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title: "Ein Himmel, der altern kann"
sousTitre: "Im Hohen Altai, wie der tuwinische Schriftsteller Galsan Tschinag ihn schildert, ist der Himmel kein Außen: Man wendet sich an ihn wie an einen Vater, bittet ihn, klagt ihn an – und ein gebeugter Greis kann ihm vorwerfen, so alt geworden zu sein, dass er nicht mehr hört."
description: "Galsan Tschinag, tuwinischer Schriftsteller, erzählt von einem Himmel, den man wie einen Nahestehenden anspricht: dem Blauen Himmel, den man anruft, dem man Vorwürfe macht und der altern kann, bis er taub wird. Das genaue Gegenteil eines leeren Himmels."
date: 2026-06-16
lang: de
tradition: touva
auteurs: ["Galsan Tschinag"]
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# Ein Himmel, der altern kann

Zwei vom Unglück gezeichnete Wesen, irgendwo im Hohen Altai: ein Mann, den der Schmerz wachhält, und die Frau, die bei ihm wacht. Er klagt, fragt, warum ihm so viel Leid widerfahre. Sie bietet ihm keinen Trost; sie zeigt ihm, an wen er sich wenden soll. Es ist der tuwinische Schriftsteller Galsan Tschinag – einst Hirte, heute Romancier deutscher Sprache –, der die Szene schildert, aus der nomadischen Welt seiner Kindheit.

  
    “Don’t ask me. Ask the Blue Sky.”
    “The Blue Sky no longer listens. He must have gone deaf from old age.”
  
  « Frag nicht mich. Frag den Blauen Himmel. »
  « Der Blaue Himmel hört nicht mehr. Er muss wohl taub geworden sein, vom vielen Altern. »

Halten wir inne bei dem, was diese Antwort voraussetzt. Man *kann* den Himmel fragen: Er gehört zu denen, mit denen man spricht, ein Gegenüber, kein Hintergrund. Er *hört* – oder hört nicht mehr. Vor allem aber: Er kann *altern*, ermüden, taub werden wie ein Großvater am Feuer. Das ist keine dichterische Metapher; es ist die gewöhnliche Grammatik einer Welt, in der der [Blaue Himmel](https://viasophia.org/lexique/the-blue-sky/) ein Nahestehender ist, eingebunden in dieselbe Verwandtschaft wie die Lebenden, und nicht eine Luftkuppel über ihnen.

Die Stellung dieses Himmels misst sich daran, wie man ihn anruft. Wenn der junge Held bei Tschinag den rituellen Gesang anstimmt, den er »hundertmal« gesungen hat, dann »calls upon Father Sky and Mother Earth« – er ruft den Himmel-Vater und die Erde-Mutter an. Himmel und Erde werden hier wie Vater und Mutter genannt: nicht zwei Mächte, sondern zwei Eltern, an die man sich wendet, denen man dankt, die man anfleht. Man betet keine Atmosphäre an. Man betet jemanden an.

*[Eine Stimme von innen]* Galsan Tschinag (geb. um 1943) ist Tuwiner: Hirte, Stammesführer und Schamane des mongolischen Altai. Er schreibt auf Deutsch – einer geliehenen Sprache – von der Welt, in der er aufwuchs, und ihrem Verschwinden unter der Kollektivierung. »Nach Tschinag«, nie »die Tuwiner denken«. Die Kette ist lang und wird kenntlich gemacht: sein Deutsch, Katharina Rout’s Englisch, meine deutsche Übertragung. Die Worte des schamanischen Gesangs selbst aber gibt er nicht preis – er sagt nur, dass er ihn singt: das verschlossene Wissen bleibt verschlossen.

Dass dieser Himmel ein Nahestehender ist, beweist der Aufstand noch deutlicher als das Gebet. Nach einem »schlechten Jahr« hat sich das Kind gegen ihn erhoben.

  
    It ended with me rising up against the sky and flinging at him my best weapons—my words. I denounced him. Instead of replying, Father Sky stayed as unreachable and invulnerable as ever.
  
  Es endete damit, dass ich mich gegen den Himmel auflehnte und ihm meine besten Waffen entgegenschleuderte – meine Worte. Ich warf ihm etwas vor. Als Antwort blieb der Himmel-Vater so unerreichbar und unverwundbar wie immer.

Man wirft einem Nichts keine Vorwürfe. Man zürnt nur jemandem. Dass das Kind den Himmel *anklagt*, dass es ihm seine Worte wie Waffen entgegenschleudert, zeigt genug: Es hält ihn für ein Gegenüber, das antworten, schweigen, Vorwürfe verdienen kann. Und gerade das Schweigen danach – der Himmel, der »unerreichbar und unverwundbar« bleibt – öffnet mitten in der Beziehung die moderne Frage: »Was war der Himmel eigentlich? Ich musste es wissen.« Der Zweifel, der aus unserem Himmel ein Objekt macht, beginnt nicht dort, wo wir aufhören, nach oben zu blicken, sondern wo das Oben aufhört zu antworten.

*[Der Himmel-Vater ≠ der transzendente Gott]* Man wäre schnell bei »Gott« – und läge falsch. Der Gott der Monotheismen ist definitionsgemäß ewig, unveränderlich, ohne Alter, über die Verwandtschaft der Geschöpfe erhaben, und man schuldet ihm Unterwerfung. Der Himmel-Vater des Altai aber altert, ermüdet, kann taub werden; man duzt ihn, ist ihm gram, hält ihn für einen Älteren, nicht für einen Herrscher. Ihn mit Gott gleichzusetzen, hieße gerade das zu tilgen, was ihn ausmacht: einen Himmel, der *in* das Gewebe der Nahestehenden verwoben ist, nicht über ihm.

Alles trennt diesen Blauen Himmel von dem, zu dem wir aufblicken. Unserer ist eine Hülle: Luft, Druck, gestreutes Licht, messbares Blau. Wir sprechen nicht mit ihm; er kann weder hören noch schweigen, denn er war nie ein *Du*. Er könnte nicht taub werden vom Alter – dazu müsste er erst einmal gehört haben. Zwei Himmel unter einem Wort: der eine, den man anfleht und anklagt, der andere, der nur über uns liegt.

Bleibt die Frage, die der Greis aus dem Altai uns stellt, ohne es zu wollen – uns, die wir nichts mehr von oben erwarten. Wenn wir aufblicken, was begegnet uns dann: eine Luftdecke – oder jemand, der vielleicht so alt geworden ist, dass er uns nicht mehr hört?

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## Quellen

- Galsan Tschinag, *The Gray Earth (Die graue Erde)* — Milkweed Editions, 2010 (orig. allemand, Insel Verlag, 1999), Übers. Katharina Rout (anglais) ; rendu français maison


Kanonische Quelle : https://viasophia.org/de/reenchanter/2026-06-16-un-ciel-qui-peut-vieillir/
