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title: "Megaprojekte: Zwei Stimmen über Erde und Metall"
sousTitre: "Technische Modernisierung und xamanistische Entweihung"
description: "Zwischen Bruno Latours Vortrag über das Ende der Zeiten und Davi Kopenawas Worten über Ohamas Metall: Zwei Perspektiven darauf, was Megaprojekte bewirken – die Verwandlung der Erde in ein Objekt der Beherrschung oder den Bruch mit den Geistern, die sie bewohnen. Ohne Urteil, ohne vorschnelle Synthese laden diese beiden Fragmente dazu ein, zu unterscheiden, bevor man nach einem gemeinsamen Boden sucht."
date: 2026-09-28
lang: de
tradition: transversal
auteurs: ["Bruno Latour", "Davi Kopenawa"]
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# Megaprojekte: Zwei Stimmen über Erde und Metall

Megaprojekte sind nicht bloß Bauwerke. Sie sind Operationen, die ein bestimmtes Verhältnis zur Erde ins Spiel bringen. Zwei Stimmen, zwei Weisen, das zu benennen, was geschieht, wenn technische Vorrichtungen den Boden, die Flüsse, die Wälder verändern. Die eine spricht von Modernisierung, die andere von Entweihung. Keine von beiden nennt Megaprojekte direkt, doch jede beleuchtet einen Aspekt: die Erde als Objekt der Beherrschung oder als Raum, in dem Geister walten.

## Die Erde als Frage des Endes der Zeiten

Bruno Latour fragt in seinem sechsten Vortrag, was es bedeutet, *das Ende der Zeiten nicht zu Ende zu bringen*. Er beschreibt keine Megaprojekte, doch er skizziert ihren Rahmen. Die Modernisierung, wie er sie analysiert, ist ein Prozess, der die Erde in ein Objekt technischer Sorge verwandelt. Sie ist kein Hintergrund mehr, kein Ressourcenreservoir, sondern ein Ort, an dem sich etwas Entscheidendes vollzieht: das Überleben eines bestimmten Weltverhältnisses.

> 6. Vortrag – Wie (man das) Ende der Zeiten (nicht) beendet
>
> — **Bruno Latour**, *Face Ga a*. éd. nach der französischen Fassung.

Dieser Vortrag handelt nicht von Staudämmen, Minen oder Straßen. Er handelt davon, wie die Moderne an ihre eigene Grenze stößt. Die Megaprojekte, ohne benannt zu werden, erscheinen als Vorrichtungen, die diese Konfrontation verlängern. Sie sind keine Lösungen, sondern Symptome: Versuche, eine Erde zu beherrschen, die sich der Herrschaft widersetzt. Latour sagt nicht, die Erde verschwinde. Er sagt, die Frage ihres Verschwindens sei zentral geworden. Sie ist kein Hintergrund mehr, sondern ein Akteur.

## Ohamas Metall und die Erde, die sich auflöst

Davi Kopenawa spricht von einem anderen Verschwinden. In *Der Sturz des Himmels* beschreibt er keine Baustellen, sondern eine Kosmologie, in der das Metall mit Ohama verbunden ist, einer Figur, die das Gleichgewicht der Welt aufrechterhält. Ohne dieses Metall hält die Erde nicht mehr stand. Sie ist kein auszubeutendes Objekt, sondern ein von Geistern bewohnter Raum. Die Megaprojekte, ohne als solche bezeichnet zu werden, erscheinen als Operationen, die dieses Gleichgewicht brechen.

> In unserer Welt, der der Geister, sprechen wir von Ohamas Metall, denn ohne es würde die Erde verschwinden – und mit ihr ihre Bewohner.
>
> — **Davi Kopenawa**, *La Chute du ciel*, livre La Chute du ciel. éd. nach der französischen Übersetzung von Bruce Albert, Plon, coll. Terre humaine, 2010.

Kopenawa sagt nicht, das Metall sei heilig. Er sagt, ohne es würde die Erde verschwinden. Nicht als Landschaft, sondern als eine Welt, in der Menschen und Geister zusammenleben. Der Abbau ist keine neutrale Operation. Er bedeutet einen Bruch mit dem, was die Erde zusammenhält. Die Megaprojekte, ohne benannt zu werden, sind Gesten, die dieses Metall entreißen – und mit ihm eine bestimmte Weise, die Welt zu bewohnen.

## Zwei Weisen, die Erde zu denken

Latour und Kopenawa sprechen nicht über dasselbe. Der eine analysiert einen Modernisierungsprozess, der die Erde in eine technische Frage verwandelt. Der andere beschreibt eine Kosmologie, in der die Erde ein lebendiger Raum ist, in dem das Metall sie im Gleichgewicht hält. Die Megaprojekte, ohne im Mittelpunkt ihrer Aussagen zu stehen, erscheinen als Operationen, die diese beiden Sichtweisen berühren.

Für Latour sind sie Vorrichtungen, die eine bestimmte Idee der Moderne verlängern. Für Kopenawa sind sie Gesten, die den Kontakt zu den Geistern abbrechen. In beiden Fällen ist die Erde kein bloßes Objekt. Sie ist das, worum es geht.

Keiner von beiden schlägt eine Lösung vor. Latour sagt nicht, wie man das *Ende der Zeiten beendet*. Kopenawa sagt nicht, wie man Ohamas Metall bewahrt. Sie laden lediglich dazu ein, zu betrachten, was geschieht, wenn Megaprojekte die Erde verändern: eine technische Beherrschung oder einen Bruch mit den Geistern.

## Was bleibt

Die beiden Stimmen laufen nicht zusammen. Sie widersprechen sich auch nicht. Sie beschreiben zwei Weisen, das zu denken, was Megaprojekte bewirken. Latour spricht von einer Erde, die zur Überlebensfrage der Moderne wird. Kopenawa spricht von einer Erde, die verschwindet, wenn man ihr nimmt, was sie zusammenhält.

Megaprojekte sind nicht das Hauptthema dieser Texte. Doch sie veranschaulichen sie. Sie zeigen, dass die Erde niemals bloße Kulisse ist. Sie ist das, was verändert – oder gebrochen wird. Ohne Urteil, ohne Schlussfolgerung laden diese beiden Fragmente dazu ein, zu unterscheiden, bevor man nach einem gemeinsamen Boden sucht.

## Quellen

- Bruno Latour, *Face Ga a* — 
- Davi Kopenawa, *La Chute du ciel* — Plon, coll. Terre humaine, 2010, Übers. Bruce Albert (propos yanomami recueillis et traduits)


Kanonische Quelle : https://viasophia.org/de/articles/2026-09-28-megaprojets-deux-voix-sur-terre/
