Die fossile Sucht: Krieg oder Vergessen?

Zwei Stimmen über den Bruch mit dem Lebendigen

Die fossile Sucht: Krieg oder Vergessen?
Nicolas Poussin — Der blinde Orion auf der Suche nach der aufgehenden Sonne (1658). Metropolitan Museum of Art, CC0.

Die Abhängigkeit von fossilen Energien ist keine bloße technische oder wirtschaftliche Frage. Sie berührt eine Weise, in der Welt zu sein – einen Bruch mit dem, was uns vorausgeht und uns übersteigt. Zwei Stimmen, die eine aus dem zeitgenössischen westlichen Denken, die andere in einer indigenen Weisheit verwurzelt, zeichnen ihre Konturen mit einer Radikalität, die uns zwingt, ins Auge zu fassen, was wir nicht sehen wollen.

Der Krieg der Illusionen

Bruno Latour entwirft ein gewaltsames Bild für unsere Zeit: das eines Konflikts. Nicht ein Krieg zwischen Nationen oder Ideologien, sondern ein Krieg zwischen zwei Weisen, sich auf der Erde zu verorten. Ein Krieg, in dem die Begriffe des Kampfes selbst durch Jahrhunderte der Täuschungen verwischt sind.

Ich weiß, wie gefährlich es ist, das Problem so unverblümt auszusprechen, aber ich sehe mich gezwungen zu sagen: Im Zeitalter des Anthropozäns sollten die Menschen und die Erdbewohner den Krieg gegeneinander akzeptieren.

Bruno Latour, Face Ga a  — Ausg. nach der französischen Ausgabe, trad. viasophia

Dieser Satz trifft durch seine Unmittelbarkeit. Latour schlägt nichts vor, er stellt eine Notwendigkeit fest. Das Wort Krieg ist hier kein Bild: Es bezeichnet eine Auseinandersetzung zwischen zwei Existenzweisen. Auf der einen Seite die Menschen – jene moderne Abstraktion, die sich von den irdischen Zwängen losgelöst glaubt, fähig, ohne Grenzen aus den Ressourcen des Untergrunds zu schöpfen. Auf der anderen die Erdbewohner – nicht die Erde als bloße Kulisse, sondern als Gefüge von Wesen, Prozessen und Grenzen, die sich der Aneignung widersetzen.

Die Abhängigkeit von fossilen Energien erscheint dann als Symptom eines tieferen Irrtums. Sie ist nicht nur eine Sucht, sondern eine Verzerrung der Wahrnehmung. Indem wir Kohlenstoff verbrennen, der sich über Millionen Jahre angesammelt hat, handeln wir, als stünde uns die geologische Zeit zur Verfügung, als wäre die Erde ein unerschöpflicher Speicher und nicht ein zerbrechlicher Partner. Latour verurteilt nicht: Er legt eine Logik offen. Der Krieg, von dem er spricht, ist kein Gefecht, das es zu gewinnen gilt, sondern eine Spannung, die es anzuerkennen gilt. Diesen Krieg zu leugnen hieße, in der Illusion einer von den Gesetzen des Lebendigen befreiten Menschheit zu verharren.

Das Vergessen seiner selbst

Ailton Krenak nähert sich derselben Frage von einem anderen Ort aus. Für ihn ist die Abhängigkeit von fossilen Energien nicht in erster Linie ein technischer Irrtum oder ein moralisches Versagen, sondern ein Verrat an sich selbst. Ein kollektiver Wahnsinn, der darin besteht, zu vergessen, wer wir sind.

Der Planet sagt uns: „Ihr seid verrückt geworden, habt vergessen, wer ihr seid, und irrt nun herum in dem Glauben, mit euren Spielzeugen etwas erobert zu haben.“

Ailton Krenak, A vida n o til  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, Companhia das Letras, São Paulo, 2020" maison langSource="portugiesisch

Krenak spricht aus einer Erfahrung, in der die Erde kein auszubeutendes Objekt ist, sondern ein Gegenüber. Das Verb piraram – wörtlich „ihr seid verrückt geworden“ – ist keine Beleidigung, sondern eine Diagnose. Der Wahnsinn besteht hier darin, zu glauben, die technischen „Spielzeuge“ (Maschinen, Infrastrukturen, fossile Energien) hätten uns mächtiger gemacht, während sie uns vor allem von unserer eigenen Identität abgeschnitten haben. Se esqueceram quem são: Das Vergessen seiner selbst steht im Mittelpunkt des Problems.

Diese Perspektive trennt den Menschen nicht vom Rest des Lebendigen. Die Abhängigkeit von fossilen Energien ist kein bloßer wirtschaftlicher Entschluss, sondern Ausdruck eines Bruchs mit den uralten Bindungen, die unseren Platz in der Welt bestimmen. Krenak schlägt keine technische Lösung vor: Er benennt einen Sinnverlust. Die modernen „Spielzeuge“ haben uns weismachen wollen, wir könnten uns über die Grenzen hinwegsetzen, während sie uns vor allem von dem entfernt haben, was uns ausmacht.

Die Konvergenz der Grenzen

Latour und Krenak sprechen nicht dieselbe Sprache. Der eine analysiert Existenzweisen, der andere beschwört ein kollektives Gedächtnis. Doch ihre Diagnosen treffen sich in einem entscheidenden Punkt: Die Abhängigkeit von fossilen Energien ist eine ontologische Entfremdung. Sie versetzt uns in ein Verhältnis zur Welt, das Grenzen leugnet – seien es die der Erde oder die unserer eigenen Menschlichkeit.

Für Latour sind diese Grenzen die der Erdbewohner – ein Gefüge von Kräften und Wesen, die sich unserem Herrschaftsanspruch widersetzen. Der Krieg, von dem er spricht, ist kein Aufruf zur Gewalt, sondern eine Einladung, anzuerkennen, dass wir diese Widerstände nicht länger ignorieren können. Fossile Energien zu verbrennen heißt, so zu handeln, als gäbe es diese Grenzen nicht, als lebten wir noch in einer unendlichen Welt.

Für Krenak sind diese Grenzen die unserer Identität. Sich selbst zu vergessen heißt, zu vergessen, dass wir Teil eines Größeren sind. Die Abhängigkeit von fossilen Energien ist nicht nur ein ökologischer Fehler: Sie ist ein Symptom dieses Vergessens. Die modernen „Spielzeuge“ haben uns glauben lassen, wir könnten auf diese Bindungen verzichten, während sie doch die Bedingung unserer Existenz sind.

Stille Vorschläge

Keiner von beiden schreibt Lösungen vor. Latour sagt nicht, wie dieser Krieg zu führen ist, Krenak erklärt nicht, wie man sich erinnert. Ihre Worte sind keine Rezepte, sondern Vorschläge – Weisen, die Welt zu betrachten, die sichtbar machen, was wir lieber übersehen.

Latour schlägt vor, den Krieg zu sehen: nicht, um ihn zu entfachen, sondern um die Illusion eines unmöglichen Friedens zu beenden. Die Abhängigkeit von fossilen Energien ist kein Problem unter anderen, sondern das Zeichen eines tieferen Konflikts zwischen zwei Weisen, die Erde zu bewohnen.

Krenak schlägt vor, sich zu erinnern: nicht, um zurückzukehren, sondern um wiederzufinden, was wir unterwegs verloren haben. Fossile Energien sind nicht nur eine Energiequelle: Sie sind das Symbol eines Vergessens – des Vergessens unseres Platzes in der Welt.

Diese Vorschläge widersprechen sich nicht. Sie ergänzen einander. Der eine zeigt die Notwendigkeit auf, die Grenzen der Welt anzuerkennen, der andere die, die Bindungen wiederzufinden, die uns ausmachen. Zusammen zeichnen sie dieselbe Dringlichkeit: neu zu lernen, mit der Erde zu leben – und nicht gegen sie.

Zitierte Quellen

  • Bruno Latour, Face Ga a, Ausg. .
  • Ailton Krenak, A vida n o til, Ausg. Companhia das Letras, São Paulo, 2020, Übers. trad. maison (du portugais).