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title: "In einem Quadrat gibt es keine Kraft"
sousTitre: "Als alter Mann in einem Blockhaus mit rechten Winkeln sagte Black Elk, Medizinmann der Oglala-Lakota, zu John Neihardt, warum sein Volk starb: »In einem Quadrat kann keine Kraft sein.« Der heilige Kreis gegen die Kiste."
description: "Black Elk (Heȟáka Sápa), Oglala-Lakota, und der sacred hoop, der heilige Kreis: eine Lebensform, in der ein Volk nur durch einen intakten Reif und ein lebendiges Zentrum besteht – im Gegensatz zur viereckigen Kiste, die trennt und die Kraft erstickt."
date: 2026-06-20
lang: de
tradition: lakota
auteurs: ["Black Elk"]
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# In einem Quadrat gibt es keine Kraft

Zwischen Wounded Knee Creek und Grass Creek, am Ende seines Lebens, bewohnt Black Elk ein kleines graues Haus aus Baumstämmen – und dieses Haus ist viereckig. Er weist John Neihardt, der 1931 seine Erzählung aufzeichnet, darauf hin, als zeige er auf eine Todesursache. Das Haus ist nicht nur hässlich oder traurig: Es ist, wie er sagt, eine schlechte Art zu leben. Und er nennt den Grund mit einem Schlag, ohne ihn wie ein Gleichnis zu erklären – als eine Tatsache darüber, wie Kraft in der Welt fließt.

  
    It is a bad way to live, for there can be no power in a square. […] In the old days when we were a strong and happy people, all our power came to us from the sacred hoop of the nation, and so long as the hoop was unbroken, the people flourished. The flowering tree was the living center of the hoop, and the circle of the four quarters nourished it.
  
  Es ist eine schlechte Art zu leben, denn in einem Quadrat kann keine Kraft sein. […] Früher, als wir noch ein starkes und glückliches Volk waren, kam unsere ganze Kraft vom heiligen Kreis der Nation, und solange der Kreis intakt blieb, gedieh das Volk. Der blühende Baum war das lebendige Zentrum des Kreises, und die Runde der vier Himmelsrichtungen nährte ihn.

Das Wort, das er verwendet, ist *hoop* – der Reif, der Ring. Nicht der Kreis der Geometer, eine auf das Leere gezeichnete Figur, sondern eine bewohnte Form: das im Rund aufgeschlagene Lager, die Tipis wie Nester hingestellt, und in der Mitte ein Baum. Der heilige Kreis ist nicht die Summe der Menschen, die ihn bilden; er ist das, was sie zusammenhält. Eine Gemeinschaft, wie wir sie verstehen, bleibt eine Ansammlung von Individuen, die man zählen, trennen, einzeln verschieben kann. Der Reif aber lässt sich nicht addieren: Er hält als Ganzes oder er bricht. Solange er intakt ist, blüht das Volk; zerbrochen, entweicht die Kraft – nicht weil Mitglieder verloren gingen, sondern weil die Form verloren ging.

*[Eine Stimme von innen]* Black Elk – Heȟáka Sápa (1863–1950), Medizinmann der Oglala-Lakota, Cousin von Crazy Horse, Zeuge von Little Bighorn und Wounded Knee. Er diktiert seine Erzählung auf Lakota; sein Sohn Ben übersetzt, der Dichter John G. Neihardt formt die Worte. *Black Elk Speaks* (1932) ist daher ein Werk zweier Stimmen, und man sagt »Black Elk zufolge, wie Neihardt es aufgezeichnet hat«, nie »die Lakota sagen«. Die kritische Ausgabe weist auf Passagen hin, in denen der Dichter für die Wirkung ausgeschmückt hat; der hier zitierte Kern – der heilige Kreis, der Baum im Zentrum, das kraftlose Quadrat – trägt die Vision Black Elks selbst.

Diese Form hatte er als Kind gesehen. Mit neun Jahren, krank, empfängt er die große Vision, die sein Leben bestimmen wird: Auf den Gipfel des höchsten Berges getragen, umfängt sein Blick den Reif der Welt. Was er dort begreift, geht über das hinaus, was er sieht.

  
    And I saw that the sacred hoop of my people was one of many hoops that made one circle, wide as daylight and as starlight, and in the center grew one mighty flowering tree to shelter all the children of one mother and one father. And I saw that it was holy.
  
  Und ich sah, dass der heilige Kreis meines Volkes einer von vielen Kreisen war, die zusammen einen einzigen Kreis bildeten, weit wie der Tag und wie der gestirnte Nachthimmel, und in der Mitte wuchs ein großer blühender Baum, um alle Kinder einer Mutter und eines Vaters zu beschirmen. Und ich sah, dass dies heilig war.

Der Reif seines Volkes ist nur ein Reif unter vielen, und alle zusammen bilden einen einzigen Kreis. Es wäre ein Fehler, dies vorschnell als Verschmelzung zu lesen. Die Kreise lösen sich nicht ineinander auf: Jeder behält seinen Umriss, sein Zentrum, seine Nation; und gerade indem sie verschieden bleiben, fügen sie sich zum einen Kreis. Die Vision sagt nicht, dass die Völker eins sind; sie sagt, dass sie in einer gemeinsamen Rundung bestehen, ohne aufzuhören, sie selbst zu sein. Was das Zentrum betrifft, so präzisiert Black Elk sogleich dessen Ort: Er nennt den Harney Peak in den Black Hills, den Berg, auf dem er stand – und fügt hinzu: *but anywhere is the center of the world*, doch überall ist die Mitte der Welt. Die Mitte ist keine Hauptstadt, die über anderen steht; sie ist der Ort, an dem man steht, um das Ganze zu sehen. Es gibt sie überall, wo jemand geradeaus blickt.

*[Der Kreis ist nicht der Zyklus]* Manchmal klingt in diesen Worten das Echo eines ewigen Wiederbeginns: Die Jahreszeiten kehren wieder, das Leben eines Menschen führt von der Kindheit zur Kindheit. Doch der Reif Black Elks ist nicht das Rad der Zeit, das sich leer dreht. Ein Zyklus wiederholt sich nur; der heilige Kreis aber hat ein Zentrum – einen lebendigen Baum, der blüht oder verdorrt. Es ist kein Uhrwerk, es ist ein Organismus: Man kann ihn brechen, und dann kehrt nichts mehr wieder.

Denn die Vision hat ein Nachspiel, und es ist kein glückliches. Der alte Mann, der zu Neihardt spricht, hat sein Volk eingepfercht gesehen, das Lager im Rund aufgelöst, die viereckigen Häuser aufgereiht. Das letzte Bild, das er von sich hinterlässt, ist das eines Mannes, der nicht bewahren konnte, was ihm gezeigt worden war.

  
    the nation's hoop is broken and scattered. There is no center any longer, and the sacred tree is dead.
  
  Der Reif der Nation ist zerbrochen und zerstreut. Es gibt kein Zentrum mehr, und der heilige Baum ist tot.

Zerbrochen und zerstreut: Die beiden Wörter sagen ein und dasselbe. Wenn der Kreis bricht, ordnen sich seine Teile nicht neu – sie verstreuen sich, weil sie nur durch ihn zusammengehalten wurden. Und dann »gibt es kein Zentrum mehr«: Nicht dass das Zentrum seinen Ort gewechselt hätte, sondern dass es keine Form mehr gibt, in der ein Zentrum irgendwo sein könnte. Genau das sagt das viereckige Haus. Die Kiste braucht kein Zentrum: Ihre Ecken halten für sich, ihre Räume sind abgeteilt, ihre Dinge stehen nebeneinander, ohne einander etwas zu schulden. Der [heilige Kreis](https://viasophia.org/lexique/sacred-hoop/) und das Quadrat sind keine austauschbaren Kulissen desselben Lebens; es sind zwei gegensätzliche Weisen, eine Welt zusammenzuhalten – die eine durch die Beziehung eines intakten Ganzen zu seinem lebendigen Zentrum, die andere durch die saubere Trennung der Teile. Black Elk sagt nicht, dass das Runde schöner sei als der Winkel. Er sagt, dass es in einem Quadrat keine Kraft gibt, und er sagt es von innen aus einem heraus.

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- [Là où cela eut lieu](https://viasophia.org/reenchanter/2026-06-13-geographie-sacree-deloria/)
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## Quellen

- Black Elk, *Black Elk Speaks* — University of Nebraska Press, éd. annotée 2014 (1ʳᵉ éd. William Morrow, 1932), Übers. paroles de Black Elk mises en mots par John G. Neihardt ; rendu français maison


Kanonische Quelle : https://viasophia.org/de/reenchanter/2026-06-20-le-cercle-et-le-carre/
