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title: "Bewusstsein – Gerücht oder Täuschung?"
sousTitre: "Zwischen Animismus und Extraktivismus: Zwei Stimmen für ein und dasselbe Zuhören"
description: "Entsteht Bewusstsein als geteilte Eigenschaft der Welt – oder ist es nichts weiter als eine anthropozentrische Illusion, die die Herrschaft über die Natur rechtfertigt? David Abram und Eduardo Gudynas zeichnen zwei Wege, die sich nicht kreuzen, aber dazu einladen, den Platz des Menschen im Lebendigen zu hinterfragen. Eine Meditation über die Grenzen der Sprache und die notwendigen Übergänge."
date: 2026-10-21
lang: de
tradition: transversal
auteurs: ["David Abram", "Eduardo Gudynas"]
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# Bewusstsein – Gerücht oder Täuschung?

Steht das Bewusstsein an der Schwelle der Welt – oder ist es nur ein Widerschein unseres eigenen Blicks? Zwei Stimmen, zwei Erzählungen. Die eine erkennt in der Wahrnehmung eine grundlegende Wechselseitigkeit, die andere eine gefährliche Konstruktion. Zuerst unterscheiden, um vielleicht später zu hören, was in ihrem Abstand selbst wie eine Frage widerhallt.

## Das Gerücht der Welt

> Während die Wechselseitigkeit der Wahrnehmung die deutlichere Gegenseitigkeit von Sprache und Rede hervorbringt, bleibt die Wahrnehmung stets anfällig für den entscheidenden Einfluss der Sprache – wie eine Mutter, die besonders empfindlich auf die Handlungen ihres Kindes reagiert.
>
> — **David Abram**, *The Spell of the Sensuous*. éd. nach der französischen Übersetzung.

Hier ist Bewusstsein keine isolierte Eigenschaft, sondern eine sich entfaltende Qualität des Austauschs. Wahrnehmen heißt bereits antworten. Die Welt ist kein stummes Bühnenbild: Sie entfaltet sich im Akt des Begegnens. Die Sprache, aus dieser Wechselseitigkeit geboren, wird zugleich zu ihrer Verlängerung und ihrem Risiko. Wie eine Mutter, die auf die Gesten ihres Kindes achtet, bleibt die Wahrnehmung verletzlich durch das, was sie selbst hervorbringt. Das Wort kann verhüllen ebenso wie es enthüllt, doch es zerreißt nie ganz das ursprüngliche Band.

Diese Sichtweise schlägt ein Zuhören vor, in dem Lebendiges und Unbelebtes an ein und demselben sinnlichen Gewebe teilhaben. Steine, Flüsse, Winde sind keine Objekte, sondern Wesenheiten, die uns auf ihre Weise antworten. Bewusstsein ist keine exklusive Eigenschaft mehr, sondern ein geteiltes Gerücht, eine Schwingung, die durch die Formen geht. Die Gefahr? Dass die Sprache, indem sie erstarrt, ihren Ursprung vergisst und sich für die alleinige Hüterin des Sinns hält.

## Die extraktivistische Täuschung

> Einerseits begnügen sich die Übergänge nicht mit instrumentellen oder reformistischen Maßnahmen; andererseits postulieren sie keinen abrupten Wandel in kurzer Zeit.
>
> — **Eduardo Gudynas**, *Extractivismos*. éd. nach der französischen Übersetzung" maison langSource="es.

Hier ist Bewusstsein keine sich entfaltende Eigenschaft, sondern eine bequeme Fiktion. Sie dient dazu, ein Herrschaftsverhältnis zu rechtfertigen: Wenn die Natur mit Absicht begabt ist, dann darf der Mensch sich für ihren legitimen Hüter oder Räuber halten. Der Extraktivismus ist in dieser Lesart nicht nur eine wirtschaftliche Praxis, sondern eine metaphysische Haltung. Er beruht auf der Vorstellung, die Welt sei eine Ressource und das menschliche Bewusstsein ihr einziger Deuter.

Die Übergänge, von denen Gudynas spricht, sind weder technische Anpassungen noch plötzliche Revolutionen. Sie verlangen, den Platz des Menschen neu zu denken, ohne in die Falle einer neuen Sakralisierung zu tappen. Bewusstsein, so es denn existiert, ist keine geteilte Qualität, sondern eine Konstruktion, die der Naturalisierung von Ausbeutung diente. Die Herausforderung? Aus dieser Logik auszusteigen, ohne dieselben Muster der Herrschaft zu wiederholen – selbst in vergeistigter Form.

## Der Abstand als Frage

Diese beiden Stimmen treffen nicht aufeinander. Die eine sieht im Bewusstsein eine diffuse Qualität, die andere eine zu dekonstruierende Illusion. Doch ihre Spannung selbst lädt zu einem feineren Zuhören ein.

Abram deutet an, dass die Sprache, mag sie die Wahrnehmung auch verraten, deren Verlängerung bleibt. Gudynas erinnert daran, dass jeder Übergang Extreme meiden muss: weder oberflächlicher Reformismus noch brutaler Bruch. Dazwischen dieselbe Wachsamkeit: diejenige, die fragt, was wir in die Welt hineinprojizieren – und was die Welt uns zurückgibt.

Ist Bewusstsein ein Gerücht, so ist es keine gesicherte Wahrheit. Ist es eine Täuschung, so bleibt es dennoch nicht ohne Wirkung. Vielleicht besteht die Weisheit darin, diesen Abstand auszuhalten, ohne ihn vorschnell zu schließen. Darin, zu hören, was die Welt uns zuflüstert – ohne vorauszusetzen, was sie ist.

## Quellen

- David Abram, *The Spell of the Sensuous* — 
- Eduardo Gudynas, *Extractivismos* — 


Kanonische Quelle : https://viasophia.org/de/articles/2026-10-21-conscience-rumeur-illusion/
