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title: "Städtisches Zusammenleben mit dem Nicht-Menschlichen: Diplomatie oder Symbiose?"
sousTitre: "Zwei Stimmen für ein gemeinsames Territorium"
description: "Zwischen dem aufmerksamen Hören auf die stummen Sprachen der Bäume und dem Verschwimmen der Grenzen in Erzählungen multispezifischer Verwandtschaft bieten Morizot und Haraway zwei Ansätze des städtischen Zusammenlebens. Der eine unterscheidet, um besser zu verhandeln, die andere verschmilzt, ohne zu trennen. Ihre Spannung lädt dazu ein, den geteilten Raum zu denken, ohne die Andersartigkeit zu reduzieren oder die Bindungen aufzulösen."
date: 2026-10-12
lang: de
tradition: transversal
auteurs: ["Baptiste Morizot", "Donna Haraway"]
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# Städtisches Zusammenleben mit dem Nicht-Menschlichen: Diplomatie oder Symbiose?

Die Stadt ist ein Ort, an dem sich Menschliches und Nicht-Menschliches kreuzen, ohne sich immer zu begegnen. Bäume säumen die Straßen, Gräser durchbrechen den Asphalt, Vögel nisten in den Ritzen der Gebäude. Wie bewohnt man diese Räume, ohne aufzuzwingen oder sich selbst auszulöschen? Zwei Vorschläge treten hervor, unterschiedlich in ihrem Ansatz, doch beide auf dieselbe Frage gerichtet: die der Beziehung.

## Die Diplomatie der stummen Sprachen

Baptiste Morizot schlägt einen Weg vor, auf dem das Zusammenleben durch Verhandlung gelingt. Es geht darum, zuzuhören, was nicht unsere Sprache spricht – und doch Sprache ist. Bäume etwa kommunizieren anders: durch ihre Wurzeln, ihre Blätter, ihre Reaktionen auf die Jahreszeiten. Ihr Schweigen ist kein Mangel an Sinn, sondern eine andere Form des Ausdrucks.

> ÖKOLOGIE UND BIODIVERSITÄT Vom rechten Umgang mit Bäumen, Francis Hallé, 2011. Plädoyer für die Kräuterheilkunde, Thierry Thévenin, 2013.
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> — **Baptiste Morizot**, *Raviver les braises du vivant*. éd. nach der französischen Übersetzung von Francis Hallé, Actes Sud, 2011, und Thierry Thévenin, Éditions de la Martinière, 2013.

Diese Verweise sind nicht zufällig. Sie benennen Wissensformen, die die Existenzweisen des Nicht-Menschlichen ernst nehmen. *Vom rechten Umgang mit Bäumen* deutet an, dass Bäume eine Form von Intelligenz besitzen, eine Art, in der Welt zu sein, die verstanden werden will. *Plädoyer für die Kräuterheilkunde* erinnert daran, dass Pflanzen keine bloßen Ressourcen sind, sondern Partner, mit denen der Mensch koevolutionär verbunden ist. Die Diplomatie besteht hier darin, diese Andersartigkeiten anzuerkennen, ohne sie in unsere Kategorien zu pressen. Sie verlangt, zu unterscheiden, bevor man ins Gespräch kommt: Ein Baum ist kein Mensch, ein Gras kein Werkzeug. Ihre Anwesenheit in der Stadt ist kein Dekor, sondern eine Einladung, unsere Art zu wohnen anzupassen.

Dieser Ansatz strebt keine Verschmelzung an, sondern Verhandlung. Er geht davon aus, dass jede Art ihre eigenen Interessen, ihre eigenen Rhythmen hat – und dass das städtische Zusammenleben dies berücksichtigen muss. Er leugnet Konflikte nicht, sondern betrachtet sie als Gelegenheiten, Kompromisse zu finden. Ein Baum, der in einem Riss im Gehweg wächst, ist kein Hindernis, das beseitigt werden muss, sondern ein Gesprächspartner, dessen Beharrlichkeit unsere eigene Beherrschung des Raums hinterfragt.

## Die Symbiogenese ungleicher Verwandtschaften

Donna Haraway schlägt einen anderen Weg vor, auf dem das Zusammenleben nicht durch Verhandlung, sondern durch wechselseitige Verwandlung gelingt. Für sie sind die Grenzen zwischen Arten keine festen Linien, sondern Kontaktzonen, in denen sich neue Lebensformen herausbilden. Die Stadt ist kein Raum, in dem Menschliches und Nicht-Menschliches nebeneinander existieren, ohne sich zu berühren, sondern ein Ort, an dem ihre Existenzen sich verflechten.

> DEN MACHER:INNEN UNGLEICHER VERWANDTSCHAFTEN EINLEITUNG
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> — **Donna Haraway**, *Vivre avec le trouble*. éd. nach der französischen Übersetzung von Vivre avec le trouble, Éditions des Mondes à faire, 2020.

Die *ungleichen Verwandtschaften* bezeichnen diese Bindungen, die außerhalb traditioneller Kategorien entstehen. Eine Verwandtschaft ist nicht nur biologisch, sondern auch erzählerisch, affektiv, praktisch. Sie kann einen Menschen mit einem Baum verbinden, eine Stadt mit ihren Tauben, einen Garten mit seinen Insekten. Diese Beziehungen sind nicht symmetrisch, aber sie sind real: Sie verändern diejenigen, die an ihnen teilhaben.

Haraway strebt nicht danach, zu unterscheiden, um besser zu verhandeln, sondern erkennt an, dass die Grenzen zwischen Arten durchlässig sind. Ein Baum in der Stadt ist kein isoliertes Gegenüber, sondern Akteur in einem größeren Netzwerk, in dem Menschen, Pflanzen, Tiere und Mikroben sich gegenseitig beeinflussen. Die Symbiogenese – jener Prozess, bei dem unterschiedliche Organismen verschmelzen, um neue zu bilden – ist keine Metapher, sondern eine biologische und kulturelle Realität. Städte sind Laboratorien dieser Hybridisierungen.

Dieser Ansatz leugnet die Unterschiede nicht, doch er verortet sie in einem Kontinuum. Ein Mensch, der einen Baum pflanzt, verhandelt nicht nur mit ihm: Er nimmt an einer gemeinsamen Geschichte teil, in der beide sich verändern. Das Zusammenleben ist kein Vertrag, sondern ein Tanz, dessen Schritte man beim Gehen lernt.

## Der gemeinsame Gipfel: der geteilte Raum

Die beiden Vorschläge scheinen gegensätzlich. Der eine betont die Unterscheidung, die andere die Verschmelzung. Doch sie treffen sich in einem wesentlichen Punkt: Die Stadt ist kein menschliches Territorium, sondern ein geteilter Raum. Ob man nun die stummen Sprachen hört oder ungleiche Verwandtschaften knüpft – die Herausforderung bleibt dieselbe: zu wohnen, ohne zu beherrschen.

Morizot schlägt vor, mit dem zu verhandeln, was sich unseren Kategorien widersetzt. Haraway regt an, sich von dem verändern zu lassen, was uns umgibt. In beiden Fällen geht es darum, die Illusion totaler Kontrolle aufzugeben. Ein Baum in der Stadt ist kein Objekt, das verwaltet werden muss, sondern ein Partner, mit dem man sich arrangiert. Ein Gras, das zwischen den Pflastersteinen wächst, ist keine Störung, sondern eine Präsenz, die unser Verhältnis zum Boden hinterfragt.

Diplomatie und Symbiose sind keine Lösungen, sondern Weisen, die Frage zu stellen. Wie lebt man mit dem, was nicht man selbst ist, ohne es zu reduzieren oder sich darin aufzulösen? Vielleicht liegt die Antwort nicht in der Wahl zwischen beiden, sondern in ihrer Spannung selbst. Zu unterscheiden, um besser zuzuhören, zu verschmelzen, ohne auszulöschen: Das städtische Zusammenleben verlangt beides.

*[Note]* **Anmerkung**: Die von Morizot zitierten Werke (*Vom rechten Umgang mit Bäumen*, *Plädoyer für die Kräuterheilkunde*) unterstreichen Wissensformen, die die Existenzweisen des Nicht-Menschlichen ernst nehmen. Sie sind keine Illustrationen, sondern Grundlagen.

## Quellen

- Baptiste Morizot, *Raviver les braises du vivant* — 
- Donna Haraway, *Vivre avec le trouble* — 


Kanonische Quelle : https://viasophia.org/de/articles/2026-10-12-cohabitation-urbaine-avec-non-humain/
