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title: "Der innere Rückzug"
sousTitre: "Mark Aurel und die Möglichkeit eines Ortes ohne Ort"
description: "Für Mark Aurel ist der einzige Zufluchtsort in uns selbst. Lektüre der *Selbstbetrachtungen* IV.3 im Vergleich mit einer verwandten Intuition des Zhuangzi."
date: 2026-06-02
lang: de
tradition: transversal
auteurs: ["Mark Aurel", "Zhuangzi"]
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# Der innere Rückzug

Die Menschen suchen Zuflucht auf dem Land, am Meeresufer, in den Bergen. Genau das wirft Mark Aurel seinen Zeitgenossen zu Beginn des vierten Buchs der *Selbstbetrachtungen* vor. Der Vorwurf lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Man muss nicht fortgehen, um sich zurückzuziehen. Der Rückzug liegt in uns selbst.

  
    Ἀναχωρήσεις αὑτοῖς ζητοῦσιν ἀγροικίας καὶ αἰγιαλοὺς καὶ ὄρη·
    εἴωθας δὲ καὶ σὺ τὰ τοιαῦτα μάλιστα ποθεῖν. Ὅλον δὲ τοῦτο
    ἰδιωτικώτατόν ἐστιν, ἐξὸν, ἧς ἂν ὥρας ἐθελήσῃς, εἰς ἑαυτὸν ἀναχωρεῖν.
  
  Die Menschen suchen Zuflucht auf dem Land, am Ufer,
  in den Bergen. Auch du pflegst dir dies vor allem zu wünschen.
  Doch all das zeugt von einem beschränkten Geist, da es dir
  jederzeit möglich ist, dich in dich selbst zurückzuziehen.

Das Argument ist nicht bloß eine Frage der Bequemlichkeit. Es ist metaphysischer Natur. Wenn die Unruhe von den Dingen ausgeht, dann genügt es, vor den Dingen zu fliehen. Doch wenn die Unruhe vom Urteil über die Dinge herrührt – und das ist die grundlegende stoische These –, dann wird kein Ufer sie vertreiben. Die Unrast folgt dem Reisenden. Der einzige Ort, an dem sie sich lösen lässt, ist jener, aus dem sie entsteht: der Gedanke selbst.

*[ἀναχώρησις]* *Anachōrēsis* – der Rückzug. Derselbe Begriff wird später bei den   Wüstenvätern verwendet, um die Flucht aus den Städten in die   klösterliche Einsamkeit zu bezeichnen. Mark Aurel verinnerlicht ihn   bereits im 2. Jahrhundert.

Hier nun durchzieht eine fast gleichlautende Intuition das alte China, mehr als vier Jahrhunderte zuvor. Im sechsten Kapitel des *Zhuangzi* verkündet Meister Yan Hui Konfuzius, er habe Fortschritte gemacht. Er habe, so sagt er, „vergessen“. Konfuzius fragt nach. Der Schüler präzisiert: Er habe die Riten vergessen, dann die Musik. Und schließlich, so erklärt er, habe er das *zuowang* 坐忘 erreicht – wörtlich: „sitzend vergessen“.

> Ich lasse meinen Körper fallen, lege meinen Geist ab, gebe Form
> und Wissen auf und vereine mich mit dem Großen Ganzen: Das
> nenne ich sitzend vergessen.
>
> — **Zhuangzi**, *Œuvre complète*, ch. 6. éd. nach der französischen Übersetzung von Jean Lévi, Gallimard / Pléiade, 2011.

Die beiden Gesten sagen nicht dasselbe. Mark Aurel bewahrt ein Subjekt, das sich in sich selbst zurückzieht – ein *hēgemonikon*, ein „lenkendes Prinzip“, zu dem man wie zu einem Herd zurückkehrt. Zhuangzi hingegen deutet das Ablegen des Subjekts an, das Verwischen der Grenze zwischen Ich und dem All. Der eine errichtet einen Zufluchtsort; der andere lässt sogar die Frage nach dem Zufluchtsort fallen.

Doch was beide verbindet, ist eine geteilte Weigerung. Die Weigerung, sich auf äußere Vorrichtungen einzulassen. Die Weigerung, zu glauben, die Ruhe ließe sich irgendwo finden – an einem Strand, in einem Kloster, in einer wechselnden Landschaft. Für beide ist es gerade das Festhalten am Ort, das das eigentliche Hindernis darstellt. Mark Aurel spricht von einem *Rückzug zu jeder Stunde*. Zhuangzi von einem *Sitzen*, das keines Trägers mehr bedarf. In beiden Fällen wird die geografische Bewegung gegen eine unbewegte Bewegung eingetauscht.

## Eine Ökonomie der Ruhe

Was Mark Aurel und Zhuangzi infrage stellen, ist das, was man die touristische Ökonomie der Ruhe nennen könnte: die Vorstellung, man müsse kaufen, organisieren, reisen, um zur Ruhe zu kommen. Dieser Ökonomie setzen sie eine radikale Unentgeltlichkeit entgegen. Die Ruhe ist kein Gut, das man erwirbt; sie ist eine Haltung, zu der man zurückkehrt, wenn man aufhört, sie nach außen zu verlagern.

Die Moderne hat die *anachōrēseis* zum Katalogartikel gemacht – Yoga-Retreats, Meditationskurse, Wochenendausflüge zur Entspannung. Der Einwand der beiden Meister richtet sich weniger gegen diese Einrichtungen selbst als gegen die Anhänglichkeit, die man ihnen gegenüber entwickelt. Die Gefahr liegt nicht am Ufer, sondern in dem Glauben, man könne nur dort Ruhe finden.

Mark Aurel beschließt seinen Abschnitt mit einer schlichten, fast häuslichen Formel: *gönn dir also diese Ruhe zu jeder Stunde*. Das Verb ist wichtig. Die Ruhe wird nicht gefunden. Sie wird gegeben – von sich, für sich. Und nur unter dieser Bedingung ist sie unerschöpflich.

## Quellen

- Marc Aurèle, *Pensées pour moi-même* — Trédaniel, 2022, Übers. Pierre Vesperini (https://fr.wikisource.org/wiki/Pens%C3%A9es_pour_moi-m%C3%AAme_(trad._Couat))
- Zhuangzi, *Œuvre complète* — Gallimard / Pléiade, 2011, Übers. Jean Lévi


Kanonische Quelle : https://viasophia.org/de/articles/2026-06-02-retraite-interieure-marc-aurele/
