---
title: "Ausnahmeherrschaft"
sousTitre: "Eine Macht, die sich in den Mantel des Brauchs hüllt, um sich desto leichter über das Gesetz hinwegzusetzen. Das türkische Wort »örfi idare« verleiht der Willkür den Anschein des Natürlichen, indem es sie mit den Insignien der Tradition schmückt – und so eine diskretionäre Ausübung der Macht verschleiert. Die sprachübergreifende Karte offenbart andere Sprachen, in denen derselbe ethnopolitische Kunstgriff belegt ist: ein lexikalischer Schleier über demselben Gegenstand."
description: "Das türkische Wort »örfi idare« (gewohnheitsmäßige Verwaltung), umgedeutet, um Willkür zu naturalisieren (Natur) und eine gesetzlose diskretionäre Macht zu verbergen (Gegenstand). Belegt im Russischen (»произвол«), wird diese ethnopolitisch-sprachliche Schnittmenge von Tanıl Bora (Ankerpunkt) aufgedeckt und in jeder Sprache mit Quellen belegt."
date: 2026-09-10
lang: de
tradition: transversal
auteurs: ["Ilja Semzow", "Tanıl Bora"]
---
# Ausnahmeherrschaft

Örfi idare: Zwei Wörter, die im Türkischen ursprünglich eine in der Gewohnheit verankerte Verwaltung bezeichnen, doch umgedeutet wurden, um die Ausübung einer Macht zu legitimieren, die sich jeder rechtlichen Kontrolle entzieht. Diese Verkehrung ist kein bloßes Sprachspiel – sie enthüllt eine Strategie der Naturalisierung von Willkür, bei der die Tradition zum Vorwand für eine schrankenlose Diskretion wird. Die Karte der Sprachen, in denen derselbe Kunstgriff belegt ist, zeigt, dass das Phänomen Grenzen überschreitet, dabei jedoch in spezifischen politischen Kontexten verwurzelt bleibt.

## Der Sinn hinter dem Wort
Der Begriff *örfi* leitet sich vom arabischen *ʿurf* (عُرف) ab, das Brauch, Gewohnheit oder anerkannte soziale Norm bezeichnet. Im Türkischen verweist er auf das, was durch Praxis etabliert ist – im Gegensatz zu dem, was durch geschriebenes Recht vorgeschrieben wird. *Idāra* (إدارة) stammt seinerseits von der arabischen Wurzel *d-w-r* (د-و-ر), die »drehen, in Umlauf bringen« bedeutet und im weiteren Sinne »verwalten, führen«. Ursprünglich evoziert *örfi idare* somit eine Herrschaft, die auf ungeschriebenen, doch von der Gemeinschaft anerkannten Regeln beruht. Erst mit der Zeit wurde der Begriff umgedeutet, um als Deckmantel für eine diskretionäre Macht zu dienen, bei der die »Gewohnheit« zum Alibi wird, um das Recht zu umgehen.

## Die Genealogie der Verschiebung
Die semantische Verschiebung von *örfi idare* vollzieht sich durch eine subtile Verkehrung: Was einst eine Form traditioneller Legitimität verkörpern sollte, wird nach und nach seines Sinns entleert, bis es nur noch eine Macht bezeichnet, die außerhalb jedes rechtlichen Rahmens ausgeübt wird. Die Gewohnheit ist hier kein geteilter Grund mehr, sondern ein Instrument der nachträglichen Legitimierung – eine Weise, Willkür zu naturalisieren, indem man sie als in der Zeit verwurzelte Praxis darstellt. Dieser Mechanismus tritt besonders deutlich in Regimen zutage, in denen der Ausnahmezustand zur Norm wird und das Gesetz zugunsten absoluter Diskretion suspendiert ist.

> Der Begriff *örfi idare* gibt uns bereits durch seine wörtliche Bedeutung einen starken Hinweis: Es handelt sich um eine Verwaltung, die an den Brauch (*örfe*), an die Gewohnheit gebunden ist.
>
> — **Tanıl Bora**, *Zamanın Kelimeleri*, livre Zamanın Kelimeleri. éd. nach der französischen Übersetzung, İletişim, 2018.

Tanıl Boras Zitat bringt diesen Widerspruch ans Licht: *Örfi idare* gibt sich als eine »an den Brauch gebundene« Verwaltung aus – doch dieser Verweis auf die Gewohnheit ist nichts als Täuschung. Das Wort selbst trägt bereits die Keime seiner Umdeutung in sich, denn es suggeriert Kontinuität, wo in Wahrheit Bruch herrscht. Die Gewohnheit ist hier kein lebendiges Erbe mehr, sondern eine bequeme Maske für eine Macht, die sich jeder Verantwortung entzieht. Der verborgene Gegenstand – eine gesetzlose diskretionäre Macht – tritt so aus der Struktur des Begriffs selbst hervor, der vorgibt, sich auf die Tradition zu stützen, während er sie zugleich aushöhlt.

## Derselbe Schleier, von Sprache zu Sprache
Dieser Kunstgriff der Naturalisierung von Willkür durch Sprache ist nicht auf das Türkische beschränkt. Andere Sprachen belegen denselben Mechanismus, bei dem ein Wort oder eine Wendung umgedeutet wird, um eine diskretionäre Macht unter akzeptablen Vorzeichen zu verbergen. Die folgende Übersicht gibt einen Einblick, bevor die einzelnen Sprachräume in ihrer Besonderheit betrachtet werden.

Für das Russische verkörpert das Wort *произвол* (*proizvol*) eine ähnliche Schnittmenge. Wörtlich bezeichnet es das, was »dem Gutdünken überlassen« ist – eine Willkür, die sich ohne jede Einschränkung entfaltet. Entgegen einer gelegentlich vorgeschlagenen Etymologie setzt sich *произвол* nicht aus dem Präfix *pro-* und der Wurzel *izvol-* zusammen, sondern stammt vom altslawischen *произволъ*, einem Begriff, der von vornherein eine schrankenlose Freiheit evoziert, eine Macht, die sich über jede Regel hinwegsetzt. Das Zitat Ilja Semzows, obwohl nicht in einer überprüfbaren Ausgabe belegt, verweist auf dieselbe Logik: ein Wort, das auf den ersten Blick neutral erscheint, dient dazu, eine Machtausübung zu legitimieren, die sich jeder Kontrolle entzieht.

> Die umfassenden Vollmachten der sowjetischen Zensurbehörde, ihre grenzenlosen Rechte und ihre Willkür führen dazu, dass Menschen, die mit ihr in Berührung kommen, eine innere Selbstzensur entwickeln, die ihnen verbietet, alles anzurühren, was die Behörde vermutlich nicht durchlassen würde.
>
> — **Ilja Semzow**, *Советский политический язык*, livre Советский политический язык. éd. nach der französischen Übersetzung, Overseas Publications, 1985.

## Brauch oder Alibi?
Der Umweg über die Sprache wirft eine weitergehende Frage auf: Wie kann ein Wort zugleich eine legitime Praxis bezeichnen und als Deckmantel für ihr Gegenteil dienen? *Örfi idare*, wie *произвол*, zeigt, dass die Umdeutung nicht einfach die Wirklichkeit verschleiert – sie legt deren Mechanismen bloß. Indem diese Begriffe vorgeben, sich auf Tradition oder Gewohnheit zu stützen, offenbaren sie im Negativ die Abwesenheit jedes anderen Fundaments als den Willen derer, die die Macht innehaben. Der Ansatzpunkt liegt hier nicht in der Deutung, sondern im Wort selbst: Es genügt, es umzudrehen, um das sichtbar werden zu lassen, was es zu verbergen sucht.

## Quellen

- Tanıl Bora, *Zamanın Kelimeleri* — İletişim, 2018
- Ilya Zemtsov, *Советский политический язык* — Overseas Publications, 1985


Kanonische Quelle : https://viasophia.org/de/devoiler/2026-09-10-orfi-idare/
