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title: "Das Schweigen als Ethik: die Abwesenheit, die übermittelt"
sousTitre: "Meditation über das abwesende Wort bei Galsan Tschinag"
description: "In *The Blue Sky* zeigt Galsan Tschinag, Schriftsteller und tuwinischer Stammesführer, wie das Schweigen kein Leerraum ist, sondern eine aktive Gegenwart, in der die Abwesenheit von Worten zum Träger eines Wissens wird, das durch das Lauschen auf die Rhythmen der Welt übermittelt wird. Eine Meditation über die Ethik des Schweigens als Widerstands- und Überlieferungsform."
date: 2026-08-03
lang: de
tradition: touva
auteurs: ["Galsan Tschinag"]
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# Das Schweigen als Ethik: die Abwesenheit, die übermittelt

E

## Die Preisgabe als Offenbarung

Nach Galsan Tschinag gibt es Momente, in denen sich die Welt zurückzieht, um sich desto deutlicher vernehmbar zu machen. In *[The Blue Sky](https://viasophia.org/lexique/the-blue-sky/)* entfaltet sich eine Szene um eine verlassene Scheune, die sich in der Steppe unter einem Sommerhimmel erhebt. Der Rauch verweilt, schwer, bevor er sich in der Luft auflöst und einem Schweigen Platz macht, das nichts mit Leere zu tun hat. Dieses Schweigen, so sagt er, ist *nachhallend*: Es trägt die Wärme der Erde in sich, das Echo unsichtbarer Gegenwarten und diese seltsame Fähigkeit, das zum Klingen zu bringen, was nicht mehr da ist. Die einsame Scheune wird zum Zeugen einer Abwesenheit, die spricht. Nicht als Mangel, sondern als eine Fülle im Wartestand.

Galsan Tschinag beobachtet, wie der Erzähler in diesem verlassenen Raum nach Worten sucht, um Kräften zu begegnen, die sich dem Blick entziehen – Wesen, so ungreifbar wie der Wind oder das Licht, deren Gegenwart sich jedoch in den Regungen der Luft erahnen lässt. Diese Worte möchte er scharf wie Steine, fähig, das zu treffen, was sich entzieht. Doch sie kommen nicht. Oder vielmehr: Sie kommen *noch* nicht. Denn das Schweigen ist hier keine Ohnmacht, sondern eine Disziplin. Eine Art, sich auf die Rhythmen der Welt einzulassen, auf jene Gegenwarten, die sich nur denen offenbaren, die zu warten verstehen.

  
    By then the shed has been deserted, and stands out tall and lonely against the steppe amid resounding silence and the warmth of early summer.
  
  Von da an steht die Scheune verlassen und hoch aufgerichtet in der Steppe, im Herzen eines nachhallenden Schweigens und der Sanftheit des Frühsommers.

*[Eine Stimme von innen]* Galsan Tschinag, tuwinischer Schriftsteller, geboren in den 1940er Jahren in der Mongolei, schreibt hier auf Deutsch, einer Sprache, die er nach seinem Studium in Leipzig annahm. *[The Blue Sky](https://viasophia.org/lexique/the-blue-sky/)* verbindet autobiografische Erzählung mit kollektivem Gedächtnis unter einem repressiven kommunistischen Regime. Die französische Übersetzung des Zitats ist eine Hausübersetzung, die die Wortkargheit und sinnliche Dichte des Originals bewahrt.

## Das Lauschen als Widerstand

Das Schweigen ist bei Galsan Tschinag niemals neutral. Es ist erfüllt von dem, was war, von dem, was kommen könnte, und vor allem von dem, was sich der Sprache entzieht. In der folgenden Szene sinkt der Erzähler, erschöpft, in einen schweren Schlaf, als wolle er einer drohenden Gefahr entfliehen. Sein Erwachen ist brutal: Eine lange, bedrohliche Spritze nähert sich ihm. Panik überkommt ihn, und ein Kampf beginnt – nicht gegen einen sichtbaren Feind, sondern gegen die Willkür einer Macht, die sich ohne Worte vollzieht.

Doch gerade in diesem Moment des Schreckens gewinnt das Schweigen eine andere Dimension. Schatten gleiten am Fenster vorbei, Stimmen flüstern, Schritte schleifen. Der Erzähler spitzt die Ohren, versucht zu erahnen, was draußen vor sich geht. Wurde sein Bruder weggebracht? Ist er noch irgendwo versteckt, von Gewalt bedroht? Die Fragen bleiben unbeantwortet, doch das Schweigen wird zum Raum des Widerstands. Indem er schweigt oder der Sprache beraubt wird, klammert sich der Erzähler an das, was sich nicht fassen lässt: die undeutlichen Geräusche, die flüchtigen Gegenwarten, die Rhythmen einer Welt, die trotz Unterdrückung weiterlebt.

Galsan Tschinag zeigt so, wie das Schweigen zur Waffe werden kann. In einem Kontext, in dem das Wort überwacht, kontrolliert oder sogar verboten ist, wird die Abwesenheit von Sprache zum Zufluchtsort. Sie ermöglicht es, das zu bewahren, was nicht ausgesprochen werden kann, das zu übermitteln, was sich nicht aufschreiben lässt. Das Schweigen ist kein Verzicht, sondern eine Art, aufrecht zu bleiben, ein Wissen am Leben zu halten, das sich auf anderen Wegen überträgt – durch das Lauschen, die [Achtsamkeit](https://viasophia.org/lexique/attention/) für Details, für Atemzüge, für die kaum wahrnehmbaren Bewegungen.

## Die Überlieferung durch Abwesenheit

Was in dieser Meditation besticht, ist die Vorstellung, dass Wissen sich nicht nur durch Worte, sondern durch deren Fehlen überträgt. Der Erzähler, der zu verstehen sucht, was mit seinem Bruder geschieht, erhält keine klare Antwort. Doch gerade in dieser scheinbaren Leere wird etwas übermittelt. Die schleifenden Schritte, die gleitenden Schatten, das sich verdichtende Schweigen: All das wird zu einer eigenen Sprache, einer Sprache der unsichtbaren Gegenwarten.

Galsan Tschinag deutet an, dass diese Form der Überlieferung vielleicht mächtiger ist als Worte. Sie verlangt ein aktives Lauschen, eine Offenheit für das, was sich nicht sofort erschließt. Das Schweigen ist hier kein Hindernis, sondern ein Durchgang. Es lädt dazu ein, wahrzunehmen, was gewöhnlich überhört wird: die Rhythmen des Windes, die Veränderungen des Lichts, die Bewegungen der Wesen, die das Unsichtbare bevölkern. Damit berührt es eine Ethik des Lebendigen, in der Erkenntnis nicht durch Beherrschung, sondern durch Hingabe an das, was uns übersteigt, gewonnen wird.

Diese Idee findet Widerhall in einer bestimmten tuwinischen Tradition, in der die Welt als ein Gewebe von Beziehungen zwischen sichtbaren und unsichtbaren Wesen wahrgenommen wird. Das Schweigen ist in dieser Perspektive kein Leerraum, sondern ein Gewebe, in dem sich diese Beziehungen knüpfen. Es ist der Ort, an dem man lernt, das zu hören, was nicht spricht, aber dennoch da ist – gegenwärtig, wirksam.

## Das Schweigen als Gegenwart

Am Ende der Szene findet sich der Erzähler, überwältigt von Angst und Ungewissheit, allein in der sich verdichtenden Dunkelheit wieder. Die Bedrohung scheint überall und nirgends zugleich. Doch gerade in diesem Moment der Verletzlichkeit offenbart das Schweigen seine Kraft. Es ist nicht mehr nur eine Pause zwischen den Worten, sondern eine Gegenwart eigenen Rechts, eine Macht, die umhüllt und schützt.

Galsan Tschinag erinnert uns daran, dass das Schweigen nicht der Feind des Wortes ist, sondern sein Gegenstück. Es ist das, was dem Wort erst seinen vollen Sinn verleiht, indem es ihm einen Raum bietet, in dem es sich entfalten kann. In einer Welt, in der alles gesagt, erklärt, beherrscht werden muss, wird das Schweigen zu einer Form der Weisheit. Es lädt uns ein, in der Ungewissheit zu verweilen, das zu hören, was sich nicht fassen lässt, und anzuerkennen, dass manche Erkenntnisse sich nur durch Abwesenheit übermitteln.

Die Ethik des Schweigens, die Galsan Tschinag vorschlägt, ist damit eine Ethik der [Achtsamkeit](https://viasophia.org/lexique/attention/). Sie lehrt uns, die Welt nicht als ein zu beherrschendes Objekt, sondern als einen Partner wahrzunehmen, dem man lauscht. Die verlassene Scheune in der Steppe, das nachhallende Schweigen des Sommers, die Schatten, die am Fenster vorbeigleiten – all das sind Zeichen einer Gegenwart, die sich nur denen offenbart, die zu schweigen verstehen.

## Quellen

- Galsan Tschinag, *The Blue Sky* — Milkweed Editions, 2010 (orig. allemand, Insel Verlag, 1999), Übers. Katharina Rout (anglais) ; rendu français maison


Kanonische Quelle : https://viasophia.org/de/reenchanter/2026-08-03-silence-comme-ethique-absence-transmet/
