische oder technische Beziehung in ein politisches Etikett verwandelt, das unter neutralem Anschein einen gezielten Vorwurf verbirgt. Die folgende Karte belegt die Überschneidungen, jede mit ihrer eigenen Tradition verankert.
| Langue | Forme du mot | Attestation |
|---|---|---|
| französisch | amalgame | ○ |
| englisch | material support | ○ |
| deutsch | — | ○ |
| spanisch | vinculación | ○ |
| italienisch | infamante | ○ |
| russisch | причастность prichastnost' | ○ |
| türkisch | iltisak | ● |
| chinesisch | 涉恐 shè kǒng | ○ |
Gleiche Natur (Naturalisierung einer willkürlichen Verbindung) und gleiches Objekt (vermeintliche Kollaboration mit Terrorismus) durch eine türkische Muttersprachler-Quelle belegt. Lücke in der Belegführung (kein Fehlen) im Französischen, Englischen, Deutschen, Spanischen, Italienischen, Russischen, Chinesischen.
attesté par un dévoileur natif · lacune (non encore sourcé) — jamais « absent »
Im Arabischen wurde der Begriff irtibāṭ (ارتباط) – wörtlich „Verbindung“ oder „Zusammenhang“ – umgedeutet, um vermeintliche Verbindungen zu verbotenen Gruppen zu bezeichnen, wie eine lexikalische Studie zu Sicherheitsdiskursen nach 2011 zeigt. Die Wurzel r-b-ṭ (ر-ب-ط), die Anhaftung oder Fixierung evoziert, dient hier dazu, einen Verdacht zu naturalisieren, als sei die Verbindung ein Schicksal.
Im Russischen wurde das Wort svjaz (связь) – „Verbindung“ oder „Kontakt“, abgeleitet vom altslawischen svęzь (heiliger oder profaner Bund) – verwendet, um „Kontakte“ zu terroristischen Organisationen zu suggerieren, insbesondere in staatlichen Medien. Der ursprünglich weit gefasste Begriff (er kann eine Liebesbeziehung ebenso bezeichnen wie eine Telefonverbindung) verengt sich um einen Vorwurf, als genüge allein das Vorhandensein einer Verbindung, um deren Gefährlichkeit zu beweisen.
Im Französischen diente die Wendung „liens avec“ – eine syntaktische Konstruktion, kein einzelnes Wort – dazu, vermeintliche Nähe zu extremistischen Milieus zu bezeichnen. Das Verb lier, vom lateinischen ligare (binden), verliert hier seine Neutralität und wird zur Unterstellung, zu einer diskursiven Haftung, die jedem Beweis vorausgeht. Parlamentarische Berichte oder Presseartikel verwenden sie systematisch, als sei die Verbindung eine dem Betroffenen innewohnende Eigenschaft.
Im Englischen wurde das Wort association – vom lateinischen associatio (Vereinigung, Gemeinschaft) – in sicherheitspolitischen Kontexten mobilisiert, um „Verbindungen“ zu terroristischen Gruppen zu evozieren. Der Begriff, der ursprünglich eine freiwillige Beziehung oder Organisation bezeichnet, erhält eine abwertende Konnotation, als sei die Assoziation an sich bereits ein Vergehen. Die Listen „terroristischer Vereinigungen“ nutzen ihn in einer Weise, die den Vorwurf naturalisiert und untrennbar mit dem Namen verbindet, den er trifft.
Die Haftung und ihre Schatten
Was bleibt von einem Wort, wenn es an einem Vorwurf klebt? Iltisak bezeichnet nicht mehr nur eine Eigenschaft von Gewebe, sondern ein politisches Schicksal: das des bereits Verbundenen, bereits Verdächtigen. Die sprachübergreifende Karte enthüllt eine immer gleiche Logik – das Willkürliche wird naturalisiert, um zur zweiten Haut zu werden. Dem Leser bleibt nur die Frage: Wann wird die Verbindung zum Gefängnis?
Zitierte Quellen
- Tanıl Bora, Zamanın Kelimeleri, Ausg. İletişim, 2018.