Das Gedächtnis zwischen Löschung und Überlieferung

Zwei Stimmen über den fragilen Grund der Zivilisationen

Das Gedächtnis zwischen Löschung und Überlieferung
Nicolas Poussin — Der blinde Orion auf der Suche nach der aufgehenden Sonne (1658). Metropolitan Museum of Art, CC0.

Das Gedächtnis ist niemals neutral. Es tritt zunächst als Tatsache in Erscheinung: eine Sprache, ein Werk, eine Struktur, die sich aufdrängen. Doch hinter diesen Erscheinungen wird es zum umkämpften Terrain, zum Raum, in dem unsichtbare Machtverhältnisse wirken. Zwei Fragmente – das eine einer politischen Fiktion, das andere einer historischen Arbeit entnommen – zeichnen ein kontrastreiches Bild.

Die Sprache als amtlicher Rahmen

Das erste Fragment stammt aus einer Welt, in der das Gedächtnis durch eine Institution gerahmt wird. Der Newspeak wird dort als Regierungsinstrument präsentiert, als eine Sprache, die nicht zufällig existiert, sondern durch Entscheidung.

1 Newspeak war die Amtssprache Ozeaniens. Zu seiner Struktur und Etymologie siehe Anhang.

George Orwell, Nineteen Eighty-Four EN avec appendice Newspeak  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, trad. viasophia

Der Text sagt nichts weiter. Er beschreibt weder die Wirkungen dieser Sprache noch ihre Absichten. Er begnügt sich damit, ihre Existenz als administrativen Fakt festzuhalten: Sie ist amtlich. Dieser Status verleiht ihr eine Autorität, die über die bloßen Worte hinausgeht. Eine Amtssprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel; sie ist ein Rahmen, der absteckt, was gesagt, gedacht, überliefert werden kann. Der Newspeak wird nicht als Bedrohung oder Innovation dargestellt, sondern als Gegebenheit der Welt, als eine Realität, auf die man sich beziehen kann („siehe Anhang“). Diese scheinbare Neutralität ist es, die ihn so mächtig macht: Er setzt sich ohne Rechtfertigung durch, als Selbstverständlichkeit.

Das Werk als Anhäufung

Das zweite Fragment entstammt einer anderen Art von Arbeit. Ibn Chaldūn beschreibt darin die Entstehung eines Buches, aber auch die Weise, wie sich das Gedächtnis darin entfaltet.

Zu diesem Werk mit dem Titel Geschichte der Berber fügte er einen Band mit Prolegomena hinzu; wenig später ergänzte er seine Arbeit durch eine neue Reihe von Abhandlungen über die Völker und Dynastien des Orients.

Ibn Khaldūn, Les Prolégomènes (Muqaddima), tome 1  — Ausg. nach der französischen Übersetzung von William Mac Guckin de Slane, Notices et extraits, Imprimerie impériale, Paris, 1863, t. 1, trad. viasophia

Hier ist das Gedächtnis keine aufgezwungene Sprache, sondern ein Prozess fortlaufender Ergänzungen. Das ursprüngliche Werk (Geschichte der Berber) wird um einen Band bereichert, dann um eine „neue Reihe von Abhandlungen“. Diese Zusätze werden nicht als Korrekturen oder Überarbeitungen präsentiert, sondern als natürliche Erweiterungen. Das Gedächtnis ist in diesem Fall kein starres Gebilde, sondern eine Materie, die sich anhäuft, fortschreibt, ausdifferenziert. Es ist nicht amtlich, sondern organisch: Es wächst mit der Zeit, passt sich den Bedürfnissen an, integriert neue Elemente, ohne die vorherigen zu tilgen.

Zwei Weisen, die Vergangenheit festzuhalten

Diese beiden Fragmente sprechen nicht auf dieselbe Weise vom Gedächtnis. Das erste stellt es als starren Rahmen dar, als eine Sprache, deren Struktur und Etymologie in einem Anhang verzeichnet sind. Das zweite zeigt es als eine Arbeit in Bewegung, bei der jede Ergänzung das ursprüngliche Werk fortschreibt, ohne es zu negieren.

Doch beide offenbaren dieselbe Sorge: Das Gedächtnis ist kein Gegebenes, sondern ein Gemachtes. In Nineteen Eighty-Four wird es durch eine Autorität fixiert, die seine Konturen kontrolliert. In den Prolegomena wird es durch eine Schreibarbeit geformt, die sich über mehrere Bände erstreckt. In beiden Fällen ist es kein bloßer Erinnerungsinhalt, sondern eine Realität, die sich in präzisen Formen niederschlägt: eine Sprache, ein Buch, eine Struktur.

Das Schweigen der Quellen

Diese Fragmente verraten nichts über die ihnen zugrundeliegenden Absichten. Sie enthüllen nicht, ob das Gedächtnis ein Herrschaftsinstrument oder ein Mittel der Überlieferung ist. Sie präzisieren nicht, ob es bedroht oder geschützt wird. Sie beschränken sich darauf, Fakten zu beschreiben: eine Amtssprache, ein Werk, das sich bereichert.

Doch diese Schweigen sind beredt. Der Newspeak wird ohne Kommentar erwähnt, als ob seine Existenz selbstverständlich wäre. Die Prolegomena werden als eine im Entstehen begriffene Arbeit beschrieben, ohne Urteil über ihren Wert oder Nutzen. Beide Texte versuchen nicht zu überzeugen, sondern stellen fest. Sie bieten keine Lehre, sondern Material zum Nachdenken.

Was bleibt

Hält man sich streng an diese Fragmente, lässt sich nicht behaupten, das Gedächtnis sei ein Bollwerk oder ein Ziel. Man kann nicht sagen, es sei organisch oder künstlich. Man kann nur zwei Weisen feststellen, es zu betrachten: als Amtssprache oder als ein sich ausdehnendes Werk.

Doch diese beiden Ansätze offenbaren dieselbe Wahrheit: Das Gedächtnis ist niemals gesichert. Es steht immer auf dem Spiel, ist immer im Aufbau oder im Umbau begriffen. Ob es von einer Macht aufgezwungen oder durch eine Schreibarbeit geformt wird – es bleibt ein zentraler Einsatz, ein unvermeidlicher Durchgangspunkt für jede Zivilisation.

Die Weisen bieten keine Lösung an. Sie zeigen lediglich, dass das Gedächtnis – ob als Sprache oder als Buch – ein Raum ist, in dem unsichtbare Machtverhältnisse wirken. Sie sagen nicht, wie man es bewahren soll, aber sie erinnern daran, dass es niemals neutral ist.

Zitierte Quellen

  • George Orwell, Nineteen Eighty-Four EN avec appendice Newspeak, Ausg. .
  • Ibn Khaldûn, Les Prolégomènes (Muqaddima), tome 1, Ausg. Notices et extraits, Imprimerie impériale, Paris, 1863, t. 1, Übers. William Mac Guckin de Slane.