Den Zusammenbruch ohne Verzweiflung erzählen

Lebbare Erzählungen zwischen Prekarität und Hoffnung weben

Den Zusammenbruch ohne Verzweiflung erzählen
Nicolas Poussin — Der blinde Orion auf der Suche nach der aufgehenden Sonne (1658). Metropolitan Museum of Art, CC0.

Was zusammenbricht, ist nicht nur eine Welt, sondern die Art, wie wir sie erzählen. Die Geschichten, die wir weben, um der Prekarität einen Sinn zu geben, sind kein Schmuck: Sie werden zum Boden, auf dem wir uns zu halten versuchen. Zwei Stimmen, zwei Wege, diesen Boden zu betrachten. Die eine beobachtet, wie sich die Fragmente in der Instabilität zusammenfügen; die andere sucht in diesen Fragmenten die Keime einer noch unsichtbaren Zukunft. Keine beansprucht die Wahrheit für sich, doch jede bietet eine Weise des Sehens.

Die Prekarität als Terrain der Übersetzbarkeit

Anna Tsing spricht nicht vom Zusammenbruch als einem einmaligen Ereignis, sondern als einem Zustand, in dem sich Lebensformen in der Ungewissheit neu formieren. Was dabei entsteht, ist keine harmonische Ganzheit, sondern eine Reihe von Begegnungen, in denen disparate Elemente einander antworten. Die Weste, von der sie spricht, ist kein bloßes Kleidungsstück: Sie ist der Ort, an dem sich ethnische Identität und biologische Art kreuzen, an dem zwei verschiedene Geschichten plötzlich ineinander übersetzbar werden.

Diese Weste übersetzt Ethnizität (Yi) und Art (Pilz), eine Übersetzbarkeit, die es diesen Elementen ermöglicht, in andere fließende Begegnungsgeschichten einzugreifen.

Anna Tsing, Le Champignon de la fin du monde  — Ausg. nach der französischen Übersetzung, trad. viasophia

Übersetzbarkeit ist hier kein intellektueller Vorgang, sondern eine Bedingung des Lebendigen. In einer Welt, in der sich die Bezugspunkte auflösen, zählt nicht die Stabilität der Kategorien, sondern ihre Fähigkeit, in Resonanz zu treten. Die Weste ist kein Symbol, sondern ein aktives Ding: Sie hält zusammen, was sonst getrennt bliebe. Die Prekarität ist nicht nur eine Bedrohung; sie ist auch das, was neue Konfigurationen möglich macht. Diese Konfigurationen sind keine Lösungen, sondern Weisen, trotzdem weiterzuleben.

Tsing bietet keine einheitliche Erzählung. Sie beschreibt Fragmente, die sich zusammenfügen und wieder auflösen, Geschichten, die sich überlagern, ohne zu verschmelzen. Was entsteht, ist keine neue Welt, sondern eine Reihe partieller Welten, bewohnbar unter der Bedingung, von ihnen keine absolute Kohärenz zu verlangen. Resilienz ist keine Tugend, sondern eine Folge dieser Übersetzbarkeit: Sie entsteht aus der Fähigkeit, scheinbar Unzusammenhängendes zusammenzuhalten.

Die Utopie als Riss in der Gegenwart

Ernst Bloch betrachtet den Zusammenbruch als einen Spalt, in den sich die Vorstellungskraft stürzt. Was zusammenbricht, ist nicht nur eine Ordnung, sondern auch die Illusion ihrer Ewigkeit. In diesem Riss ist Hoffnung keine Tröstung, sondern eine treibende Kraft. Es geht nicht darum, auf eine strahlende Zukunft zu warten, sondern sie durch Handeln und Denken herbeizuführen.

  • Romane, in denen das Leben in einem imaginären Staat beschrieben wird, wie in Thomas Mores ‘Utopia’.
Ernst Bloch, The Principle of Hope  — Ausg. nach der englischen Ausgabe" maison langSource="en

Für Bloch ist Utopie keine Flucht, sondern eine Erkundung. Sie beschreibt keine ideale Welt, sondern eine mögliche, eine Welt im Werden. Die Romane, von denen er spricht, sind keine Unterhaltung: Sie sind Laboratorien, in denen andere Lebensweisen erprobt werden. Die Vorstellungskraft ist kein Zufluchtsort, sondern ein Werkzeug, um das Wirkliche zu verändern. Entscheidend ist nicht die Vollkommenheit der beschriebenen Welt, sondern ihre Fähigkeit, Wege zu eröffnen, zu zeigen, dass andere Konfigurationen denkbar sind.

Bloch leugnet die Prekarität nicht, doch er weigert sich, sich in ihr einzuschließen. Hoffnung ist kein naiver Glaube, sondern eine Praxis: die des Suchens nach den Spuren einer im Entstehen begriffenen Zukunft in den Zwischenräumen der Gegenwart. Utopie ist kein Traum, sondern eine aktive Vorwegnahme. Sie verspricht nichts, doch sie ermöglicht kollektives Handeln. Sie sagt nicht „morgen wird es besser“, sondern „hier ist, was wir heute schon bauen können“.

Weben ohne zu schließen

Diese beiden Stimmen widersprechen einander nicht: Sie antworten einander. Tsing beschreibt die Welt, wie sie ist, mit ihren Fragmenten und unwahrscheinlichen Begegnungen. Bloch schlägt vor, diese Fragmente als Material für etwas anderes zu betrachten. Die eine zeigt, wie Prekarität zu einem Terrain der Übersetzbarkeit werden kann; der andere deutet an, dass diese Übersetzbarkeit der Ausgangspunkt einer Verwandlung sein könnte.

Tsing Weste und Blochs Utopie sind keine Lösungen, sondern Vorschläge. Die erste zeigt, dass selbst im Zusammenbruch disparate Elemente einander widerhallen können. Die zweite erinnert daran, dass diese Widerhallen nicht nur Überlebenszeichen sind, sondern auch Keime. Keine von beiden behauptet, Prekarität oder Verzweiflung auszulöschen. Sie schlagen lediglich vor, sie anders zu bewohnen.

Den Zusammenbruch ohne Verzweiflung zu erzählen, heißt nicht, die Schwere dessen zu leugnen, was zusammenbricht. Es bedeutet, anzuerkennen, dass die Geschichten, die uns das Weiterleben ermöglichen, keine Gewissheiten sind, sondern Gewebe. Zerbrechliche, unvollkommene, immer wieder neu zu knüpfende Gewebe. Doch Gewebe, die – wenn man sie aufmerksam betrachtet – zu bewohnbaren Orten werden können.

Zitierte Quellen

  • Anna Tsing, Le Champignon de la fin du monde, Ausg. .
  • Ernst Bloch, The Principle of Hope, Ausg. .