Die Natur als politisches Subjekt: Souveränität, Reziprozität und Metamorphose
Drei Stimmen, drei Stellungen des Lebendigen
Es gibt keine Politik, die sich nicht an der Natur messen müsste. Doch was meint man mit Natur, wenn man sie zum Subjekt – oder Objekt – eines politischen Diskurses erhebt? Drei Fragmente, drei Antworten, die einander nicht beantworten. Aristoteles befragt eine soziale Tatsache, deren Grundlage die Natur ist; Davi Kopenawa schildert ein göttliches Handeln, in dem die Natur das Werkzeug eines Kampfes ist; Emanuele Coccia verortet die Natur in einem reflexiven Rahmen, in dem sie zum Prinzip der Verwandlung selbst wird. Diese Positionen stehen sich nicht frontal gegenüber, fügen sich aber auch nicht zusammen: Sie existieren als unvereinbare Weisen des Begreifens, ohne mögliche Synthese. Erst ihre Nebeneinanderstellung lässt erahnen, was eine Politik der Natur sein könnte – nicht als Doktrin, sondern als Spannungsfeld.
Aristoteles: Die Natur als Fundament der politischen Ordnung
Aristoteles entwirft eine Lesart, in der die Natur kein zu eroberndes Territorium ist, sondern der Grund, auf dem sich die Polis erhebt. Die zitierte Passage handelt nicht von der Natur im Allgemeinen, sondern von einer konkreten Tatsache: der Sklaverei. Es geht nicht um eine Metapher menschlicher Herrschaft über das Lebendige, sondern um eine historische und begriffliche Beobachtung.
Bemerkenswert ist, dass Aristoteles der einzige Philosoph der Antike ist, der sich Rechenschaft über die große Tatsache der Sklaverei abzulegen suchte – Grundlage der griechischen Gesellschaft, wie sie es später für die römische war.
Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht die Natur als Gesamtheit des Lebendigen, sondern die Natur als Prinzip sozialer Organisation. Die Sklaverei wird nicht als willkürliche Gewalt dargestellt, sondern als eine Tatsache, deren Grundlagen, Rechtfertigungen und Grenzen es zu verstehen gilt. Die Natur ist in diesem Kontext kein zu unterwerfendes Objekt, sondern der Rahmen, in dem sich die politische Ordnung entfaltet. Sie ist das, was es ermöglicht, die Polis zu denken – nicht das, was die Polis beherrschen muss.
Aristoteles behauptet nicht, die Natur sei ein zu ordnender Raum, sondern dass die Sklaverei – eine politische Institution – ihre Legitimität in einer bestimmten Auffassung der menschlichen Natur findet. Souveränität besteht nicht darin, die Natur rationalen Zwecken zu unterwerfen, sondern in der Natur die Möglichkeitsbedingungen der politischen Ordnung zu erkennen. Die Polis ist keine künstliche Konstruktion, die sich der Natur entgegenstellt, sondern eine Verwirklichung ihrer Potenziale.
Dieser Ansatz setzt keine Trennung zwischen dem Menschen und dem übrigen Lebendigen voraus. Er spricht nicht von der Natur als Ganzem, sondern von einem besonderen Aspekt der menschlichen Natur – der Knechtschaft – als Grundlage des gemeinschaftlichen Lebens. Die Natur ist kein zu eroberndes Territorium, sondern der Boden, auf dem Politik entsteht.
Davi Kopenawa: Die Natur als Werkzeug eines göttlichen Kampfes
Davi Kopenawa beschreibt eine Szene, in der die Natur weder Fundament noch Prinzip ist, sondern Akteurin in einem kosmologischen Narrativ. Sie ist nicht der Rahmen menschlichen Handelns, sondern das Mittel einer höheren Macht.
Mit ihr vertreibt Omama die bösen Wesen des Waldes und die Wesen der Seuche.
Die Natur ist hier kein Objekt, nicht einmal ein autonomes Subjekt, sondern ein Mittel. Sie steht „mit“ Omama, nicht als Partnerin, sondern als Instrument. Das Pronomen „sie“ verweist auf eine unbestimmte Entität – vielleicht der Wald, vielleicht eine umfassendere Kraft –, die als Vehikel des göttlichen Handelns dient. Die „bösen Wesen“ und die „Wesen der Seuche“ sind keine Ungleichgewichte, sondern Feinde, die besiegt werden müssen. Die Natur ist kein Beziehungsgeflecht, sondern ein Schlachtfeld, auf dem ein Kampf zwischen gegensätzlichen Mächten ausgetragen wird.
Es geht nicht um Reziprozität, nicht um wechselseitige Abhängigkeit. Die Beziehung ist nicht horizontal, sondern vertikal: Omama handelt durch die Natur, nicht mit ihr. Die Souveränität ist nicht geteilt, sondern absolut – sie gehört Omama, der sie durch die Natur ausübt. Der Wald ist kein politisches Subjekt, sondern ein Werkzeug in einem kosmischen Krieg.
Diese Sicht leugnet nicht die Handlungsmacht des Nicht-Menschlichen, unterwirft sie aber einer höheren Logik. Die „bösen Wesen“ und die „Wesen der Seuche“ sind Akteure, doch ihr Handeln ist stets schon in eine Erzählung eingebettet, in der die Natur Instrument, nicht Partnerin ist. Politik, sofern es sie hier gibt, ist keine menschliche Angelegenheit, sondern göttliche.
Emanuele Coccia: Die Natur als Rahmen der Metamorphose
Emanuele Coccia verortet die Natur in einem reflexiven Register, in dem sie weder Fundament noch Werkzeug ist, sondern Prinzip der Verwandlung. Die zitierte Passage spricht nicht von der Natur als Ganzem, sondern von einem besonderen Aspekt: der Metamorphose als plastischer Kraft pflanzlicher Körper.
Und gerade im Rahmen dieser Reflexion über die Metamorphose als plastische Kraft, die jedem pflanzlichen Körper eigen ist, lässt sich ein großer Teil dessen verorten, was heute als „Entwicklungsbiologie“ bezeichnet wird.
Die Natur ist kein Gegenstand der Untersuchung, sondern ein begrifflicher Rahmen. Die Metamorphose wird nicht als allgemeine Eigenschaft des Lebendigen dargestellt, sondern als spezifische Kraft pflanzlicher Körper. Die „Entwicklungsbiologie“ ist kein Schlüssel zum Verständnis der Natur, sondern ein Bereich, der sich in eine umfassendere Reflexion über die Metamorphose einfügt.
Coccia behauptet nicht, die Natur sei ein Fluss ständiger Verwandlungen. Er spricht nicht von menschlicher Souveränität oder deren Infragestellung. Er beschreibt einen theoretischen Rahmen, in dem die pflanzliche Metamorphose zum Gegenstand der Reflexion wird, ohne daraus politische oder ethische Konsequenzen abzuleiten. Die Natur ist kein Subjekt, sondern ein Konzept, das es ermöglicht, die Plastizität lebendiger Formen zu denken.
Dieser Ansatz leugnet nicht die Handlungsmacht des Menschen, thematisiert sie aber nicht. Er schlägt keine holistische Vision der Natur vor, sondern einen Analysewinkel: die Metamorphose als Eigenschaft pflanzlicher Körper. Politik ist nicht abwesend, wird aber nicht benannt. Die Natur ist weder ein zu eroberndes Territorium noch ein Beziehungsgeflecht noch ein Fluss, sondern ein Rahmen, um Verwandlung zu denken.
Drei Stellungen, eine Frage
Diese drei Fragmente entwerfen keine Dialektik. Sie widersprechen sich nicht, ergänzen sich nicht, antworten einander nicht. Aristoteles spricht von der Natur als Fundament der politischen Ordnung; Davi Kopenawa beschreibt sie als Werkzeug göttlichen Handelns; Emanuele Coccia macht sie zum Rahmen einer Reflexion über pflanzliche Metamorphose. Keine dieser Positionen lässt sich auf die anderen reduzieren oder in eine Synthese überführen.
Doch gerade ihre Nebeneinanderstellung offenbart etwas Entscheidendes: Die Natur ist niemals ein Gegebenes, sondern stets eine Konstruktion. Bei Aristoteles ist sie der Grund der Polis; bei Davi Kopenawa das Werkzeug Omamas; bei Coccia der Rahmen einer Reflexion über pflanzliche Plastizität. Keiner dieser Ansätze beansprucht, die Frage zu erschöpfen. Keiner bietet eine eindeutige Definition.
Gerade ihre Divergenz ist politisch. Sie zeigt, dass die Natur weder ein Objekt ist, das man beherrschen könnte, noch ein Subjekt, mit dem man dialogisieren könnte, noch ein Fluss, in den man eingetaucht wäre. Sie ist eine Frage – stets offen, stets umstritten. Eine Frage, die verlangt, Politik nicht als Machtverhältnis über die Natur zu denken, sondern als Verhältnis zur Natur, das heißt zu dem, was uns immer entgleitet.
Zitierte Quellen
- Aristote, La Politique, Ausg. 3e éd. revue et corrigée, Paris, 1874 (Gallica/BnF), Übers. Jules Barthélemy-Saint-Hilaire.
- Davi Kopenawa, La Chute du ciel, Ausg. Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits).
- Emanuele Coccia, M tamorphoses, Ausg. .